Eröffnung in Moabit

In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee beten alle gemeinsam

Frauenrechtlerin Seyran Ates hat ihre Moschee für liberale Muslime eröffnet. Willkommen sind alle: Muslime, Nicht-Muslime, Atheisten.

Die evangelische Kirche St. Johannes in Moabit: In einem nicht genutzten Raum in einem Anbau kommen jetzt liberale Muslime und Menschen anderer Religionen zusammen

Die evangelische Kirche St. Johannes in Moabit: In einem nicht genutzten Raum in einem Anbau kommen jetzt liberale Muslime und Menschen anderer Religionen zusammen

Foto: dpa Picture-Alliance / Soeren Stache / picture alliance / Soeren Stache

Es war eine Frage mit symbolischem Wert. "Hat jemand einen Kompass? Oder die App?" Es ging um die Richtung des Gebets, das nach islamischem Ritus nach Südosten gerichtet sein muss. Doch die Frage passte auch für den Ort: Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die mit jenem Gebet am gestrigen Freitag gegründet wurde, liegt in der evangelischen Johanniskirche in Moabit.

Welche Richtung kann das nehmen: Eine Moschee in einem christlichen Gotteshaus? Zumal eine, in der Frauen und Männer gemeinsam beten und der Gottesdienst auch von weiblichen Imamen gehalten wird – kann es mehr sein als Provokation? Ja, davon sind zumindest die Gründer überzeugt. Acht Jahre habe sie die Idee in sich getragen, sagt Frauenrechtlerin Seyran Ates. Nun sei die Zeit reif für eine solche Moschee in Berlin. Zu den Gründern gehören neben Ates der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi aus Freiburg und Menschenrechtsaktivistin Saida Keller-Messahli aus der Schweiz.

Auch den traditionellen Muezzin-Ruf singt eine Frau

Ates, Berlinerin mit türkischen Wurzeln, ist als Anwältin, Buchautorin als Aktivistin bekannt. Die neue Moschee sei offen für die unterschiedlichen Ausrichtungen des Islam, Sunniten, Schiiten, Aleviten, Sufis, sagte sie. Ausdrücklich suche man auch den Kontakt zu anderen Religionsgemeinschaften und Weltanschauungen. Ihre Moschee solle sichtbar sein, so Ates. Auch um dem Religionsverständnis der vorwiegend konservativen Islam-Verbände in Deutschland etwas entgegenzusetzen.

Rund 150 Gäste und internationale Journalisten drängelten sich zur Pressekonferenz im kleinen Gemeinderaum der Kirche. Dass eine Moschee-Eröffnung in Berlin einen Presseauflauf verursacht, ist in Berlin eher ungewöhnlich. 80 Gebetsräume und Moscheen gibt es bereits, die wohl bekannteste steht an der Skalitzer Straße in Kreuzberg. Gegen den Neubau der Ahmadiyya-Gemeinde in Pankow gab es vor zehn Jahren massiven Protest. Aus einigen Moscheen wurden Aufrufe zu Extremismus und Gewalt bekannt.

So versicherten Ates und ihre Mitgründer als Erstes: Die neue Moschee solle ein Zeichen setzen gegen den politischen Islam und den Missbrauch von Religion. Sie fuße auf Werten wie Religionsfreiheit und Gleichheit. Ihre Motive hat Ates in einem Buch aufgeschrieben: "Selam, Frau Imamin: Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete" (Ullstein).

Bisher habe sie nie in Moscheen gebetet, sagt Ates, die in Wedding aufwuchs. "Als Frau fühle ich mich dort diskriminiert". Traditionell beten Frauen in der Moschee getrennt von den Männern, oft in einem kleineren Raum. Als Imame sind sie nicht zugelassen. In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gibt es nur einen Raum für alle, ausgelegt mit weißem Veloursteppich, auf dem alle gemeinsam beten. Beim ersten Gebet wurde auch der traditionelle Muezzin-Ruf "Allahu Akbar" von einer Frau gesungen, die Predigt hielt Ates.

Zur Eröffnung sagte Bertold Höcker, Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte: Die Moschee sei im Rahmen der Gastfreundschaft in der Kirche untergebracht, "die ja unsere beide Religionen prägt". Zu den Gästen gehörte auch Lala Süsskind, ehemals Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Heinz Buschkowsky, ehemals Bürgermeister von Neukölln sowie dessen Nachfolgerin Franziska Giffey (beide SPD). Giffey begrüßte die Gründung: "Es ist wichtig, jenen Muslimen eine Stimme zu geben, die ähnlich denken wie sie, sich aber bisher nicht getraut haben, das laut zu sagen."

Einem liberalen Islam sollen in Berlin Türen geöffnet werden

Seyran Ates ist als Anwältin immer wieder Opfer von gewalttätigen Angriffen und Bedrohungen gewesen, zog sich deswegen zeitweise aus der Öffentlichkeit zurück und wird von Personenschützern begleitet. In das Sicherheitskonzept der Moschee seien alle zuständigen Behörden einbezogen, versicherte Ates den Anwohnern. Ein besorgten Vater einer benachbarten Kita kritisierte die Gemeinde, die über die Moschee nicht ausreichend informiert habe.

Kritik von konservativen Muslimen an der neuen Moschee gab es bisher nicht. Bekir Alboga, Generalsekretär der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) erklärt nur, auch jede Ditib-Moschee stehe für jeden offen, "unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Nationalität, politischer oder weltanschaulicher Gesinnung". Im Ditib-Verband gebe es mehr als 150 weibliche Religionsbeauftragte: Predigerinnen, Theologinnen und Lehrerinnen.

Die neue Moschee passt in die Bestrebungen, einem liberalen Islam in Berlin Türen zu öffnen. Gerade entsteht in Mitte das "House of One", in dem Juden, Christen und Muslime gemeinsam beten und lehren wollen. An der Humboldt-Universität wird das Berliner Institut für Islamische Theologie eingerichtet, an dem Islamwissenschaftler ausgebildet werden. Berlin fördert den Start mit 500.000 Euro. Auch die neue Moschee solle in das Institut eingebunden werden, ebenso wie das Muslimische Forum Deutschland und der Liberal-Islamische Bund, forderte gestern die CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus in einer Presseerklärung. Das Institut begünstige bisher konservative islamische Kräfte.

Seyran Ates

Leben: Seyran Ates (54) kam mit sechs Jahren aus der Türkei nach Berlin, die Eltern waren Gastarbeiter. Sie wuchs in einer traditionellen muslimischen Großfamilie auf. Mit 17 verließ sie das Elternhaus, weil sie selbstbestimmt leben wollte und schrieb eine Biografie.

Engagement: Neben ihrem Beruf als Anwältin engagierte sie sich in der deutschen Ausländerpolitik, sie war Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und ist Autorin zahlreicher Bücher.

Mehr zum Thema:

Ohne Burkas: In Moabit eröffnet die erste liberale Moschee

Lesben und Schwule beklagen Abschottung der Moscheevereine

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.