Recycling

Der Potsdamer Platz hat eine unterirdische Müllentsorgung

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Isabell Jürgens
Bundesumweltministerin Svenja Schulze (vorne l.) und Alba-Chef Eric Schweitzer (3.v.r) im Ver- und Entsorgungszentrum unter dem Potsdamer Platz.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (vorne l.) und Alba-Chef Eric Schweitzer (3.v.r) im Ver- und Entsorgungszentrum unter dem Potsdamer Platz.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Im Tunnelnetz des Abfalls: Bundesumweltministerin Svenja Schulze besucht die Recyclinganlage von Alba am Potsdamer Platz.

Berlin. Dafür, dass hier, 15 Meter unter dem Potsdamer Platz, auf der Ebene -3, täglich acht Tonnen Müll entsorgt werden, ist die Luft erstaunlich gut. Dabei sammelt Alba im 5000 Quadratmeter großen Ver- und Entsorgungszentrum (VEZ) die Speisereste von 34 Restaurants. Dazu kommt noch alles, was in dem Quartier mit seinen 91 Geschäften, zwei Kinos, zwei Theatern und der Spielbank, mit seinen täglich bis zu 100.000 Besuchern und 10.000 Bürobeschäftigten, an Müll produziert wird.

Kein Wunder, dass Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) besonders die innovative Dehydrieranlage begeistert. Diese sorgt dafür, dass aus ekligen Lebensmittelresten in kurzer Zeit manierliche Flocken werden, welche später in einer Biogasanlage energetisch verwertet werden. „Faszinierend!“, findet das die Ministerin, die sich am Donnerstag auf Einladung des Alba-Chefs Eric Schweitzer die gesamte Anlage anschaut.

Seit 1998 das Quartier am Postdamer Platz eröffnet wurde, betreibt das Entsorgungsunternehmen das unterirdische VEZ. Nach dem Masterplan des italienischen Stararchitekten Renzo Piano war die gesamte Warenanlieferung und Müllentsorgung unter die Erde verbannt worden. Eine gute Entscheidung. „160 Lkw erreichen täglich unser Zen­trum“, erklärt Werkleiter Mario Schulz der Ministerin.

Sensoren am Container helfen bei Zuordnung der Müllmenge

„Würden die alle auf Straßenniveau abgefertigt, hätten wir hier ein ernstes Verkehrsproblem.“ Und das an 365 Tagen im Jahr, denn die Anlage arbeite immer. Mit modernsten Mitteln: „Eine IT-gestützte Selbstwiegetechnik ordnet jedem Nutzer automatisch seine Abfallmenge zu“, so Schulz. Dadurch zahle jeder Mieter nur für den Abfall, den er selbst verursacht hat.

Dieses Prinzip führt dazu, dass die Mieter sehr diszipliniert ihren Abfall trennen, wie Alba-Chef Schweitzer ergänzt. Denn natürlich würden die zehn Mitarbeiter vor Ort genau kontrollieren, was in den Tonnen landet. „Je sortenreiner, desto günstiger der Entsorgungstarif“, sagt Schweitzer.

Und so könnten in der von Kunstlicht erhellten Anlage 22 Abfallarten – von Glas, Holz, Papier, Pappe, Plastik, Metall, Textilien bis hin zu den bereits erwähnten Speiseresten – separat erfasst und zu 50 Prozent recycelt werden. Das Papier beispielsweise gehe zur betriebseigenen Recyclinganlage in Hellersdorf. Den Restmüll hole die Berliner Stadtreinigung BSR einmal wöchentlich ab.

Abliefern müssen die Mieter ihren Müll jedoch nicht selbst in der Anlage. In dem fünf Kilometer langen unterirdischen Labyrinth von Versorgungswegen befinden sich an zahlreichen Stellen sogenannte Müllräume, die die Nutzer mit einem Chip öffnen können. In diesem befinden sich wiederum zahlreiche Container für die verschiedenen Abfallarten, die ebenfalls per Chip geöffnet werden können.

Aus recyceltem Fett stellt Industrie Kosmetik her

„Die Sensoren registrieren genau, wer wie viel Müll einwirft“, sagt Schulz. Der 56-Jährige ist seit 20 Jahren im „Bauch des Postdamer Platzes“ dafür zuständig, dass das System reibungslos funktioniert. Ist einer der Behälter voll, geht eine Meldung raus. Dann setzen sich die Mitarbeiter auf einen der Elektrowagen, bringen einen leeren Container, koppeln den vollen an ihren Wagen und schaffen ihn zur Sammelstelle.

Auf die gleiche Weise werden ankommende Waren unterm Postdamer Platz verteilt. Zu erreichen ist das Verteilzentrum durch eine eigene Zufahrt. Schweitzer: „Die erste Ausfahrt im Tiergartentunnel führt gleich in unser Verteilzentrum.“

Während die Pappe in der Presse vor Ort geräuschvoll gepresst wird, Lieferwagen hin- und herrangieren, geht es in der Speisedehydrieranlage relativ geräuschlos zu. Die in 200-Liter-Tonnen gesammelten alten Brötchen, Eierschalen, Kohlstrünke, Fischgräten und Joghurtsaucenreste werden aufs Förderband geschüttet, von Hand von Plastikresten und anderem befreit, was nicht hineingehört, um sodann in einer schwarzen Box zu verschwinden.

Darin, erklärt Schulz, werden die Speisereste getrocknet und gehäckselt. Heraus kommt ein relativ geruchsarmes „Geschnitzele“. Und Unmengen Fett, das aufgefangen wird „und in der Industrie sehr begehrt ist – die machen daraus unter anderem Kosmetik“, sagt Schulz.

Höhere Recyclingquote für Kunststoffverpackungen

Das Wasser, das beim Trocknungsprozess reichlich anfällt, wird ins Abwassernetz eingespeist. Auf diese Weise werden 700 Tonnen Speisereste im Jahr um 80 Prozent reduziert, schwärmt Schweitzer. Und 6000 Kilometer Lkw-Transportwege quer durch Berlin entfallen. „Die Anlage hier zeigt, was bei der Abfalltrennung und Sammlung möglich ist“, sagt die Umweltministerin nach ihrem Rundgang.

Noch besser wäre, wenn weniger Müll produziert würde. Die vor 20 Jahren in Betrieb genommene Anlage sei aber noch heute wegweisend effizient, umweltfreundlich und entlaste Mensch und Verkehr. „Die VEZ zeigt, wie Müllentsorgung in der Stadt der Zukunft aussehen kann“, fügt Schulze hinzu.

Auch auf die neuen Recyclingquoten verweist die Ministerin. Diese stiegen am 1. Januar für Kunststoffverpackungen von 36 auf 58,5 Prozent. Ab 2022 soll die Quote, wie im Verpackungsgesetz beschlossen, bei 63 Prozent liegen. „Je sauberer das im Recycling-Prozess entstandene Produkt ist, desto eher werden wir die Akzeptanz zur Verwendung dieser Rohstoffe steigern“, sagt Svenja Schulze.

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