Schulwechsel

Nach der 4. Klasse: Grundschule oder schon Gymnasium?

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Friederike Deichsler
Zwei Schulkinder laufen durch das Treppenhaus ihrer Grundschule. (Symbolfoto)

Zwei Schulkinder laufen durch das Treppenhaus ihrer Grundschule. (Symbolfoto)

Foto: Frank Molter / dpa

Viele Eltern schicken ihre Kinder ab Klasse 5 auf ein grundständiges Gymnasium, weil ihr Nachwuchs in der Grundschule unterfordert ist.

Berlin.  Andreas Kern (Name von der Redaktion geändert) und seine Frau haben die „Notbremse gezogen“, wie er sagt. Ihre Tochter hat nach der vierten Klasse die Grundschule verlassen und besucht nun ein grundständiges Gymnasium in Berlin-Mitte. Dieses nimmt neben den regulären Oberschulklassen jedes Jahr auch eine fünfte Klasse auf. Insgesamt 43 Gymnasien in Berlin bieten solche Klassen an, viele mit einem speziellen Profil wie altsprachlich, naturwissenschaftlich, mit Musik- oder Sportbetonung. Die Anmeldefrist läuft in diesem Jahr noch bis 7. März.

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„Kind an der Grundschule unterfordert“

Andreas Kerns Tochter besucht ein Schnelllerner-Profil. Dabei wird der Unterrichtsstoff komprimiert und zusätzlich in sogenannten Enrichment-Bereichen vertieft. Im Gegensatz zu früheren Schnellläufer-Klassen wird aber kein Schuljahr mehr übersprungen. „Wir haben relativ schnell gemerkt, dass unser Kind an der Grundschule unterfordert war“, sagt Kern. Er habe den Eindruck gehabt, dass leistungsstarke Kinder an der Einrichtung in Moabit nicht unterstützt wurden. Da ein Wechsel auf Grundschulebene wegen des Wohnortprinzips schwierig ist, entschied sich die Familie für ein grundständiges Gymnasium.

Die Anmeldung läuft recht unkompliziert: Man gibt einen Erstwunsch an, kann aber bis zu drei Schulen favorisieren. Für die Schnelllerner-Klassen und auch für einige Profile ist zunächst ein Eignungstest vor dem eigentlichen Anmeldezeitraum notwendig. „Es war kein Problem, einen Platz an der Wunschschule zu bekommen“, sagt Kern. „Wir hatten uns mehrere angeschaut und unsere Tochter hat dann entschieden, welche für sie die interessanteste ist.“ Ausschlaggebend seien das vielfältige Angebot an Arbeitsgemeinschaften und aktive Sozialpädagogen gewesen, erinnert sich der Vater. Außerdem ist die Schule auch mit dem Fahrrad gut zu erreichen.

Auf Leistungsunterschiede wurde nicht eingegangen

Rückblickend – das Mädchen besucht inzwischen die 6. Klasse – sei es auf jeden Fall die richtige Entscheidung gewesen. „Noch zwei weitere Jahre wären verschwendet gewesen“, stellt Andreas Kern klar. Dabei geht es ihm nicht nur um Unterforderung. „Obwohl es eine Ganztagsschule war, war der Nachmittagsbereich eine Katastrophe. Eine pädagogische Förderung fand so gut wie gar nicht statt, und den Kindern wurde auch kaum Möglichkeit gegeben, in einer Art Studienecke etwas für sich zu lernen.“ Vor allem aber sei kaum auf Leistungsunterschiede eingegangen worden. „Die Spannbreite war enorm. Es herrschte aber die Haltung, dass die leistungsstärkeren Kinder es sowieso schaffen und man sie nicht fördern muss.“

Grundschule eher bremsend

Die Intention zum Schulwechsel sei dann von der Familie ausgegangen. Die Grundschule sei eher bremsend gewesen, sagt Kern. „Interessant war für mich die Erkenntnis, dass viele Lehrer den Unterschied zwischen Schnelllerner und Schnellläufer überhaupt nicht kannten. Es wurde eher ablehnend beraten.“ Der Vater findet das schade – und auch nicht im Interesse der Schüler. „Ich habe den Eindruck, dass man probiert, gerade an Brennpunktschulen die leistungsstarken Schüler zu halten“, meint er. Aus der Schule seiner Tochter seien teilweise fünf bis sechs Kinder pro Klasse gegangen. „Das dünnt die Klassen schon aus.“

Abwanderung leistungsstarker Schüler problematisch

Dass es vor allem leistungsstarke Schüler sind, liegt für Kern vor allem am Informationsangebot. Er selbst ist in Elterngremien aktiv und weiß daher gut über das Schulsystem Bescheid. „Wenn Eltern aber nicht so informiert sind oder vielleicht von der Grundschule falsch beraten werden, dann werden Schulkarrieren vorherbestimmt, ohne die Möglichkeiten der Kinder auszuschöpfen“, meint er. Vermutlich gebe es auch unter den vermeintlichen Problemschülern einige, die in einer Profilklasse gut aufgehoben wären.

So kommt es aber dazu, dass besonders leistungsorientierte Schüler aus bildungsnahen Elternhäusern die Grundschulen früher verlassen. „Übrig bleiben ‚Resteschulen‘“, hat auch Kern in seinem Bezirk festgestellt. Vor allem in heterogenen Kiezen würden die bildungsaffinen Eltern sich um einen Wechsel bemühen. „Das führt natürlich zu sozialen Problemen.“

Dabei findet der Vater das System mit sechs Jahren Grundschule nicht grundsätzlich schlecht. „Ich weiß nicht, ob es für jedes Kind gut wäre, wenn die Oberschule grundsätzlich ab der 5. Klasse beginnen würde“, sagt er. Er kennt mehrere Familien, die sich bewusst gegen den Wechsel nach der vierten Klasse entschieden haben. Einige fanden, ihr Kind sei noch nicht reif genug, sich an einer Oberschule mit älteren Schülern durchzusetzen. Andere hatten Bedenken wegen des höheren Niveaus und des Leistungsdrucks.

Es gibt Nachholbedarf bei Grundschulen

Auch deshalb müsse mehr Augenmerk auf die Grundschulen gelegt werden, findet Kern. „Dort wird die Grundlage geschaffen. Wer dort nicht die maximal besten Voraussetzungen erhält, hat es später noch schwerer“, meint er. Im Gespräch mit Oberschulleitern habe er gehört, dass einige Siebtklässler auf dem Niveau von Drittklässlern seien.

Das müssten dann wegen der Leistungshürde wiederum vor allem die Integrierten Sekundarschulen auffangen. „Eine Gruppe von Schülern und Eltern koppelt sich regelrecht ab. Das kann nicht im Interesse der Gesellschaft sein“, sagt der Vater. Er selbst spricht sich für das Modell der Gemeinschaftsschule aus, bei der die Schüler bis zum Schulabschluss gemeinsam lernen und kein Wechsel notwendig ist.