Robert-Koch-Institut

Die gefährlichsten Viren der Welt lagern in Berliner Labor

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Anja Sokolow
Die Mitarbeiter im Labor müssen Vollschutzanzüge tragen. Die Anzüge sind luft- und wasserdicht, sie haben eine eigene Luftzufuhr

Die Mitarbeiter im Labor müssen Vollschutzanzüge tragen. Die Anzüge sind luft- und wasserdicht, sie haben eine eigene Luftzufuhr

Foto: RKI

In einem neuen Hochsicherheitslabor in Wedding sollen nun Erreger wie Ebola untersucht werden. Ein Ortstermin.

Wedding. In wenigen Tagen kommt das gefürchtete Ebola-Virus nach Berlin. Genauer: in den Wedding. Sorgen müssen sich die Berliner aber nicht: Eine Spezialfirma soll die Krankheitserreger aus Hamburg in einem sicheren Transporter ins neue Hochsicherheitslabor des Robert Koch-Instituts (RKI) bringen. Es ist der Moment, auf den Laborleiter Andreas Kurth und sein Team jahrelang hingearbeitet haben: Nach der Ankunft der gefährlichen Viren kann die eigentliche Arbeit des Labors losgehen. Bislang lief nur der Testbetrieb.

Der Virologe Kurth und Kollegen wollen dann unter anderem erforschen, ob Fledermäuse Überträger der Ebola-Viren sein könnten. „Über die Übertragungswege der Viren ist kaum etwas bekannt“, sagt Kurth. An Ebola starben erst vor wenigen Jahren rund 11.000 Menschen. Die Diagnose hochpathogener Viren, ihre Erforschung und irgendwann auch ihre Therapie – etwa durch Erkenntnisse, die bei der Impfstoffentwicklung helfen – das will Kurth in Berlin vorantreiben.

Das Labor hat die höchste Sicherheitsstufe (S4). Neben dem Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, von wo auch die Ebola-Viren kommen werden, und einem Labor in Marburg ist es das dritte dieser Art in Deutschland. Nur in solchen Einrichtungen können lebensbedrohliche und hochansteckende Erreger erforscht werden. Dazu gehören etwa Marburg-, Lassa-, Nipah- oder Krim-Kongo-Fieber-Viren. Aber auch neue und unbekannte Erreger, wie das im Jahr 2003 aufgetretene SARS-Virus, können hier bearbeitet werden.

Größere Virengefahr durch Globalisierung

RKI-Präsident Lothar Wieler geht davon aus, dass künftig weitere neue Viren hinzukommen. „Durch die Globalisierung steigt die Chance, dass infizierte Menschen auch nach Deutschland einreisen.“ Der Bundesregierung sei es wichtig, auch im Bereich der hochansteckenden Viren Kompetenzen zu haben. Daher habe das RKI, ein Bundesinstitut, ein entsprechendes Labor bekommen.

Mit seinen 330 Quadratmetern sei es nicht nur das größte in Deutschland, sondern könne als einziges auch das ganze Jahr lang 24 Stunden täglich arbeiten, erläutert Wieler. Bis auf den Raum, in dem die hochpathogenen Viren in flüssigem Stickstoff gekühlt und unter Verschluss lagern, sowie den Raum für Versuchstiere, ist alles doppelt vorhanden. Wird ein Bereich abgeschaltet, kann im anderen weitergearbeitet werden. „Die Labore in Hamburg und Marburg müssen einmal im Jahr monatelang zur Wartung schließen“, erklärt Wieler.

Das Berliner Labor erinnert an eine Raumstation: überall sieht man Edelstahl. Dicke Belüftungsrohre, die sich unter der Metalldecke entlangschlängeln, daneben Kabelstränge, Düsen für Wasserdampf und allenthalben knallblaue Schläuche mit Ventilverschluss, die spiralförmig bis auf Kopfhöhe herabbaumeln: Hier zapfen die Mitarbeiter – ähnlich wie Taucher – Atemluft.

Sicherheitsmaßnahmen und Notfallplan

Die brauchen sie, weil im Labor Unterdruck herrscht – eine Sicherheitsmaßnahme. Sie soll dafür sorgen, dass im Notfall keine Viren aus den Räumen entweichen können. Wer ins Labor will, muss verschiedene Sicherheitschecks durchlaufen, duschen und besondere Wäsche tragen: Über die Unterwäsche kommt ein schlafanzugähnlicher Ganzkörperanzug, erst dann folgen drei Paar Handschuhe, der zehn Kilogramm schwere Schutzanzug und Gummistiefel.

Höchstens fünf Stunden am Stück können die Mitarbeiter so arbeiten. Danach wird der Schutzanzug sechs Minuten abgeduscht und gereinigt, der Unteranzug gewaschen und die Unterwäsche entsorgt. Die Mitarbeiter duschen auch ohne Anzug noch einmal.

Wenn sich ein Mitarbeiter bei der Arbeit mit hochansteckenden Keimen einmal schneidet oder von einem Tier gebissen wird, setzt ein ausgefeilter Notfallplan ein, bei dem der Verletzte nach der Dekontamination in der Chemikaliendusche an der Außenschleuse gleich von Fachärzten in Empfang genommen wird. Damit auch durch reparaturbedürftige Geräte oder Abfälle keine Keime nach außen gelangen, gibt es mehrere Schleusen, in denen die Materialien hocherhitzt werden, sodass sämtliche Erreger absterben.

Die Planungen für das Labor begannen 2007. Seit Herbst 2010 entstand mit rund 170 Millionen Euro Bundesmitteln ein rot verklinkerter Neubau, groß wie ein Fußballfeld, neben dem Charité-Campus. Dort befindet sich eine Sonderisolierstation für Patienten mit gefährlichen Viren – die Wege sind also kurz. Exakt in der Mitte des roten Neubaus ragt der hellgraue S4-Labor-Kubus empor. Es ist ein Haus im Haus. 2015 wurde es von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eröffnet, doch der aufwendige Probebetrieb dauert noch an. Erst am 31. Juli geht das Labor tatsächlich an den Start.

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