Wohnungen in Mitte

"Das ist Kälteterror, um die Leute herauszutreiben"

Die Mieter in der Habersaathstraße in Mitte beklagen, dass seit Monaten Fenster offen stehen. Der Investor hat ihnen gekündigt.

Mieter Theo Diekmann leidet darunter, dass das Haus, in dem er wohnt, immer weiter auskühlt.

Mieter Theo Diekmann leidet darunter, dass das Haus, in dem er wohnt, immer weiter auskühlt.

Foto: Reto Klar

Berlin. Theo Diekmann bekommt den Winter derzeit voll zu spüren. Seit Monaten leiden er und die anderen Mieter aus der Habersaathstraße in Mitte darunter, dass ihr Haus mehr und mehr auskühlt.

Schuld sind etliche geöffnete Fenster in leer stehenden Wohnungen des Gebäudes. Sie lassen die winterliche Kälte ins Haus. Die Fenster stünden mindestens seit Oktober offen, hat Diekmann protokolliert.

Die Folgen: Ein Mieter im sechsten Stock bekomme sein Schlafzimmer trotz laufender Heizung kaum noch warm. Die Wohnung sei rundherum umgeben von leeren Räumen mit offenen Fenstern. „So kann man nicht leben“, sagt Mieterratssprecher Diekmann. Die Mieter werfen dem Investor vor: „Das ist Kälteterror, um die Leute herauszutreiben.“

Besitzer wollte Haus bereits abreißen lassen

Aus Diekmanns Sicht sind das Versuche des Investors, auch noch die letzten Mieter loszuwerden. Die Wohnungen von Diekmann und den anderen Mietern liegen in absoluter Toplage in Mitte in direkter Nachbarschaft zur BND-Zentrale. Trotzdem sind die Mieten immer noch günstig.

Deshalb plante der Besitzer Arcadia Estates, den Gebäudekomplex, der einst das Mitarbeiterwohnheim der Charité war und vom Land Berlin 2006 an Privatinvestoren verkauft wurde, abzureißen. An der Stelle sollten stattdessen Luxusapartments entstehen. Doch der Abrissantrag wurde vom Bezirk Mitte abgelehnt.

Wenn Investoren Wohnraum abreißen, müssen sie seit April 2018 im gleichen Umfang Ersatzwohnungen zu einer Netto-Kaltmiete von 7,92 Euro pro Quadratmeter schaffen. Das hatte der Investor nicht geschafft. Es war die erste Anwendung des verschärften Zweckentfremdungsverbotsgesetzes.

Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe sprach damals von einem „Präzedenzfall“. Von den rund 100 Wohnungen im Gebäude sind heute nur noch rund 20 bewohnt. Der Rest steht leer. „Das Haus ist nach und nach entmietet worden“, sagt Diekmann. Bei den Verbliebenen greife der Besitzer zu härteren Methoden, um sie loszuwerden, so Diekmann.

Geschäftsführer spricht von "unbegründeten Unterstellungen"

Der Geschäftsführer des Hauseigentümers Arcadia Estates, Andreas Pichotta, hält dagegen. Er bestreitet, dass sich Diekmann oder andere Mieter in der Sache an die Hausverwaltung gewandt hätten. Nach einer Meldung der Bauaufsicht an die Hausverwaltung seien sechs angekippte Fenster sofort geschlossen worden. Mieter hätten sich zuvor nicht gemeldet. Die Vorwürfe weist er als „unbegründete Unterstellung“ zurück. Täglich prüfe die Hausverwaltung nun, ob in den leer stehenden Wohnungen Fenster offen seien.

Anders stellt Diekmann den Fall dar. Die Hausverwaltung habe trotz mehrerer Beschwerden der Mieter zunächst nichts unternommen. Dies bestätigen E-Mails, die der Berliner Morgenpost vorliegen. Zwar wurde eine schnelle Behebung des Problems von der Hausverwaltung Anfang Januar angekündigt, mehr als einen Monat lang passierte laut den Mietern jedoch nichts.

Inzwischen hat die Hausverwaltung laut Diekmann tatsächlich etappenweise in 15 Wohnungen Fenster geschlossen. In acht weiteren seien die Fenster jedoch noch immer geöffnet. Für Diekmann ist das Vorgehen des Vermieters „pure Schikane“. Sauer über die Zustände ist auch Frank Bertermann, Sprecher für Stadtentwicklung bei der Grünen-Fraktion im Bezirk Mitte: „Es ist ein Skandal, dass der Eigentümer auf diese Weise versucht, die Bausubstanz in Mitleidenschaft zu ziehen und die Mieter zu vergraulen.“

Auch das Bezirksamt ist mittlerweile tätig geworden. „Der Anschein, dass durch die Fensteröffnung in den Wohnungen die Mieter vertrieben werden sollen, ist nicht von der Hand zu weisen“, sagt Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). Für den heutigen Dienstag ist ein Rundgang in der Habersaathstraße mit der Wohnungsaufsicht vorgesehen.

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