Neues Gesamtkonzept

Wie Berlins tote Mitte lebendig werden soll

Zwischen Alexanderplatz und Humboldt-Forum hält sich kaum jemand gerne auf. Ein neues Konzept soll die gesamte Gegend beleben.

Rathausforum und Marx-Engels-Forum werden von vielen Berlinern gemieden. Die Stiftung Zukunft Berlin will die Mitte wieder beleben.

Rathausforum und Marx-Engels-Forum werden von vielen Berlinern gemieden. Die Stiftung Zukunft Berlin will die Mitte wieder beleben.

Foto: imago stock / imago/Christian Ditsch

Spazieren gehen am Marx-Engels-Forum, oder sich vor dem Neptun-Brunnen treffen – die wenigsten Berliner dürften das in den vergangenen Jahren getan haben. „Die Orte zwischen Fernsehturm und Humboldt-Forum haben keine Funktion“, sagt Stefan Richter, geschäftsführender Vorstand der Stiftung Zukunft Berlin.

Es gäbe keinen Grund, sich dort aufzuhalten, was die Berliner auf dem weiträumigen Areal machen sollten sei komplett offen. Das will die Stiftung ändern. „Wir wollen die Mitte von einem Durchgangsort zu einem Ort machen, wo sich Menschen aufhalten wollen“, sagte Richter. Nach den schon vor Jahren mehreren Jahren erarbeiteten und vom Senat beschlossenen Bürgerleitlinien, solle das Rathausforum zu einem „Platz der Demokratie“ werden in der Mitte eines neu vernetzten Zentrums.

Stiftung Zukunft Berlin will Orte in Mitte besser verbinden

Wie das gelingen soll, stellte Richter am Dienstag gemeinsam mit Wolf-Dieter Heilmeyer, dem früheren Direktor des Antikenmuseums und der Publizistin Lea Rosh vor. Entscheidend sei ein Gesamtkonzept, um die einzelnen Orte des historischen Zentrums wie Humboldt-Forum, Rotes Rathaus, aber auch der Hackesche Markt und die Alte Münze enger zu verbinden und das Gebiet so für Fußgänger attraktiver zu machen. „Gute Wegeverbindungen sind der Schlüssel zur Neugestaltung der Mitte“, sagte Richter.

Die Stiftung orientiert sich bei ihrem Wege-Konzept an den historischen Straßenverläufen im Stadtkern. Die Achsen bestehen zum Teil bis heute, werden aber durch große Straßen zerschnitten, wie die Verbindung vom Hackeschen Markt, über das Rathausforum und die Alte Münze zum Märkischen Museum.

An der stark befahrenen Karl-Liebknecht- und Grunerstraße fehlt für Fußgänger eine einladende Querung der Bundesstraßen. Das müsse sich dringend ändern fordert die Stiftung. Früher verband zudem die Waisenbrücke das Märkische Museum im historischen Cölln mit dem Zentrum. Nach deren Abriss ist es bis heute komplett abgespalten, bemängelt Richter. „Das ist ein ganz zentrales Element, das wiederhergestellt werden müsste“.

„Geschichtsmeile“ in der Rathausstraße geplant

Eine weitere Achse soll die Rathausstraße vom Alexanderplatz bis zum Schlossplatz am Berliner Schloss bilden. Die Stiftung plädiert hier für eine „Geschichtsmeile“. Beginnend mit dem Aufbau der historischen Königskolonnaden vor dem Alexanderplatz und einem archäologischen Fenster für das Alte Rathaus soll es Besucher über die Geschichte Berlins aufklären. Die Meile soll am Neptunbrunnen auf dem Schlossplatz enden.

Dort, an seinen einstigen Standort, wünscht sich die Stiftung den Brunnen wieder hin. „Er gehört einfach vors Schloss“, sagte Rosh. An seinem aktuellen Platz sei er verloren. Am wiedererrichteten Schloss könne er den Schlossplatz hingegen aufwerten und auch als Endpunkt der geplanten Passage in der Breiten Straße dienen. Insgesamt solle die Aufwertung der Wege im Zentrum auch helfen, das Gebiet besser mit den umliegenden Quartieren zu vernetzen.

Marx-Engels-Forum könnte zum

Marx-Engels-Forum soll Weltgarten werden

Aufwerten möchte die Stiftung auch das Marx-Engels-Forum. Es könnte zu einem Weltgarten werden, erläuterte Wolf-Dieter Heilmeyer. Wer in den Ausstellungen im Humboldt-Forum die verschiedensten Kulturen der Welt erlebt habe, treffe im Anschluss in dem Park auf die Pflanzen aus genau diesen Weltregionen.

