Restaurant "Kin Dee"

Wie ein Ex-Model eine Leidenschaft fürs Kochen entdeckte

Einst war Dalad Kambhu Model – doch sie wechselte das Fach und macht jetzt lieber mit ihrem Restaurant „Kin Dee“ auf sich aufmerksam.

Dalad Kambhu in ihrem Restaurant „Kin Dee

Dalad Kambhu in ihrem Restaurant „Kin Dee

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin.  Dalad Kambhu wirkt mädchenhaft, irgendwie unberührt. Zarte Gliedmaßen, ein ebenmäßiges Gesicht. Sie empfängt in ihrem Restaurant "Kin Dee" in Tiergarten, das sie vor knapp einem Jahr eröffnet hat. Gerade werden thailändische Pasten hergestellt, die Basis ihrer Gerichte, auf die sie als gebürtige Thailänderin großen Wert legt.

Aus unzähligen frischen Kräutern bestehen diese. Kambhu, die in Bangkok aufgewachsen ist, später in New York gelebt hat und vor zwei Jahren nach Berlin kam, möchte in ihrer Küche die grundlegenden Aromen, die für sie Kindheit bedeuten, in die Hauptstadt bringen. Zitronengras, Kaffir-Limette, Wild-Ingwer, Chili, Koriander, Kurkuma. Und danach schmeckt auch das, was in dem Fünf-Gang-Menü serviert wird. Natürlich schmeckt hier nichts nach Glutamat, nie ist etwas zu süß oder zu scharf. Sie will die Tiefe und Fülle verschiedenster Geschmackskombinationen kreieren, alles stets ausbalanciert, anders als man es von den typischen Berliner Thai-Restaurants gewohnt ist. Kambhu mag keine Klischees.

Moderne Küche trifft auf Kunst und kostbares Geschirr

Nicht mehr lange, und dann kommen die ersten Gäste an diesem Abend. Ihr Team werkelt schon umher, in den hellen Räumlichkeiten werden die Tische gedeckt. Außer dem Geruch in der Luft und der Sprache erinnert hier nichts an Thailand. Moderne Kunst des Künstlers Rirkrit Tiravanija an den Wänden, schlichtes Mobiliar und Keramikteller. Wo sie das außergewöhnlich schöne Geschirr herhat, verrät Kambhu übrigens niemandem. Bevor der Betrieb losgeht, gibt sie der Berliner Morgenpost noch ein Interview. Erst mal positioniert sich Kambhu, die fast gar keine Schminke im Gesicht trägt, für ein Foto. Vorher ihre Frage, ob sie doch besser ihre Kochjacke überziehen sollte. Sie sehe ja heute nicht besonders stylish aus. Dabei lacht sie, denn eigentlich scheint ihr das total egal zu sein.

Kambhu sieht in Longsleeve, Jeans und Turnschuhen, ein altes Paar ihres Freundes, wie sie sagt, ohnehin ziemlich gut aus. Lässig. Es ist ja oft so, dass gerade Gegensätzliches Eindruck schindet: eine so schöne Frau in unmotivierter und nur wenig figurbetonter Kleidung. Kambhu also: unbedarft und uneitel. Vielleicht hat sich das ja auch unbewusst entwickelt, immerhin wird sie nicht selten aufgrund ihrer Schönheit in irgendeine Ecke gesteckt. Kambhu modelte im Alter von 14 bis 25 Jahren in Bangkok und New York sogar. Erst als die Kameralinse auf sie zielt, merkt man ihre Erfahrung: ruhige und routinierte Körpersprache, perfektioniert entspannter Gesichtsausdruck. In den ersten Monaten kam sie nur selten aus der Küche: "Ich wollte nur die Qualität meines Essens sprechen lassen."

Das mit dem Modeln, sagt Kambhu sofort, sei nie ihr Traum gewesen. Sie wollte bloß früh finanziell unabhängig sein. "Der Job kann Spaß machen und ist gleichzeitig unglaublich langweilig – alles darin wiederholt sich irgendwann." Man trifft dieselben Menschen, spricht über dieselben Dinge und muss immer darauf achten, nicht zu viel zu essen. Dabei liebt die 31-Jährige doch Ziegenkäse. Und Rippchen und … Seit langem schon ist Essen nun mehr als bloß Notwendigkeit für sie, es ist ihr Lebensinhalt. Bevor Kambhu das "Kin Dee" eröffnete, kochte sie in New York für Freunde und in Pop-up-Restaurants in Berlin. Menschen zu bewirten, ihnen genussvolle Abende zu bescheren, das liege ihr im Blut, sagt sie. Als sie dann die Berliner Gastronomen Moritz Estermann, Stephan Landwehr und Boris Radczun kennenlernte, die unter anderem mit dem "Grill Royal", "Café Einstein Unter den Linden" und "Le Petit Royal" bekannt sind, kam eins zum anderen. Alles, was sie am Herd beherrscht, hat sie sich selbst beigebracht. Dass sie nun Besitzerin eines Restaurants ist, davon hatte sie immer geträumt. Ihre, wie Kambhu sagt, unglaublich kritische Mutter, die ungern auswärts essen gehe, sei sogar schon zweimal aus Bangkok zu Besuch gewesen. Weil es ihr so gut schmeckt. Ein großes Kompliment für die Autodidaktin Kambhu. Ihre Zielstrebigkeit hat sie sich in New York angeeignet. "Für das, was man will, muss man dort deutlich fleißiger sein als in Berlin – hier ist das Leben im Vergleich eben noch immer sehr viel günstiger und die Menschen deshalb weniger verzweifelt." Ihr Wille, ständig hart zu arbeiten, im Leben autonom zu sein und voranzukommen, er hat sie weit gebracht. Bis hierhin, zur Chefköchin im eigenen Restaurant.

Dass sie eine der wenigen Frauen in dem Beruf ist, in dem es in Teilen verhärtet konservativ zugeht, hat auch sie häufig gemerkt. Dann, wenn zum Beispiel männliche Mitarbeiter keine Anweisungen von ihr annehmen wollten. Auch in der Küche sei Frau noch immer nicht gleichgestellt. Diesen Zirkel will sie durchbrechen, weshalb sie auch probiere, den Ton beim Arbeiten harmonisch und liebevoll zu wählen. Ihre Philosophie in Sachen Genuss ist es, so viele Zutaten wie möglich regional zu beziehen. Deshalb mischen sich auf der Karte typische Thai-Aromen mit deutschen oder zumindest europäischen Ingredienzien. Statt Mango serviert sie Apfel, und statt Papaya gibt es eben Gurke. "Kin Dee" bedeutet in ihrer Heimatsprache so viel wie "iss gut". Und in Dalad Kambhus Restaurant funktioniert das wirklich.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.