Standesamt Mitte

Für einen Termin im Amt stehen manche schon nachts an

Wer eine Geburtsurkunde braucht oder heiraten will, muss früh dran sein im Standesamt von Mitte.

Standesamt Mitte Julia Schneider (32) und José Brito Rozas (32)

Standesamt Mitte Julia Schneider (32) und José Brito Rozas (32)

Foto: Uta Keseling

Der Erste in der Warteschlange ist in dieser Nacht Igor Pambe Diemou. Für seinen fünf Wochen alten Sohn will der Mann aus Kamerun eine Geburtsurkunde beantragen. Er ist bereits zum zweiten Mal zum Standesamt Mitte an die Parochialstraße gekommen. Beim ersten Mal wurde er wieder weggeschickt. Diesmal wollte er alles richtig machen. „Er ist unser Held des Tages“, ein weiterer junger Vater klopft ihm auf die Schulter.

Gemeinsam mit zig anderen Eltern und mit Paaren, die die Eheschließung beantragen wollen, haben sie seit Stunden hier gewartet. Zwangsläufig. Das Gesetz schreibt vor, diese Papiere dort zu beantragen, wo man polizeilich gemeldet ist.

Warteschlangen sind in Berlin nichts Ungewöhnliches, zumal rund um den Alexanderplatz, wo fast immer irgendwo Menschen Schlange stehen, um sich in Clubs zu amüsieren. Die Schlange um die Ecke des Roten Rathauses amüsiert niemanden. Schon seit gut einem Jahr stehen hier dreimal die Woche nachts Menschen an, immer montags, dienstags und donnerstags. Geburtsurkunden oder ein Aufgebot sind in anderen Bezirken Formalitäten.

Wartenummern für die Wartenummernausgabe

In Mitte werden inzwischen morgens um 5.30 Uhr erstmals Wartemarken ausgegeben, wenn auch nur, damit sich die Kunden damit für eine weitere, offizielle Markenausgabe anstellen. Um 7.30 Uhr wird bestimmt, wer wiederum ab neun weiterwarten darf für die offizielle Sprechstunde. Die ersten Marken haben die Pförtner aus Pappe gebastelt, um irgendwie Ordnung zu schaffen.

Genau 14 dieser Pappmarken werden an diesem Dienstag ausgegeben. Alle weiteren Antragsteller schicken die Pförtner weg. Pambe Diemou ist glücklich, er hat die Nummer eins. Auch Marie Charlotte Anyakudo ist dabei, als Nummer sechs. Die 22-jährige Mutter braucht ebenfalls eine Geburtsurkunde – dringend. Sie ist zum dritten Mal da, zweimal kam sie nicht dran. Anyakudos kleine Tochter ist inzwischen fast drei Monate alt. „Wenn es heute mit der Geburtsurkunde nicht klappt, wäre das für mich eine Katastrophe.“ Nach drei Monaten verfällt ihr Anspruch auf Elterngeld, sie braucht einen Wohnberechtigungsschein, ohne Urkunde geht nichts.

Die 22 Jahre alte Mutter ist um drei Uhr mit dem Taxi angekommen, aus Spandau. „Mitten in der Nacht mit den Öffentlichen quer durch Berlin zu fahren, war mir zu riskant.“ In der Warteschlange haben die Eltern Erfahrungen ausgetauscht. Wie man es anstellt, telefonisch im Bezirksamt durchzukommen: Manche haben Verwandte und Freunde gebeten, es tagelang zu versuchen. Und wie man mitten im Warte-Chaos ruhig bleibt. Marie Charlotte Anyakudo sagt: „Es gab auch schon Schlägereien.“ Diesmal haben sie sich selbst schon durchgezählt, bevor die ersten Wartenummer ausgeben wurden, um Streit zu vermeiden.

Es gibt einfach zu wenig Mitarbeiter im Amt

Für Ruhe sorgen zwei Pförtner, kräftige Herren in blauen Hemden, die von 5.30 Uhr an unablässig erklären, wo die Toiletten sind, („den Gang runter“), wo es Kaffee gibt („am Alex hat schon was auf“) und welche Papiere man für welchen Antrag braucht, auch wenn das gar nicht ihr Auftrag ist. An genervte Zuspätgekommene verteilen sie Entschuldigungsschreiben des Amtes: „Wir bedauern diesen Zustand sehr.“ Nur eine Frage können die Pförtner nicht beantworten: Warum das alles in Mitte so ist.

Verantwortlich fürs Standesamt ist seit 2016 Familienstadträtin Sandra Obermeyer (Die Linke), die seitdem wiederholt: Personalmangel sei die Ursache der langen Warte- und Bearbeitungszeiten. Von 15 Planstellen seien nur zehn fest besetzt. Davon seien zwei Beschäftigte langfristig erkrankt. Drei neue Mitarbeiter werden noch eingearbeitet und müssen noch eine obligatorische Zusatzausbildung absolvieren. Für zwei weitere Planstellen und zwei zusätzliche Beschäftigungspositionen läuft das Auswahlverfahren: Es gibt also Hoffnung.

Obermeyer hat das Personalpro­blem 2016 von den Vorgängern übernommen, als sie Stadträtin in Mitte wurde. „Natürlich wäre die Situation heute entspannter, wenn die Zahl der Beschäftigten entsprechend der Bevölkerung gewachsen wäre“, sagt sie. Stattdessen habe man weiter Personal abgebaut.

Ab 1. Juli wird die Warteschlange abgeschafft

Etwas besser ist die Laune bei den wartenden Eheleuten in spe. „Ein bisschen absurd ist das aber schon“, sagt Julia Schneider. Die 32-Jährige ist mit ihrem gleichaltrigen Verlobten um kurz vor sechs Uhr gekommen. Zwar hatten auch sie die wütenden „Rezensionen“ des Amtes auf Google im Internet gelesen, die sarkastischen Tweets, die Zeitungsartikel über den Missstand. Jetzt blättern sie in den Hochzeitsprospekten, die im Foyer des Amtes ausliegen. „Was bleibt uns übrig?“, sagt Julia Schneider.

Heiraten wollen die beiden in Tempelhof-Schöneberg. Die Umstehenden nicken, sie haben ähnliche Pläne: Bloß nicht in Mitte. Zwar wirbt das Standesamt für Mitte als Ort außergewöhnlicher Trauungen, etwa im Fernsehturm oder im Roten Rathaus. Doch ausgerechnet sonnabends können Ehen in Mitte nicht mehr geschlossen werden – Personalmangel. Die Eheschließungen in Mitte gehen seitdem zurück, von 1438 Ehen im Jahr 2015 auf 1067 im darauffolgenden Jahr.

Eine Neuerung will das Standesamt immerhin sofort einführen: Termine für heiratswillige Paare werden ab 1. Juli nur noch online vergeben. Ab 15. Juni seien sie bereits über die Homepage des Amtes buchbar. Ab 1. Juli entfällt montags und dienstags dafür die offene Sprechstunde. Zumindest eins wäre damit erreicht. Es wird keine Warteschlange mehr geben.