Räumung in Wedding

"Horrorhaus" voller Ratten und ohne Wasseranschluss

120 Polizisten räumten das Gebäude. 40 illegale Bewohner mussten raus. Die Eingänge wurden mit Holzplatten versperrt.

Wohnungslos, hoffnungslos und ratlos. In kleinen Gruppen stehen am Montagvormittag etwas mehr als 40 Erwachsene und zwei Kinder auf dem Gehweg zusammen. Es regnet. Ihre Kleidung ist durchnässt. Ihre wenigen Habseligkeiten haben sie in Taschen, Rucksäcke und Tüten gestopft. Die Polizei hat sie gerade aus einem Wohnhaus geleitet. Sie haben illegal in dem Haus in Wedding gelebt, oder besser gehaust. Das Haus ist von Ratten befallen, Strom und Wasser sind seit Monaten abgestellt. Auf dem Hof und in den Wohnungen türmen sich Unrat und Müll. Die Räumung sei "als Maßnahme der Gefahrenabwehr" und insbesondere zum Gesundheitsschutz der Bewohner zwingend erforderlich, erklärte Mittes Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Soziales und Gesundheit, Ephraim Gothe (SPD).

Polizisten tragen weiße Einweg- Schutzanzüge

Die neue Arbeitswoche startete für ungefähr 120 Polizistinnen und Polizisten äußerst ekelhaft. In Amtshilfe für die Bau- und Wohnungsaufsicht Mitte räumten sie das seit Jahren nahezu leer stehende und heruntergekommene Wohnhaus an der Kameruner Straße 5 Ecke Lüderitzstraße 22. Die Einsatzkräfte mussten aus Furcht vor Krankheiten und Ungeziefer weiße Einweg-Schutzanzüge, Handschuhe, Mundschutz und Schutzbrillen tragen. Um 9 Uhr begann der Einsatz in dem vermüllten Altbau.

In dem Haus wurde bereits vor Monaten der Strom abgestellt, auch Frischwasser gab es nicht mehr. Das Bezirksamt sah sich jetzt laut einer Mitteilung gezwungen, gegenüber dem Eigentümer des Gebäudes die "Unbewohnbarkeit auszusprechen", hieß es. Nach Informationen der Berliner Morgenpost lebten zuletzt überwiegend Menschen aus Osteuropa in dem Haus – ohne Mietverträge.

"Es ist völlig undurchsichtig, wie viele Menschen noch in dem Haus gelebt haben", sagte Gothe. "Von Mietverhältnissen kann aber nicht die Rede sein." Der letzte offizielle Mieter, der 83-jährige Wolfgang Koch, verließ vor einigen Tagen das Haus. "In den vergangenen Monaten gab es sehr viele kleine und größere Polizeieinsätze in dem Haus", sagte Gothe. "Das war kein friedliches Zusammenleben mehr, für die Bewohner war es Stress."

Nach der Vollstreckung des Räumungsbefehls mussten die restlichen Bewohner das Haus verlassen. Nach der Räumung haben Arbeiter die Zugänge zum Eckhaus mit Holzplatten dicht gemacht. Nach Angaben einer Polizeisprecherin dürfen die Hausbewohner künftig die Wohnungen nicht mehr betreten. "Wir durften nicht einmal unsere Sachen zusammenpacken", sagte eine 24-jährige Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie kommt aus Bulgarien und hat mehrere Monate in dem Eckhaus gelebt. "Das, was ich anhatte, durfte ich mitnehmen. Den Rest unserer Sachen, zum Beispiel ein paar Möbel, mussten wir in der Wohnung lassen."

Der sozialpolitische Sprecher der Grünen in Mitte, Taylan Kurt, kritisierte das Vorgehen des Bezirks: "Über Monate passierte nichts, und jetzt musste es plötzlich sofort und ohne Ankündigung gehen. Die Menschen stehen jetzt ohne Wohnung da."

Vermieter lässt das Wohnhaus verwahrlosen

Das Bezirksamt ließ auf einem abgesperrten Teil des Grundstücks zwei Zelte aufbauen. Nach Angaben Gothes sollten in dem einen Zelt die Hausbewohner erkennungsdienstlich behandelt werden. "In dem zweiten Zelt bietet unser Sozialamt Beratung und Hilfe an", sagte Gothe. "Wir prüfen auch, welche Ansprüche bestehen." Zudem werde man den Menschen Hilfe und Beratung für eine mögliche Rückkehr in ihre Heimatländer anbieten.

"In den vergangenen Monaten hat der Bezirk mehrere Zwangsmaßnahmen gegenüber dem Hausbesitzer angeordnet", sagte Gothe. "Wir haben mehrfach die Müllabfuhr beauftragt und auch die Rattenbekämpfung in Auftrag gegeben." Der Gesamtzustand des Grundstückes konnte aber nicht wesentlich verbessert werden.

Der Hausbesitzer, Santosh A., ist ein 70-jähriger ehemaliger Chefarzt einer Klinik für Nuklearmedizin in Frankfurt/Oder. Der Mann sei sehr vielen Mietern bekannt, hieß es beim Bezirksamt. "Es hat viele Gespräche mit dem Hausbesitzer gegeben, aber leider hat er sich nie an seine Zusagen gehalten", sagte Gothe. "Mit dem Mann ist kein seriöser Kontakt möglich." Der Bezirk wird jetzt prüfen, ob im Rahmen des Zweckentfremdungsverbotsgesetzes eine Zwangsverwaltung möglich ist – so wie in Hamburg.

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