Coworking Space

Arbeiten ohne Hindernis in Wedding

Das „Tuechtig“ in Wedding ist Berlins erster Ort, wo Menschen mit und ohne Handicap ihrem Job nachgehen.

Jenny Bießmann (l.), Filippo Smerilli und Stefanie Trzecinski im Coworking Space „Tuechtig“

Jenny Bießmann (l.), Filippo Smerilli und Stefanie Trzecinski im Coworking Space „Tuechtig“

Foto: David Heerde

Berlin. Es braucht mindestens einen zweiten Blick, um zu erkennen, dass hier etwas anders ist. Schreibtische gruppieren sich vor hohen Fenstern, Stellwände markieren locker die Arbeitsbereiche. In der Küche trifft man sich beim Kaffeekochen, an einem Pfeiler in der lichtdurchfluteten Fabriketage ist Raum für Notizen.

Das „Tuechtig“ ist ein Coworking Space wie viele in Berlin. Solange man sich nicht in diesen scheinbar massigen Sessel setzt, dessen Schaumgummi-Korpus in alle Richtungen nachgibt. Solange man die stapelbaren Kästen mit Lehne nicht entdeckt hat, die Sitzhöhen vom Kleinwüchsigen bis zum Hünen bieten. Solange man nicht vor dem Konferenztisch steht mit der stufenweise abgesenkten und erhöhten Tischplatte. Hier sitzt Stefanie Trzecinski und erzählt von der Eröffnung des „Tuechtig“ in den Weddinger Osram-Höfen im Frühjahr 2017. Wie sie für das inklusive Gemeinschaftsbüro zuvor vier Jahre lang nach einem barrierefreien Ort gesucht hat – und einem vorurteilsfreien Vermieter. „Nicht jeder möchte so einen Mieter“, sagt Trzecinski und lächelt, als müsste sie dafür Verständnis haben.

Wenn Verständnis erlernbar ist, war Stefanie Trzecinskis Kindheit eine gute Schule. Der schwerhörige Vater sorgte für manch absurde Gesprächssituation. „Unsere Aufgabe war, Kommunikation geradezurücken, wenn er, statt auf Fragen zu antworten, ganz etwas anderes sagte“ erinnert sich Trzecinski. Nach 13 Jahren im Software-Business gründete die gelernte Sonderschulpädagogin und IT-Expertin die gemeinnützige „Kopf, Hand und Fuß GmbH“, die sich die Integration jedes Andersseins, von Adipositas über Analphabetismus bis zur Schwerbehinderung, zur Aufgabe macht.

Gerade auf die Kleinigkeiten kommt es an

Im „Tuechtig“, dem von „Kopf, Hand und Fuß“ gegründeten ersten inklusiven Coworking Space Berlins, ist noch nicht alles perfekt. Die Türen sind schon bunt, damit Sehbehinderte nicht statt in den Besprechungsraum (gelb) in die Toilette (grau) laufen. Doch Leitstreifen für Blinde etwa fehlen noch. Oder das digitale Leitsystem fürs Smartphone mit Infos zu allem, was aktuell ansteht im „Tuechtig“.

Für die behindertengerechte Möblierung der 700 Quadratmeter konsultierte Trzecinski Designer. So entstanden der Schaumgummi-Sessel für Spastiker und Menschen mit Glasknochen, die stapelbaren Sitzkästen oder der Konferenztisch, an dem Kleinwüchsige neben Rollstuhlfahrern sitzen können. Eingebunden in die Produktentwicklung waren behinderte Berater aus den Projekten von „Kopf, Hand und Fuß“. „Oft sind es die Kleinigkeiten“, sagt Trzecinski. Die hellgraue Oberfläche des Konferenztisches, auf der sich Papier für Sehbehinderte gut abhebt, ist so ein Detail. Weil Meetingräume auch an Externe vermietet werden, ist die Einrichtung zugleich Anschauungsmaterial, wie Inklusion im Büro machbar ist.

Dazu gibt es diverse Hilfsmittel und Assistenzleistungen. Blinden helfen Brailletastaturen, Schwerhörigen die frequenzmodulierte Funksignalanlage für die Teamsitzung. Bei Bedarf wird in Gebärdensprache gedolmetscht. 30 Plätze gibt es im „Tuechtig“, 15 Freiberufler arbeiten derzeit dort. Nicht alle haben ein Handicap. Steffen Hänsch und David Elsche vom frisch gegründeten Kollektiv „figures“ bezogen im November 2017 eine der Arbeitsnischen – einfach, weil der Coworking Space für die beiden Weddinger so nah war. Obwohl selbst nicht behindert, ist Barrierefreiheit bei ihrem Produkt – Datenanalysen und Infografiken für Unternehmen – durchaus Thema. „Das Umfeld hier ist bereichernd“, sagt David Elsche. „Auf dem Feld Barrierefreiheit im Internet war ich vorher eher Laie, und das zu realisieren, hier die Empathie zu bekommen, das finde ich großartig.“ Daneben sei das Miteinander ausgesprochen menschlich und unprätentiös, ergänzt Steffen Hänsch: „Das unterscheidet das ,Tuechtig‘ von vielen anderen Coworking Spaces in Berlin.“

Manche der Coworker haben das „Tuech­tig“ als Dienstleister kennengelernt, bevor sie selbst einzogen. Filip­po Smerilli kam zunächst zur Fortbildung in Ergänzender unabhängiger Teilhabeberatung (EUTB) hierher, jetzt hat er mit einem Partner die eigene EUT-Beratungsstelle „Sprechraum“ eröffnet, wo Behinderte Infos zu Assistenzleistungen oder Therapien erhalten. Seine Klienten haben, wie er selbst, kommunikative Beeinträchtigungen, sie stottern, poltern, leiden unter Aphasie. Auch Jenny Bießmann ist EUT-Beraterin und arbeitet für den Verein „akse – aktiv und selbstbestimmt“. Wie ihre zwei Kolleginnen sitzt sie im Rollstuhl und profitiert von der Barrierefreiheit im „Tuechtig“.

15 Euro kostet ein Arbeitsplatz im „Tuechtig“ pro Tag, 200 Euro sind es im Monat, „das ist im Berliner Durchschnitt, sagt Stefanie Trzecinski. „Aber gerade für viele Behinderte ist das trotzdem viel.“ Deshalb wirbt ihr Team Stipendien ein, mehrere Arbeitsplätze konnten so schon zeitweise gefördert werden.

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