Problemkiez-Tagesstätte

Wieso diese Berliner Kita eine der besten Deutschlands ist

Die Tagesstätte „Firlefanz“ liegt im Problemviertel Soldiner Kiez – und ist nominiert für den Deutschen Kita-Preis.

Die Kita "Firlefanz" ist nominiert für den Deutschen Kita-Preis.

Die Kita "Firlefanz" ist nominiert für den Deutschen Kita-Preis.

Foto: Christian Latz / BM

Berlin. Rauf auf den Kasten und runtergesprungen: Die Kinder toben an diesem Morgen in der Kita „Firlefanz“. Draußen versuchen manche, das Klettergerüst zu erklimmen – egal wie alt sie sind. Die Erzieherinnen schauen bloß zu. „Es gibt keine Tabuzonen bei uns“, sagt Kita-Leiterin Barbara Burdorf. Keinem Kind wird beim Klettern geholfen, es wird aber auch niemandem verboten, weil er oder sie zu klein oder jung ist. „Wenn die Kinder das schaffen, schaffen sie es“, sagt Burdorf. „Sie erkunden so alles ganz alleine.“

Es ist ein fester Bestandteil der Philosophie hier. Einer von mehreren Ansätzen, der die Kita „Firlefanz“ zu etwas Besonderem macht – und weshalb sie für den Deutschen Kita-Preis nominiert wurde. Die Tagesstätte liegt im Soldiner Kiez in Gesundbrunnen, einem der sozial schwächsten Kieze der Stadt. 68 Prozent der Kinder hier leben laut aktuellen Zahlen in Hartz-IV-Familien. Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund im Kindergarten beträgt 74 Prozent. Was genau macht die Kita aus dem Problemviertel zu einer der besten Deutschlands?

Viele Muttersprachen seien ein Vorteil

Mit der Nominierung hätte Burdorf nie gerechnet, sagt sie. Dabei weiß auch die Leiterin um die Qualität der Tagesstätte. Seit 2014 ist die Einrichtung Konsultationskita: Pädagogikstudenten besuchen den Kindergarten, um hier zu lernen. Auch andere Kitas lassen sich beraten. Eine Besonderheit der Einrichtung: Die Mitarbeiter wurden drei Jahre speziell geschult, um Sprachunterricht im Alltag zu vermitteln. Morgens würde jedes Kind zum Beispiel individuell begrüßt. Auch werde keines abgewimmelt. „Wir geben den Kindern Zeit, ihre Sätze zu formulieren, auch wenn es länger dauert“, sagt Burdorf.

Dass die Kinder hier von zu Hause 24 verschiedene Sprachen mitbringen, sei kein Problem, die Mischung sogar gut. „So müssen sie untereinander auf Deutsch reden, um sich zu verstehen“, sagt die Leiterin. Einerseits achtet die Leitung daher darauf, nicht nur Kinder gleicher Herkunft in einer Gruppe zu haben. Andererseits sei es wichtig, trotzdem etwa mehrere türkische Kinder zusammenzulassen. Nur so könnten sie ihre Muttersprache richtig lernen, heißt es. Dies sei der Schlüssel, um später auch Deutsch zu beherrschen.

Kinder erhalten viel Bewegungsfreiheit

Daneben wird den Kindern hier viel Raum gegeben, selbst zu entscheiden, was sie machen möchten. „Unsere Kinder sind sehr selbstständig“, sagt Burdorf. Auf den einzelnen Etagen können sich Kinder aller Altersstufen frei bewegen. Ob sie im Bewegungsraum toben, im Bauraum Klötze stapeln oder sich doch lieber mit einem Buch in die Leseecke zurückziehen – es liegt ganz bei ihnen.

Die sechs bis sieben Erzieherinnen pro Etage greifen selten direkt in die Erkundungstouren der bis zu 40 Kinder in jedem Stockwerk ein. Dadurch bleibt auch mehr Zeit, sich gleichzeitig um die Belange der Eltern zu kümmern, so Burdorf. Alleingelassen würden die Kinder deshalb nicht. Jedes Kind habe eine feste Bezugserzieherin. „Die haben immer Zeit, wenn die Kinder sie brauchen.“

Fokus auf Sprache und viel Bewegung für die Kinder

Die Freiheit der Kinder meint hier immer Bewegungsfreiheit. Es ist das Kernkonzept des Trägers „Kinder in Bewegung“ (KiB), dem die Kita angehört. „Die Wissenschaft weiß heute, dass im frühen Kindesalter fast alle Lernprozesse über Bewegung ablaufen“, erklärt Heiner Brandi, Co-Geschäftsführer von KiB und Direktor des Landessportbundes Berlin.

Die Kinder müssten sich selbst aktiv die Welt erobern im Sinne einer intellektuellen Herausforderung, so Brandi. Wie das im Alltag umgesetzt wird, macht Burdorf deutlich: Wenn die Kinder die Farben lernen, geschieht dies nicht am Tisch, sondern über ein Bewegungsspiel, bei dem sie auf Rollbrettern durch den Raum rasen. Lernen die Kleinen Präpositionen, müssen sie auf, vor, oder neben die Bank springen.

Warteliste der Kita bereits voll

All diese Konzepte erfordern viel Zeit. Die Kita „Firlefanz“ kann sie aufbringen. Etwa weil sie beim Personalbedarf von Zuschlägen für nicht deutschsprachige Kinder profitiert. Auch dafür, dass die Kita im Bereich eines Quartiersmanagements liegt, gibt es zusätzliche Mittel. Insgesamt kommt der Kita die Lage im Problemkiez so sogar zugute. Schon seit 1996 gibt es die Tagesstätte im Viertel. „Anfangs war es schwer“, gibt Burdorf zu. „Mittlerweile aber ist es ein sehr schönes Arbeiten.“

Das honorierten auch die Eltern, erzählt die Erzieherin. Viele empfählen die Kita weiter. Dennoch kann die Tagesstätte derzeit nur 100 von 130 möglichen Kindern aufnehmen. Auch hier ist der bundesweite Erziehermangel angekommen. Wer sein Kind in der Kita „Firlefanz“ unterbringen möchte, hat schlechte Karten. Die Warteliste ist geschlossen.

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