Gericht

Prozess um wahllose Messerattacke in Kreuzberg hat begonnen

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Michael Mielke

Foto: Uli Deck / dpa

Ein 44-Jähriger muss sich wegen versuchten Totschlags verantworten. Ohne erkennbaren Grund griff er einen Mann mit dem Messer an.

Der 58-jährige Nadir K. ist auch heute noch fassungslos, wenn er an den 20. November vergangenen Jahres denkt. Ein Tag, der beinahe sein letzter geworden wäre. „Warum gerade ich?“, frage er sich immer wieder. „Warum hat er sich gerade mich ausgesucht?“

Der Täter, der ihn am 20. November mit einem Messer attackierte, muss sich seit Donnerstag vor einer Moabiter Schwurgerichtskammer wegen versuchten Totschlags verantworten. „Ich bereue, was ich getan habe“, sagte der 44-jährige Wung H. zu Beginn des Prozesses. Mehr wollte er auf Anraten seines Verteidigers zunächst noch nicht sagen.

„Der Mann wirkte, als ob er schlafen würde“

Nadir K. wollte am 20. November einen Sohn in dessen Wohnung besuchen und für ihn kochen. Er hatte seinen jüngsten, erst drei Jahre alten Sohn dabei. Als er in der Ohlauer Straße in Kreuzberg im Hof seines Wohnhauses sein Fahrrad aus einem Container holen wollte, stand dort an der Tür gelehnt ein fremder Mann. „Er hatte ein Messer in der Hand“, erinnerte sich Nadir K.

Es sei ein merkwürdiger Anblick gewesen: „Der Mann wirkte, als ob er schlafen würde.“ Er sei dann an dem Mann vorbeigegangen, habe sein Fahrrad herausgeholt und den Unbekannten aufgefordert, von der Tür wegzugehen. Das war offenkundig der Auslöser für die völlig überraschende Attacke. „In dem Moment hat er mich angegriffen“, sagte Nadir K.

Opfer musste im Krankenhaus mehrfach operiert werden

Der Mann stach ihm unvermittelt in die linke Bauchseite. Als Nadir K. fliehen wollte, wurde er von Wung H. verfolgt und ein zweites Mal gestochen; als er auf den Boden fiel ein drittes Mal. Anschließend floh der Täter.

Der Familienvater wurde durch die drei Stiche in den Oberkörper lebensgefährlich verletzt. Ein Stich hatte die Lunge getroffen. Anwohnern alarmierten die Rettungsstelle. Im Krankenhaus wurde Nadir K. mehrmals operiert. Inzwischen habe er den Anschlag aber gut verkraftet, sagte er vor Gericht. Offen ist jedoch, wie sein dreijähriger Sohn, der alles mit erleben musste, die schlimme Geschichte verarbeiten wird.

Der Prozess wird am 11. Mai mit Zeugenaussagen fortgesetzt

Wung H. konnte kurz nach der Tat noch in der Ohlauer Straße gefasst werden und kam in Untersuchungshaft. In einer früheren Aussagen bei der Polizei soll er sich auf eine angebliche Notwehrsituation berufen haben.

Nachdem sich in der Haft herausstellte, dass er unter psychischen Störungen leidet, wurde Wung H. in die Gerichtspsychiatrie verlegt. Ein Sachverständiger muss nun prüfen, ob Wung H. zur Tatzeit schuldfähig war und ob es angeraten ist, ihn dauerhaft in der geschlossenen Psychiatrie zu therapieren. Der Prozess wird am 11. Mai mit Zeugenaussagen fortgesetzt.

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