Masterplan

Unter den Linden: Zweifel an der Fußgängerzone

Der Masterplan für die Umgestaltung wird frühestens Ende des Jahres in Auftrag gegeben. Und es gibt neue Ideen.

Blick auf den Boulevard Unter den Linden Richtung Brandenburger tor

Blick auf den Boulevard Unter den Linden Richtung Brandenburger tor

Foto: joerg Krauthoefer#

Was war das für eine Aufregung, als sich SPD, Linke und Grüne nach der Wahl in ihrem Koalitionsvertrag auf diese beiden Sätze geeinigt hatten: "Das Umfeld des Humboldt Forums wird verkehrsberuhigt und der Straßenraum bis zum Brandenburger Tor fußgängerfreundlich gestaltet. Dabei wird der motorisierte Individualverkehr unterbunden zugunsten des Umweltverbundes." Übersetzt bedeutete das: Der Boulevard Unter den Linden in Mitte wird für private Autos tabu, Vorrang haben Fußgänger, Radfahrer, Taxis und die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).

Ab 2019 keine Privatautos auf einer der prominentesten Verbindungen Berlins? Das klang für die einen revolutionär, für die anderen ketzerisch. Begründet wurde der Plan mit dem Stadtschloss, nach dessen Eröffnung sich die Zahl der Besucher auf dem Boulevard verdoppeln würde. Tatsächlich soll Unter den Linden aber auch zeigen, wie der Platz in der Stadt zugunsten umweltfreundlicher Verkehrsteilnehmer neu verteilt werden kann – eines der großen Ziele von Rot-Rot-Grün.

Der Bürgersteig reicht sogar für eine Familie mit Hund

Während die Autofahrer-freundliche Opposition um CDU und FDP der Koalition Klientelpolitik vorwirft, sind auch Experten skeptisch. "Unter den Linden ist eine der wenigen großen Straßen, wo es bereits eine ausgewogene Balance gibt", sagt Stadtforscher Aljoscha Hofmann von der Initiative "Think Berlin" und meint die mehr als 60 Meter Breite, die bis zu vier Fahrspuren, aber auch einen überdurchschnittlich großen Bürgersteig ermöglicht. "Von einer Fußgängerzone würden die ansässigen Geschäfte nicht profitieren", sagt Nils Busch-Petersen vom Einzelhandelsverband Berlin-Brandenburg. Es gebe bereits genug Platz für Fußgänger, der Bürgersteig reiche sogar für "eine Familie mit Hund".

Dazu kommt der bereits mehrfach geäußerte Hinweis, dass Unter den Linden abends, wenn die Touristen verschwunden sind, menschenleer – und eine Flaniermeile dann überflüssig wäre. Am größten sind aber die verkehrlichen Bedenken. Nicht nur der ADAC befürchtet, dass die anderen Ost-West-Verbindungen an ihre Grenzen stoßen könnten, wenn Autofahrer dorthin ausweichen müssten. "Die Leipziger Straße und die Tor- beziehungsweise Invalidenstraße sind jetzt schon voll", sagt ADAC-Experte Jörg Becker. Dabei werde vor allem der Wirtschaftsverkehr in den nächsten Jahren stark zunehmen.

Die ganz radikale Lösung scheint unwahrscheinlich

Dass die ganz radikale Lösung kommt, scheint indes unwahrscheinlich. Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner (Grüne) will eine autofreie Zone zwar nicht ausschließen, doch er teilt auch einige der Bedenken. Etwa in Sachen Leipziger Straße, auf der irgendwann mal eine Straßenbahn fahren soll, was zusätzliche Behinderungen durch Bauarbeiten bedeuten würde. Im Prinzip müsse die geplante Machbarkeitsstudie die verkehrlichen Auswirkungen eines Bereichs untersuchen, der von der Linienstraße im Norden bis hinunter zum Halleschen Tor in Kreuzberg reiche, so Kirchner gegenüber der Berliner Morgenpost.

In der Studie sollen auch bereits existierende Überlegungen berücksichtigt werden. Vor drei Jahren etwa erarbeiteten Studenten der Beuth Hochschule für Technik Vorschläge für die Umgestaltung von Unter den Linden. Keiner sah vor, den Autoverkehr komplett zu verbannen, wohl aber die Zahl der Fahrspuren auf zwei oder sogar nur eine zu reduzieren und dafür separate Bus- und Radspuren auszuweisen.

Zahl der Autofahrer ging auf 8000 pro Tag zurück

Schon länger ist die Zahl der Fahrspuren wegen der Bauarbeiten für die U-Bahnlinie 5 begrenzt. Der Verkehrsinfarkt ist trotzdem ausgeblieben, die Zahl der Autofahrer ging von 30.000 pro Tag auf 8000 zurück. Weniger Fahrspuren könnten also künftig zur Verkehrsberuhigung beitragen, würden die Straße aber nicht lahmlegen und die umliegenden Ost-West-Achsen weiter entlasten.

Ferner regten die Studenten an, die Höchstgeschwindigkeit auf Tempo 30 zu reduzieren und die Mittelinsel attraktiver zu gestalten. Etwa durch eine Fußgängerbrücke über die Friedrichstraße, durch Lichtinstallationen, Grünflächen, Schaukeln und mehr.

Die Fußgänger-Lobby Fuss e.V. schlägt vor, aus dem Mittelstreifen eine zusammenhängende Promenade zu machen. Dort, wo Straßen die Mittelinsel queren, könnte eine spezielle Pflasterung Autofahrer darauf aufmerksam machen, dass hier Fußgänger Vorrang haben.

Fahrradfahrer fühlen sich Unter den Linden nicht sicher

Auch die Radfahrer haben sich Gedanken gemacht. Sie kommen bei der aktuellen Verteilung am schlechtesten weg. "Viele fühlen sich nicht wohl, wenn sie sich mit den Bussen der BVG eine Spur teilen müssen", sagt Philipp Poll vom Fahrradclub ADFC Berlin. Die Tangente vom Berliner Westen bis zum Alexanderplatz sei viel genutzt, doch ab Brandenburger Tor fehle es an eigenen Radwegen. Einem Entwurf des ADFC zufolge könnten Radwege und Fußgängerzone auf die nördliche, die sonnigere Seite der Straße verlegt und der Busverkehr komplett auf der Südseite abgewickelt werden. Auf beiden Seiten käme noch je eine Mischspur für Taxis, Lieferwagen und Anlieger hinzu. Ähnliche Ideen kursieren bereits für die Umgestaltung der Schönhauser Allee. Doch anders als dort, lässt das ADFC-Konzept private Pkw weitgehend außen vor.

Was alles möglich ist und was nicht, soll die Machbarkeitsstudie klären. Wann sie startet, wird erst Ende des Jahres bestimmt. Das Thema hat in der Verkehrsverwaltung gerade nicht höchste Priorität. Viele in der Koalition, gerade in den Reihen der Grünen, hätten dem Vernehmen nach lieber zuerst andere Orte in der Stadt auf Verkehrsberuhigung untersucht. Den Hackeschen Markt in Mitte etwa. Autos, Fußgänger, Tram auf engstem Raum – die Diskussionen dazu wären sicherlich ebenfalls spannend.

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