Debatte um Umbenennung

Beuth Hochschule: Wenn der Namenspatron Antisemit ist

So ganz bestreitet niemand mehr den Judenhass des Christian Peter Beuth. Die mögliche Umbenennung der Hochschule erhitzt die Gemüter.

Eine mögliche Umbenennung der Beuth Hochschule spaltet Studierende und Lehrpersonal.

Eine mögliche Umbenennung der Beuth Hochschule spaltet Studierende und Lehrpersonal.

Foto: picture alliance

Berlin. Wer will schon, dass der Name eines Antisemiten auf seinem Abschlusszeugnis geschrieben steht. Darüber machen sich in diesen Tagen Studierende der „Beuth Hochschule für Technik“ im Stadtteil Wedding Gedanken. Denn, das ist unter Experten unbestritten, der preußische Ministerialbeamte und Wegbereiter der Ingenieurwissenschaften Christian Peter Beuth hat sich antisemitisch geäußert.

Als Mitglied der „Deutschen Tischgesellschaft“ wünschte er sich etwa das "Verbluten" von "Judenjungen" bei der Beschneidung. Muss die Beuth-Hochschule also umbenannt werden? Das wird momentan intensiv debattiert – und spaltet Studierende und Lehrpersonal.

„Ich hatte das Gefühl, ich bin getäuscht worden“, sagt etwa David Czycholl. Er sitzt als Vertreter der Studierenden in einer Arbeitsgruppe, die Hochschullpräsidentin Monika Gross im vergangenen Sommer einrichtete. Sie soll sich mit dem schwierigen Erbe des Namens auseinanderzusetzen. Czycholl befürwortet, den Namen abzulegen. Er kritisiert: „Man fühlt sich hilflos der Masse an Informationen gegenüber.“ Das sagt er von der Bühne, die im Ingeborg-Meising-Saal der Hochschule aufgebaut wurde.

Veranstaltung ist "dezidiert ergebnisoffen"

Präsidentin Gross hatte zum großen Symposium „Christian Peter Wilhelm Beuth in seiner Zeit“ eingeladen. Die Veranstaltung wird per Live-Stream im Internet übertragen, die Hochschule ist technisch längst angekommen im 21. Jahrhundert. Und auch der Saal selbst war am Abschlusstag fast voll. Es sollte dabei „dezidiert ergebnisoffen“, wie Gross betonte, über Beuth, dessen historischen Hintergrund und eine mögliche Umbenennung geredet werden, auch: gestritten.

Seit über einem Jahr setzt man sich an der Hochschule mit einer gewichtigen Frage auseinander. Sie lautet: Soll der Name wieder abgelegt werden, den man sich erst 2009 nach aufwendiger Suche verpasst hatte. Ausgelöst hatte die Debatte ein Gutachten zu Beuth, welches der Soziologe und Rassismusforscher Achim Bühl im Juni 2017 vorgestellt hatte. Er machte erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, dass Beuth wohl Antisemit war.

Seitdem schwelt die Diskussion an der Hochschule und wurde im Oktober 2018 durch ein weiteres Gutachten endgültig zum Streit. Mittendrin: der ehemalige Hochschulpräsident Reinhard Thümer.

Ex-Direktor ist strikt gegen die Umbenennung

Thümer hatte 2009 den Namen Beuth durchgesetzt und ist strikt dagegen, den Hochschul-Namen zu ändern. Es heißt, er sieht sein Lebenswerk gefährdet. Im Oktober hatte er das umstrittene Papier vorgelegt, durch das sich Studierendenvertreter Czycholl nun getäuscht sieht. Thümer, der selbst kein Historiker ist, schließt in seinem Gutachten, dass „eine Verurteilung von Beuth als Antisemit“ vor einem ordentlichen Gericht kaum Bestand hätte. Er sagt: „Mein Verhältnis zum Namen ist ungebrochen.“

Eine Position, für die ihm ein scharfer Wind entgegenbläst. Am deutlichsten in einem weiteren Gutachten, das Uffa Jensen verfasste, stellvertretender Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. In dessen Stellungnahme heißt es: Thümers Schreiben sei „kein wissenschaftliches Gutachten“, er scheue sich nicht einmal „Wikipedia-Einträge zu Rate zu ziehen“. Jensen schließt, es sei "unredlich, alternative Fakten zu suggerieren", um hochschulpolitische Interessen durchzusetzen. Gutachten, Gegengutachten – so geht das, wenn Wissenschaftler streiten.

