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Das St. Oberholz kämpft mit der Kostenlos-Kultur

Viele Gäste im St. Oberholz nutzten Räume, Strom und Internet - konsumierten aber wenig. Jetzt reagiert das Café.

Gäste bei der Arbeit im St. Oberholz

Gäste bei der Arbeit im St. Oberholz

Foto: dpa Picture-Alliance / Kay Nietfeld / picture alliance / dpa

Auf der Theke des Café St. Oberholz am Rosenthaler Platz steht seit Kurzem ein Schild und informiert Gäste, dass sie sich gerne einen Platz suchen und am Tisch bestellen könnten. Seit Mitte März bestellen Gäste Essen und Getränke nicht mehr wie bisher an der Theke, sondern bei Kellnern und Kellnerinnen.

Was unspektakulär klingt, ist eine kleine Revolution für das Café und den angeschlossenen Coworking-Space. Denn eigentlich setzte das St. Oberholz von Anfang an auf Selbstbedienung – auch, damit die Gäste, die zum Arbeiten gekommen waren, das in Ruhe tun konnten.

Hintergrund für die Änderung sind Probleme mit den Kunden: Zu viele verbrachten Stunden im Café, nutzten das kostenlose Internet und den Strom, kauften aber nur wenig. In einem Online-Artikel machte Mitgründer Ansgar Oberholz sich in der vergangenen Woche Luft: Coworking-Cafés wie das St. Oberholz böten gelebte Offenheit, größtmögliche Freiwilligkeit sowie leichte Zugänglichkeit. Im Gegenzug verhielten die Gäste sich fair und konsumierten in den Cafés Getränke und Speisen. „Dieser Deal scheint nicht mehr zu aufzugehen“, schrieb Oberholz. Im Artikel berichtet er von Gästen, die im Café anderswo gekauften Kebab essen oder nach heißem Wasser für ihr Fertigessen fragen. „Früher war die Mischung anders, es gab mehr Menschen, die begeistert konsumiert haben. Das ist mittlerweile ein wenig gekippt“, sagt der Unternehmer dieser Zeitung.

Keine Verbote und Einschränkungen geplant

Den Hintergrund für diese Entwicklung vermutet er in einem aus dem Netz gewachsenen Misstrauen gegenüber kostenlosen Angeboten wie dem Wlan im St. Oberholz. „Es weiß jeder, wenn man einen Dienst nutzt, der nichts kostet, dann ist nicht der Dienst das Produkt, sondern man selber“, so Oberholz im Hinblick auf Plattformen wie Facebook. Von diesem Misstrauen würde auch das Café getroffen. „Da entwickelt sich dann unbewusst Wiedergutmachungsanspruch und der Gedanke, das System austricksen zu wollen, in dem man möglichst wenig konsumiert.“

Das St. Oberholz sei auch nicht das einzige Coworking-Café, das mit dem Problem zu kämpfen habe, so der Gas­tronom. Mit Verboten und Einschränkungen, wie es ein Teil der Konkurrenz tue, wolle man am Rosenthaler Platz aber nicht reagieren.

Stattdessen setzen die Betreiber nun auf Service, „perfekt unaufdringlich“, wie Oberholz schreibt. Mit den Ergebnissen des Experiments ist er bisher zufrieden: Die Atmosphäre sei besser geworden, die Umsätze etwas stabiler. „Der Service funktioniert wie ein Türsteher“, so Oberholz, „diejenigen, die kein Geld ausgeben wollen, kommen nicht mehr.“