Spendenaufruf

Gemeinde will Turmuhr der Versöhnungskirche restaurieren

Auf Initiative der Evangelischen Versöhnungsgemeinde und mit Spenden soll die Turmuhr nach 58 Jahren wieder in Betrieb gehen.

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Berlin. Jörg Hildebrandt achtete einst darauf, dass die Turmuhr der Versöhnungskirche an der Bernauer Straße in Mitte immer die genaue Uhrzeit anzeigte. Zu Beginn der 60er-Jahre war an Funkuhren noch nicht zu denken, deshalb verdiente sich der Student, später Mitbegründer des Ostdeutschen Rundfunks (ORB), rund zehn Mark pro Monat als Uhrenwart.

Sein Bruder war für die drei Kirchenglocken verantwortlich. Ihre Arbeit mussten die beiden gut machen, denn ihr Vater, der Pfarrer der Gemeinde, hatte seine Prinzipien. „Das Geläut und exakt gehende Uhren, nahezu sekundentreu, waren für ihn, Sohn eines untadeligen ostpreußischen Schulmeisters, fast wichtiger als eine gelungene Sonntagspredigt“, sagt der heute 80-Jährige.

Die Kirche wurde 1985 gesprengt, die Uhr hörte auf zu schlagen. Doch nun soll sie auf Initiative der Evangelischen Versöhnungsgemeinde und mithilfe von Spenden wieder in Betrieb gehen. Am 28. August 2019, 11 Uhr, so ist der Plan.

Schicksal der Pfarrerfamilie bewegt West-Berlin

Jörg Hildebrandt hatte im Oktober 1961 mit seiner Familie in Anwesenheit von Mitarbeitern der Staatssicherheit sein Zuhause auf dem Gemeindegrundstück für immer verlassen müssen. Denn sie waren die Letzten, die an der Bernauer Straße Ost den heute als Todesstreifen bekannten Bereich der Berliner Mauer bewohnten.

Das Schicksal der Familie wurde in West-Berlin, auch in den Medien, aufmerksam verfolgt. „Dem war es dann wohl auch zu verdanken, dass man uns einen Möbelwagen auf den angrenzenden Friedhof karrte und wir sogar Möbelträger bekamen“, sagt Jörg Hildebrandt. Alle anderen Anwohner, wenn sie nicht aus den Fenstern gesprungen waren, hätten ihren Hausrat selber schleppen und auf offene Armeelaster werfen müssen, bevor sie ihre Häuser verlassen mussten und umgesiedelt wurden.

Als der damalige DDR-Bezirksstadtrat für Inneres seinen Vater zu dem Umzug beglückwünschte, ging es dem damals 21-Jährigen zu weit. Er stellte die Zeiger der Kirchenuhr in allen vier Himmelsrichtungen auf fünf vor zwölf. Keine Zeit mehr zu verlieren. Das war die Botschaft. Wie der Rat des Stadtbezirks Mitte am 7. Juli 1964 in den Akten vermerkte, holten Volkspolizisten den „aufmüpfigen Pfarrerssohn“ vom Turm und verboten ihm, nochmals hinaufzusteigen. Den großen, silbernen Schlüssel besitzt er noch heute, doch zu seinem damaligen Arbeitsplatz kommt er damit nicht mehr.

Kirche hat zwei Weltkriege überstanden

Die Versöhnungskirche, die am 28. August 1894 eingeweiht wurde und zwei Weltkriege überstand, befand sich nach der Teilung Berlins im sowjetischen Sektor. Ab August 1961 stand sie im Grenzgebiet der DDR, der freie Zugang war schon bald nicht mehr möglich. 24 Jahre lang stand sie leer und verfiel, Grenzsoldaten hielten vom Turm Ausschau – bis das Kirchenschiff am 22. Januar 1985 und der Turm sechs Tage später gesprengt wurde. Die Turmuhr wurde vorher ausgebaut. Lange Zeit wurde das rund 200 Kilogramm schwere Uhrwerk in der Sophienkirche in Mitte gelagert. Im Zuge der Sanierung der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße vor fünf Jahren räumte Thomas Jeutner, der heutige Pfarrer der Versöhnungsgemeinde, den Keller des einstigen Gemeindehauses leer. Dabei fand er Teile der Uhr, die er zunächst bei einem Bauern in Lindenberg einlagern ließ.

