Berlin. Es ist einer der größten Kriminalfälle in der Geschichte Berlins. Der Fall der 14-jährigen Georgine Krüger beschäftigte die Ermittler zwölf Jahre. Am vergangenen Dienstag vermeldete die Polizei dann die Festnahme des 43-jährigen Ali K. Für die Ermittler ein großer Erfolg, den die Behörde nicht zuletzt der hartnäckigen Arbeit der sechsten Mordkommission verdankt. Nur dem unermüdlichen Einsatz dieses Teams ist es zu verdanken, dass ein Tatverdächtiger gefasst werden konnte und der Fall Georgine Krüger damit vor der Aufklärung steht.
Und trotzdem tauchen immer mehr kritische Fragen zur Arbeit der Polizei auf. Obwohl der Fall seit Tagen die Menschen in der Hauptstadt beschäftigt, wollen sich nur wenige Verantwortliche öffentlich äußern. Nachfragen bei den Ermittlern werden mit Verweis auf die Arbeitsbelastung von der Behördenleitung abgelehnt. In Hintergrundgesprächen verweisen Beamte auf das laufende Verfahren, weshalb Äußerungen zum Fall schwierig seien. Sie äußern aber auch Unverständnis über die Selbstdarstellung der Behörde, denn viele offene Fragen könnte man auch erklären, heißt es. Eine Anfrage der Berliner Morgenpost bei der Pressestelle der Polizei blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Das sind die wichtigsten Fragen:
Warum wurde Ali K. nicht schon früher festgenommen?
Fünf Jahre nach dem Verschwinden von Georgine Krüger wurde Ali K. wegen sexuellen Missbrauchs einer anderen Jugendlichen angezeigt und im Jahr 2012 verurteilt. Die Tat ereignete sich in der Stendaler Straße, in der auch Georgine Krüger im Jahr 2006 verschwand und in der Ali K. lebte. Hätte die Mordkommission, die für den Fall Georgine Krüger zuständig ist, von der Verurteilung erfahren, so die Vermutung, hätte Ali K. schon viel früher mit dem Verschwinden von Georgine Krüger in Verbindung gebracht werden können. Warum diese Verbindung nicht gezogen werden konnte, ist unklar. Der Vorwurf: Hätten die Beamten, die gegen Ali K. im Jahr 2011 ermittelten, ihre Erkenntnisse an die Mordkommission einfach weitergeleitet, wäre Ali K. schon viel früher ins Visier der Polizei und hinter Gitter gekommen. Das lässt zwei Vermutungen zu: Die Beamten, die gegen Ali K. wegen sexuellen Missbrauchs ermittelten, kannten einen der wichtigsten Kriminalfälle Berlins nicht. Andernfalls hätten sie ihre Erkenntnisse geteilt. Falls die Ermittler den Fall doch kannten, ließe das Fragen zur Kommunikation innerhalb der Behörde zu.
Hätte man nicht alle Menschen im Wohnumfeld kontrollieren können?
Das sei unrealistisch, sagte ein Ermittler der Berliner Morgenpost. „Nur wenn wir massenweise unbescholtene Bürger durchleuchten, hätten wir Ali K. eher gefunden“, sagte der Beamte weiter. Eine andere mit dem Fall betraute Person sagte: „In einem Staat wie China mit totaler Überwachung wäre das möglich.“ Das heißt: Nur wenn die Polizei systematisch alle Personen im Wohnumfeld von Georgine Krüger, darunter auch viele unbescholtene Bürger, durchleuchtet hätte, wäre sie eher auf Ali K. aufmerksam geworden. Laut Staatsanwaltschaft sei das rechtlich aber äußerst problematisch. Denn: Als Ali K. 2011 ins Visier der Ermittler geriet, wurde er im Fall Georgine Krüger nicht als Verdächtiger geführt. Und umgekehrt war Ali K. zum Zeitpunkt des Verschwindens von Georgine Krüger noch nicht aktenkundig.
Gibt es bei der Polizei ein Kommunikationsproblem? Warum wurde die Mordkommission nicht informiert?
Bei dieser Frage geht die Meinung behördenintern auseinander. Bei Tausenden Ermittlungen im Jahr sei es schlicht unrealistisch, dass Ermittler sofort Querverbindungen zu anderen Sachbereichen ziehen. Andere sagen, dass man erfahrenen Beamten durchaus zutrauen könne, herausragende Verfahren der Hauptstadt zu kennen. Das heißt: Als die Stendaler Straße bei den Ermittlern des sexuellen Missbrauchs im Jahr 2011 auftauchte, hätten sie aufmerksam werden müssen, weil eben an jener Straße Georgine Krüger verschwand.
Werden Hinweise nicht ernst genommen?
Das ist der schwerwiegendste aller Vorwürfe. Die Zeitung „B. Z.“ berichtete, dass sowohl das Opfer des sexuellen Missbrauchs aus dem Jahr 2011 als auch eine weitere Frau aus dem Jahr 2014 bei der Polizei angaben, dass Ali K. etwas mit dem Verschwinden von Georgine Krüger zu tun haben könnte. Beide seien von Beamten der zuständigen Polizeidienststelle nicht ernst genommen worden. Die Polizei spricht von schwerwiegenden Vorwürfen, „die untersucht werden müssen“.
Ermordete Georgine K. - Polizeipannen bei den Ermittlungen?
So ermittelte die Polizei im Fall Georgine Krüger
Mordfall Georgine Krüger: Tatverdächtiger ist ein Nachbar
Berliner Morgenpost