Im Herzen Berlins

So sah der Tiergarten früher aus

In den gut 300 Jahren seines Bestehens hat sich im Tiergarten auch immer die Entwicklung Berlins niedergeschlagen.

So sieht der Tiergarten heute aus...
...und so sah der Park früher aus.
So sieht der Tiergarten heute aus...

Mitte. Der erste Besuch im Großen Tiergarten ließ Manfred Gengnagel verdutzt zurück. Der sieben Jahre alte Junge aus Offenbach war 1962 mit seiner Familie am Flughafen Tempelhof gelandet und auf dem Weg durch den Park nach Moabit. „Warum fahren wir durch den Wald“, fragte er seine Mutter. Sie seien doch in Berlin. Ganz unrecht hatte er mit der Frage nicht. Schließlich war der Park lange ein Wald gewesen. Umzäuntes Jagdrevier der preußischen Monarchen. Der Wald wurde 1717 geöffnet und zur Parkanlage gemacht.

Gut 300 Jahre ist der Großer Tiergarten nun alt. Das sind auch 300 Jahre Berlin. Die Geschichte der Stadt hat sich immer auch in ihrer grünen Lunge im Zentrum der heutigen Hauptstadt niedergeschlagen. Zuletzt sorgte der Park allerdings vor allem für negative Schlagzeilen (siehe Interview) als Obdachlosenlager oder im Zusammenhang mit dem Mord an Susanne Fontaine. Doch ob Tiefen oder Höhen, der Park war immer ein Spiegelbild der Stadt.

Mit einem Bildband hat Manfred Gengnagel diese Veränderungen nun dokumentiert. Der Park, der ihn schon als Kind faszinierte, fesselt ihn noch heute. Der gelernte Diplom-Ingenieur kam 2006 nach Berlin, seit 2012 arbeitet er als Velo-Taxi-Fahrer in Berlins Zentrum. Für die Stadtführungen, die er Touristen täglich gibt, setzte er sich intensiv mit dem Park und seiner Geschichte auseinander. So entstand auch die Idee zu seinem Buch. Historischen Aufnahmen von rund 30 Orten im und am Tiergarten stellt er aktuelle Fotos gegenüber.

Vom Jagdrevier zur öffentlichen Parkanlage

Ein Blick auf die Entwicklung der Stadt ist so entstanden. Schaut man etwa auf einem Bild von 1920 vom Brandenburger Tor aus die heutige Straße des 17. Juni hinunter, ist von der Siegessäule nichts zu sehen. Erst Adolf Hitler ließ sie 1938 an den Großen Stern setzen, um vor dem Reichstag einen Exerzierplatz zu schaffen. Auf einer anderen Aufnahme aus jenem Jahr wird die Siegessäule gerade abgebaut. Im Hintergrund steht weder das Bundeskanzleramt noch das Haus der Kulturen der Welt. Dafür die Krolloper, die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und anschließend abgerissen wurde.

Sowieso der Krieg. Nichts hat den Tiergarten so drastisch verändert wie diese Zeit und die Jahre nach dem Sieg der Alliierten in der in Sektoren geteilten Stadt. Bombardements bei den Angriffen auf Berlin zerstörten große Teile des Parks. Im Blockadewinter 1948/49 dann fällten die Bewohner der West-Sektoren fast alle verbliebenen Bäume in der östlichen Hälfte des Tiergartens.

Eindrucksvoll zeigt dies eine von der Spitze der Siegessäule aus gemachte Aufnahme von 1952 im Bildband: Mit der Auffor-stung wurde gerade erst begonnen. Die jungen Bäume spenden noch keinen Schatten und geben von oben den Blick frei auf das Wegenetz und die Wiesen. Statt mächtiger Bewaldung karge Fläche zwischen Brandenburger Tor und Großem Stern.

Aus dem Zentrum an den Rand des Westsektors

Ähnlich einschneidend prägte später der Bau der Mauer den Großen Tiergarten. Der Park war nicht mehr im Zentrum der Stadt, sondern lag plötzlich am Rande West-Berlins. Die Gegend um den Mauerstreifen war auf einmal das Ende der West-Berliner Welt. Trostlosigkeit hielten im Schatten der Mauer Einzug.

Dafür sorgte auch die ab August 1961 in kürzester Zeit errichtete Entlastungsstraße. Sie zerschnitt den Großen Tiergarten in Nord-Süd-Richtung, um nach der Grenzschließung einen alternativen Verkehrsweg zwischen Wedding und Schöneberg zu bieten. Dafür wurde zwischen dem Platz der Republik und der Lennéstraße eine Schneise durch den Park geschlagen.

Die stark befahrene Straße trug nicht dazu bei, die Aufenthaltsqualität im Tiergarten zu erhöhen. Sie galt als Schandfleck. Nach dem Fall der Mauer endete auch die Geschichte dieser Strecke. Die Straße wurde zurück gebaut. Der Park änderte wieder einmal sein Gesicht. „Seit 300 Jahren hat jede Generation ihren Beitrag geleistet, den Park zu gestalten“, sagt Gengnagel.

Holocaust-Denkmal und Denkmal für ermordete Sinti und Roma

In den vergangenen Jahren wurde im Großen Tiergarten das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma errichtet. Nicht weit entfernt entstand am Rand des Parks das Holocaust-Mahnmal. Sie bilden Gegenentwürfe zur huldigenden Erinnerungskultur, wie sie etwa das Bismarck-Denkmal und die vergoldeten Kanonenrohre der Siegessäule am Großen Stern repräsentieren.

Daneben ist der Park heute Schauplatz von Demonstrationen und Großveranstaltungen geworden. In den 90ßer-Jahren feierten hier über eine Million Raver die Loveparade. Heute wird die Straße des 17. Juni für Fanmeilen oder die Einheitsfeierlichkeiten zum temporären Festplatz der Hauptstadt. Der Park ist weit mehr als Berlins grüne Lunge. Er ist das Symbol des modernen Berlins, Mitten im Herzen der Metropole.

Manfred Gengnagel: „Rund um Berlins Großen Tiergarten – Das Herz der Hauptstadt einst und jetzt“, Sutton Verlag 2018, ISBN: 978-3-95400-997-8.

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