Das Rathaus- und das Marx-Engels-Forum sollen zudem näher zusammenrücken. Dafür soll der Autoverkehr im ganzen Gebiet reduziert werden. Die Spandauer Straße, bisher eine massive Trennung der beiden Foren, stellt sich die Stiftung als einen „Shared Space“ vor. Dort dürften zwar Autos fahren, Fußgänger hätten jedoch Vorrang.

Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel unterstützt Konzept

Unterstützung bekommen sie dabei von Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne). Das Konzept sei mit dem Bezirksamt abgestimmt und werde von ihm mitgetragen, teilte von Dassel mit. Die Pläne stehen auch in engem Bezug zu den am vergangenen Freitag vorgestellten Konzepten des ehemaligen FU-Präsidenten Rolf Kreibich und des Architekten Gert Eckel für das Rathausforum und dienten gewissermaßen als Grundlage.

Beim Senat habe ein solches Gesamtkonzept bisher jedoch keine Priorität, kritisiert Richter. „Am Molkenmarkt wird vor sich hin gebastelt, aber was vor dem Roten Rathaus passiert, ist dabei gar nicht im Blick.“ Dabei dränge die Zeit. Mit jedem fertigen Bauwerk, habe man eine Möglichkeit weniger, ein einheitliches Konzept zu erstellen. „Jetzt werden Tatsachen geschaffen, die für lange Zeit unverrückbar sind“, sagte Richter.

Stiftung kritisiert mangelnde Pläne beim Senat

Das Beispiel Molkenmarkt stehe dort stellvertretend. Werde bei der Quartiersplanung das Wege-Konzept nicht berücksichtigt, etwa durch einen attraktiven Überweg an der Grunerstraße, bleibe das Viertel auch nach der Umlegung der Grunerstraße vom Rathausforum abgeschnitten.

Entscheidend sei auch der Verlauf der neuen Tramstrecke zur Leipziger Straße. Sie soll entweder über die Rathausstraße oder die Spandauer und Karl-Liebknecht-Straße zum Alexanderplatz führen. Die breite Trasse in der Karl-Liebknecht-Straße sieht Richter als mahnendes Beispiel, wie die Tram eine Schneise in die Stadt schlagen könne. Um so wichtiger sei, schon vor dem Bau der neuen Strecke, festzuschreiben, wie diese sich in den Raum integrieren solle. „Wenn sie die Tram da bauen, dann können Sie das ganze Gebiet vergessen. Das ist dann abgeschlossen“, mahnte Richter.

Aus dem Senat komme bisher jedoch zu wenig, so Richter. „Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz hat seit Jahren ein Verkehrskonzept für das Zentrum versprochen.“ Bisher liege jedoch nichts vor und es sei auch nicht absehbar.

Morgenpost-Leserforum über Probleme in Mitte

Mit den Problemen der unattraktiven Mitte wird sich auch das Morgenpost Leserforum am Dienstag, 12. März im Märkischen Museum befassen. Unter dem Motto „Mitte – Probleme und Perspektiven eines Bezirks diskutieren: Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne); der stellvertretende Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, Sebastian Bar­tels; die Quartiersmanagerin Katja Niggemeier (Quartiersmanagement Brunnenstraße); der Leiter des Referats Kriminalitätsbekämpfung der Polizeidirektion 3, Kriminaldirektor Frank Millert, sowie der Mitte-Reporter der Berliner Morgenpost, Christian Latz. Moderator des Abends ist Morgenpost-Autor Hajo Schumacher.

Daneben geht es um die zukünftige Entwicklung von Mitte, insbesondere in den Bereichen Stadtentwicklung und Wirtschaft. Wie viel Wachstum ist möglich und wünschenswert? Gibt es noch Grundstücke, auf denen Wohnungen oder Büros gebaut werden können? Auch die soziale Infrastruktur wird an dem Abend besprochen. Mitte braucht neue Schulen und Kitas, aber wo sollen sie errichtet werden?

Und schließlich wird auch die Sicherheit eine Rolle beim Leserforum spielen. Welche Kriminalitätsschwerpunkte beschäftigen die Polizei? Wie entwickelt sich die Alltagskriminalität in den verschiedenen Ortsteilen? Und gibt es Gegenden, die man tatsächlich meiden sollte? Ein volles Programm also und sicherlich viel Stoff für Diskussionen. Seien Sie dabei und diskutieren sie mit.

Das Leserforum beginnt am 12. März um 19.30 Uhr im Märkischen Museum, Am Köllnischen Park 5, und dauert circa zwei Stunden. Nach der etwa 60 Minuten langen Podiumsdiskussion ist das Publikum gefragt. Teilnehmer des Forums können ihre Fragen stellen und sich in die Debatte einschalten. Die Teilnahme ist kostenlos, sie müssen sich allerdings zuvor in unserer Redaktion anmelden per E-Mail an aktionen@morgenpost.de, oder per Fax an die Nummer 030/8872 77967.

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