Entwurf für Berlins Mitte

Flaniermeile statt Betonwüste: Neue Pläne fürs Rathausforum

Das Forum am Fernsehturm ist ein trister Ort. Neue Entwürfe zeigen, wie Sonnensegel und Terrassen den Platz verändern könnten.

So stellen sich Architekt Gert Eckel und Zukunftsforscher Rolf Kreibich den Platz vor dem Rathaus vor.

So stellen sich Architekt Gert Eckel und Zukunftsforscher Rolf Kreibich den Platz vor dem Rathaus vor.

Foto: Entwurf Gert Eckel, Visualisierung Rene Panzert/archRPdesgin

Berlin.  Am Roten Rathaus sollen Ende dieser Woche die Bauzäune vom U-Bahnbau weg sein. Dann gibt es wieder mehr Platz zum Flanieren – nur wer will das eigentlich? Eine große, teils gepflasterte, teils asphaltierte Fläche überzieht den Platz zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche, rundherum stehen einige Bäume, in der Mitte verloren der Neptunbrunnen. Kaum ein Berliner hält sich gerne am Rathausforum auf.

Zu anonym, zu wenig Funktion hat der große Raum mitten im Zentrum Berlins für die Bewohner. Die meisten hasten nur vorbei. „Das Gebiet ist eine große Wüstenei“, sagt Rolf Kreibich. Der frühere Präsident der Freien Universität Berlin (FU) und aktueller Direktor des Sekretariats für Zukunftsforschung an der FU ärgert sich schon lange über die Gestaltung des zentralen Platzes im Schatten von Fernsehturm und Rotem Rathaus. „Schrecklich öde“, nennt Kreibich die große Fläche. „Seit 70 Jahren ist hier nur herumgestümpert worden.“

Am Roten Rathaus soll ein „Platz der Demokratie“ entstehen

Geht es nach Kreibich, soll es dabei nicht bleiben. Gemeinsam mit dem Architekten Gert Eckel hat der Zukunftsforscher ein neues Konzept für das Rathausforum entworfen. Sie wollen den Ort zu einem „Platz der Demokratie“ umgestalten. Berlin habe es verdient, „eine neue Mitte der Schönheit, Attraktivität und demokratischer Willensbildung zu bekommen“, fassen Eckel und Kreibich ihre Pläne zusammen. Der heute triste Platz soll nach ihrer Vorstellung mit neuen Elementen zu einem Flaniergebiet umgebaut werden.

Konkret sehen die Pläne um die Ein- und Ausgänge der neuen U-Bahnstation am Roten Rathaus unter anderem archäologische Fenster vor. Noch immer ist nicht klar, ob die Fundamente des früheren Berliner Rathauses künftig von der U-Bahnstation aus zu sehen sein werden. Geht es nach den beiden Initiatoren, sollen sie unabhängig davon oberirdisch einsehbar sein. Eckel und Kreibich plädieren dazu für zwei Flächen auf dem Rathausforum mit einem leicht erhöhten, trittsicheren Glasboden. „Wir wollen sichtbar machen, was an historischen Beständen noch unter der Erde ist“, sagt Eckel.

Segel soll Platz am Fernsehturm überspannen

Zwischen Fernsehturm und dem Eingang zur Jüdengasse soll nach den Plänen ein großes Dachsegel aus weißem Tuch in bis zu 15 Metern Höhe den Platz überspannen. „Sie schweben gewissermaßen und bilden einen Kontrast zu den massiven DDR-Baublöcken daneben“, sagt Architekt Eckel. Unter dem Tuchdach plädieren sie für Informationstafeln zur Berliner Geschichte. Ein zweites großes Segel stellen sie sich am Marx-Engels-Forum vor dem Nikolaiviertel vor.

Groß umgebaut würde nach den Plänen der Bereich an der Kreuzung von Spandauer Straße und Karl-Liebknecht-Straße. Großflächig soll der Teil des Platzes zu einer um zwei Meter erhöhten Terrasse aus rotem Sandstein oder Granit werden. Von dort aus würden große, in einem Halbkreis angelegte Stufen zum Platz hinab führen.

Auf der Achse zwischen Fernsehturm und Spandauer Straße soll nach den Entwürfen eine Reihe von Wasserspielen für Abwechslung sorgen. Eine andere Wasserfläche soll dagegen vom Rathausforum verschwinden. Der Neptunbrunnen soll weichen. Eckel und Kreibich plädieren dafür, ihn an seinen ursprünglichen Platz am wiedererrichteten Stadtschloss zu versetzen.

Kreibich: Es passiert nichts am Rathausforum

Die beiden Initiatoren gehen mit ihren Plänen an vielen Stellen bereits sehr ins Detail. Hinter ihnen steht auch keine große Initiative, sie bezeichnen sich selbst als „Einzelkämpfer“. Mit dem Entwurf wollen sie vor allem einen Debattenanstoß leisten. Gerne könne die Idee weiterentwickelt werden. „Es handelt sich hier um einen Vorschlag, damit über dieses öde Feld wieder diskutiert wird“, sagt Kreibich. Viel zu lange sei das zuletzt nicht geschehen, seit das Abgeordnetenhaus 2016 zehn Bürgerleitlinien für die Gestaltung der Berliner Mitte beschlossen habe.

„Es geht nicht, dass schon wieder mehrere Jahre vergangen sind und nichts passiert ist“, klagt der Zukunftsforscher. Zwar treibe der Senat die Entwicklung rund um den Molkenmarkt und Petriplatz voran, doch „am eigentlichen Ort der Berliner Mitte findet nichts Konkretes statt.“ Dabei sei genau jetzt nach Abschluss der U-Bahn-Bauarbeiten der richtige Zeitpunkt, an der einmal bestehenden Baustelle etwas Neues zu schaffen.

Stiftung Zukunft Berlin kritisiert Senat

Von einem konkreten Einzelkonzept nur für einen Teilbereich der historischen Mitte, wie ihn Kreibich und Eckel vorlegen, hält Stefan Richter nichts. „Was fehlt ist ein programmatisches Gesamtkonzept“, sagt der geschäftsführende Vorsitzende der Stiftung Zukunft Berlin, die sich seit langem für die Entwicklung in Berlins Zentrum einsetzt. Auch Richter greift deshalb den Senat an. „Es ist viel zu wenig passiert.“ Ein lang erwartetes Konzept des Senats für Berlins Mitte sei bis heute nicht sichtbar.

Gegen die Kritik verteidigt sich die zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Zurzeit wird ein Realisierungswettbewerb für den Freiraum Rathausforum und Marx-Engels-Forum vorbereitet“, teilte eine Sprecherin mit. Einfließen würden darin auch Empfehlungen der Anwohner aus der aktuell laufenden Stadtwerkstatt. Der Wettbewerb würde dann 2020 ausgelobt.

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