Beide Gruppen sollten nun auf dem Symposium zusammentreffen: Thümer durfte auf großer Bühne seine Position vertreten, den Namen zu behalten. Denn: Beuths Leistungen als Ingenieur und Innovator seien ja unumstritten. Anders der Soziologe Bühl, der auf keinem Podium saß – ein Fachkollege und zwei Studierendenvertreter argumentierten für ihn. Das hatte Rektorin Gross im Vorfeld der Veranstaltung einige Kritik eingebracht.

Beide Gruppen fühlen sich angegriffen

Der Tenor: Die Befürworter der Namensänderung würden benachteiligt. Und auch der Vertreter der anderen Gruppe fühlt sich angegriffen: Ex-Rektor Thümer ist vor allem über das Gutachten von Antisemitismusforscher Jensen enttäuscht. „Es ist nicht so prickelnd, wenn man als Hobby-Historiker hingestellt wird“, sagte er. Das sei eine Art von Debattenkultur, die er an der Hochschule nicht für möglich gehalten habe. Er wolle ja mehr Austausch: „Es ist ja nicht so, dass ich die Weisheit mit Löffeln gefressen habe, was da im 19 Jahrhundert passiert ist.“

So weit, so kompliziert. Was sagt eigentlich eine jüdische Stimme zur Debatte um den Antisemitismus von Beuth? Andreas Nachama, Direktor der Topographie des Terrors und Rabbiner, hörte gespannt den Argumenten der Gruppen zu und lobte erstmal. „Ich freue mich darüber, dass es nun zu einem öffentlichen Diskurs kommt.“

Die Debatte über Christian Peter Beuth dürfe nicht bei Gutachten stehen bleiben, die in Bibliotheken verstauben, so Nachama. Er sagte: „Man kann Geschichte nicht ausradieren, der Name bleibt mit der Schule verknüpft.“ Egal, ob der Name bliebe oder ein neuer gefunden würde; es solle eine Langzeitausstellung geben, die sich mit der Geschichte der Hochschule und ihres Ahnherren Beuth beschäftige. Eine Position, die Nachama großen Applaus einbrachte.

Debatte könnte noch Jahre dauern

Wie die Diskussion an der Hochschule weitergeht, bleibt allerdings auch nach dem Symposium offen. Die beiden Seiten stehen sich nach wie vor recht unvereinbar gegenüber. So schloß Student Czycholl am Ende der Debatte: „Die einzige logische Folge aus dem was wir über Beuth wissen, ist, sich umzubenennen.“ Er könne sich nicht mit dem Namen eines Antisemiten identifizieren.

Thümer erklärte darauf das Gegenteil: „Wir können der Geschichte nicht dadurch entfliehen, dass wir die Hochschule umbenennen.“ Ende des Monats will die Präsidentin alle 14.000 Mitglieder der Hochschule befragen. Dann entscheidet sich, wie der Prozess weitergeht.

Dass wohl mit einem langwierigen Verfahren zu rechnen ist, zeigt das Beispiel der ehemaligen Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifwald. Die Universität benannte sich im vergangenen Jahr um, nachdem klar wurde, dass der Schriftsteller und Politiker Arndt ein Antisemit und Fremdenfeind war. Allerdings vergingen bis dahin zwei Jahrzehnte, das Universitätsklima galt zwischenzeitlich als vergiftet. Es stehen also spannende Jahre an für die Berliner Hochschule für Technik.

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