Als dieser die Uhr wieder loswerden wollte, kam dem Pfarrer die Idee, den alten Zeitmesser nach 58 Jahren Stillstand wieder in Gang zu bringen. Um die Kosten von rund 30.000 Euro bezahlen zu können, sucht die Gemeinde nun unter dem Motto „Gönn Dir eine Minute“ Spender. Für 45 Euro können sie symbolisch eine Minute auf dem Zifferblatt kaufen, dazu gibt es eine Urkunde. Von den 720 Minuten von 0 bis 12 Uhr wurden seit dem Start der Aktion im November letzten Jahres 178 Minuten verkauft.

„Das Projekt ist so besonders, weil jeder einen Teil für das gemeinsame Erinnern beitragen kann“, sagt Thomas Jeutner. Zum 125. Gründungsjubiläum der Kirche am 28. August soll die Uhr unweit ihres ursprünglichen Standortes, im Foyer des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung am Nordbahnhof, aufgestellt werden. „Dort soll der Uhrenschlag daran erinnern, dass nichts selbstverständlich ist“, sagt Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, bei einer Auftaktveranstaltung.

Minuten für besondere Menschen und Momente

Jörg Hildebrandt hat als einer der Ersten von der Spendenaktion erfahren und sofort die Minuten von 11.55 bis 12 Uhr gekauft. Die ersten Minuten sind seinen drei Kindern, die vorletzte seiner verstorbenen Frau, Brandenburgs ehemaliger Sozialministerin Regine Hildebrandt (SPD), und die letzte ihm selbst gewidmet. Gemeindemitglied Gerda Neumann hat sich zwei Minuten gekauft. Diese hat sie ihrem Geburtsjahr und dem ihrer Tochter gewidmet.

Letztere ist wie der Großteil ihrer Familienmitglieder und Freunde schon verstorben. „Die Gemeinde ist jetzt meine Familie“, sagt die 95-Jährige. Als damals der spitze Kirchturm mit einem lauten Krachen in sich zusammensackte, stand sie mit ihrem Mann am Küchenfenster ihrer Wohnung an der Putbusser Straße und weinte. „Das Kreuz flog in hohem Bogen auf den Friedhof“, sagt Gerda Neumann. Für die Uhr hat sie ein Gedicht geschrieben. An ihr lernte sie als Kind, die Uhr zu lesen. Und dass sie nach dem Spielen spätestens um 19 Uhr wieder zu Hause sein musste.

Im Meisterbetrieb Glocken Bittner in Neuenhagen bei Berlin arbeiten Firmengründer Horst Bittner und sein Sohn Holger daran, dass die Uhr pünktlich aufgestellt werden kann. „Wir haben noch viel zu tun, denn sie ist in einem desolaten Zustand“, sagt Feinmechanikermeister Holger Bittner. Viele Originalteile fehlten und müssten neu angefertigt werden. Da das Uhrwerk über zwei Jahrzehnte stillstand, sei viel verrostet. „Aber wir freuen uns, dass wir ein Stück Geschichte für die Nachwelt erhalten können“, sagt Horst Bittner.

Informationen zu der Spendenaktion: uhr-der-versöhnung.de, Tel. 463 60 34

Die Geschichte der Bernauer Straße

Die Bernauer Straße an der Grenze zwischen Wedding und Mitte war ein Brennpunkt der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. Nach Angaben der Gedenkstätte Berliner Mauer zeigt sie exem­plarisch die Auswirkungen des Mauerbaus.

Der Grenzsoldat Conrad Schumann wurde mit seinem Sprung über den Stacheldraht am 15. August 1961 berühmt. Auch Fluchttunnel wurden gegraben. Viele Bewohner der Grenzhäuser auf Ost-Berliner Gebiet entschlossen sich nach den Sperrmaßnahmen spontan zur Flucht. Kurz nach dem Mauerbau 1961 wurden Häuser geräumt und ihre Bewohner zwangsumgesiedelt. Fenster und Türen wurden vermauert.

In der Nacht vom 10. zum 11. November 1989 wurden zwischen Bernauer Straße und Eberswalder Straße die ersten Segmente aus der Mauer gebrochen. Auch der offizielle Abriss der DDR-Grenzanlagen begann im Juni 1990 an der Bernauer Straße Ecke Ackerstraße. Heute befindet sich dort die Gedenkstätte Berliner Mauer.

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Jede Spende für die Turmuhr wird gebraucht