Start-up in Berlin

Wie eine Gründerin durch Scheitern erfolgreich wurde

Verena Pausder entwickelt Apps für Kinder. Beim Spaziergang durch Berlin-Mitte erzählt sie von Erfolgen und Rückschlägen.

Verena Pausder

Verena Pausder

Foto: Reto Klar

Gleich zu Beginn des Treffens wird Verena Pausder fotografiert. Sie wirkt entspannt, auch wenn sie schon seit acht Uhr arbeitet. Ihr Stil ist der Mitte-Mutter-Mix: Jeans, weiße Sneaker und wertvoller Schmuck. Ihren Rucksack hat sie für das Foto abgelegt.

Jetzt lehnt Pausder an einem übergroßen Tisch aus Bronze, Teil des Denkmals auf dem Koppenplatz in Mitte, das an das Wirken jüdischer Bürger erinnern soll. Beine gekreuzt, Hände in den Manteltaschen.

Touristen beobachten das Geschehen. Pausder muss lachen: "Die fragen sich sicher, wer ich bin." Dann mit verstellter Stimme: "Die ist doch gar kein Model!" Sie stört die Aufmerksamkeit nicht, lächelt weiter. Zwischendrin macht sie Lockerungsübungen mit dem Mund, sodass ihr Gesichtsausdruck auf den Bildern nicht eingefroren wirkt.

Die Fotos sind gemacht, unkompliziert, abgehakt. Sie checkt kurz das Handy auf dem Weg in die "Röststätte". In dem Café in der Ackerstraße spricht man englisch. Die riesigen Röstmaschinen arbeiten, es gibt Kaffee mit Kuh-, Soja- und Hafermilch. Wie überall hier nimmt man den Kaffeekult sehr ernst. Mitte bleibt Mitte.

Nächsten Monat werde es weniger Arbeit, lügt sie sich an

Es ist Pausders Kiez, seit sie 2012 von Hamburg herzog. Damals brauchte sie einen Ortswechsel – raus aus der Konventionalität. "In Berlin kann man sein, wie man will und muss sich für nichts rechtfertigen", sagt sie. Ihre beiden Söhne gehen um die Ecke zur Schule, ihr Büro ist nur einen Steinwurf davon entfernt und auch ihre Wohnung ist nicht weit. Ein überschaubarer Radius, ökonomisch perfektioniert bis ins Detail.

Die 37-Jährige braucht das, denn sie ist sozusagen im Dauerstress. "Im Moment belüge ich mich selber: 'Nächsten Monat wird es weniger', sage ich mir jedes Mal." Und dann kommt es doch wie gewohnt. Aber die Gründerin liebt ihren Job zu sehr, um sich ein anderes Leben zu wünschen.

Nur manchmal, da denkt sie darüber nach, wie es wohl wäre, wenn sie um 17 Uhr Feierabend hätte. Und zwar den, wo man an nichts mehr denken muss. Nicht so wie sie, die, nachdem die Kinder im Bett sind, noch bis Mitternacht arbeitet.

Was sie sonst mit der Zeit anfangen würde? Das weiß Pausder gar nicht mehr so richtig, sagt sie. Manchmal legt sie sich ganz flach auf ihren Parkettboden zu Hause. Ein Moment der Erdung. Und dann liegt sie da einfach so und spürt richtig, wie erschöpft sie ist. Aber eben auch, dass es weitergehen muss, weil sie es ja so will.

Startups in Berlin: Neues aus der Gründerszene

Vor über vier Jahren hat sie das Start-up Fox & Sheep gegründet, ein App-Entwickler, der mittlerweile 26 Kinder-Apps erstellt hat. Und es läuft gut für sie. Ende 2014 haben ihr Partner Moritz Hohl und sie für einen zweistelligen Millionenbetrag einen Teil an den Spielzeughersteller Haba verkauft.

Ihr gehören nun noch elf Prozent, was sie nicht davon abhält, weiterhin als Unternehmerin darin zu arbeiten. Da sind noch zu viele Ideen in ihrem Kopf, sagt sie. Außerdem kommt sie aus einer Unternehmerfamilie mit 300-jähriger Tradition. Da zählt Nachhaltigkeit: "Einfach von Bord gehen und was Neues machen, liegt mir nicht."

Die schlanke Frau spricht mit sehr klar betonten Silben, sodass man sie trotz der Kaffeemaschine mit Milchaufschäumer gut verstehen kann. Sie hat ein interessantes Gesicht, das in echt noch ausdrucksstärker ist als auf Bildern. Alles an ihr ist attraktiv: die hohe Stirn, die blauen Augen mit den langen Wimpern, die vollen Lippen.

Da sitzt nun also eine gut aussehende, hoch beschäftigte Frau mit zwei Söhnen im Grundschulalter. Her mit dem Fehler, den Macken und Dellen! Natürlich gibt es auch die. Allerdings muss man eine Weile das überbordend Positive wegschaufeln, um die zu finden.

Pausder ist in Bielefeld aufgewachsen. Ihre Familie eher konservativ. Vor allem ihr Vater hatte immer eine ganz genaue Vorstellung von seinen Töchtern. Der rote Faden, den müsse man verfolgen! Das sagte er immer. Aber Pausder lief im Zickzack, probierte viel aus. Das begann, nachdem sie mit Abschluss ihres Studiums in St. Gallen all ihr Erspartes – 30.000 Euro – in eine Salatbar investierte, die nie eröffnete.

"Mit meinem Scheitern konnten wir alle nicht so gut umgehen", sagt sie. Sie war doch immer ein Selbstläufer gewesen. Sehr gute Noten, herausragende Abschlüsse, eine sportliche Jugend ohne Exzesse.

Zum ersten Mal dachte sie, enttäuscht zu haben. Damit kam aber auch die Emanzipation von den Eltern. Ihr folgender Querfeldeinlauf durch die Berufswelt, das war dann für sie die Abgrenzung von den Eltern. Ihre Rebellion – eine ziemlich artige. Lange wusste sie nicht, was sie werden wollte.

Nun hatte sie sich freigerudert, und beruflich fielen ihr die Dinge trotzdem wesentlich leichter, weil sie unabhängiger war, erinnert sie sich. Da war plötzlich mehr Mut für das, was sie wollte. Aber auch dafür, Dinge einfach nicht mehr zu verfolgen, wenn sie sie nicht mehr interessierten. Geschadet hat ihr das nicht. Heute scheint alles im Fluss: Mann, Kinder, Unternehmen.

Erste Londoner Startups wollen nach Berlin umziehen

Eher unerwartet schief lief es vor fünf Jahren auch im Privaten. Vielleicht war es dieser Schicksalsschlag, den manche erwarten, weil sie die pausenlose Reibungslosigkeit in ihrem Leben misstrauisch macht. Damals, mit 32 Jahren, noch in Hamburg, wurde sie verlassen. Mit zwei Kindern, ein und drei Jahre alt. Einfach so. Ein Schock war das. Für sie und auch für ihre Familie. Mit Anfang 30 war sie im Glauben, dass alles perfekt ist – und dann kam da diese Bombe.

Der Leitsatz vom Großvater half ihr damals, nicht alles in die Tonne zu schmeißen: "Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden." Stehen zu bleiben, war keine Option, auch nicht, nach Antworten zu suchen. Die hätte sie sowieso nicht gefunden. Erst jetzt weiß sie, dass alles richtig war. Heute haben ihre Söhne Papi – den leiblichen Vater – und Papa – ihren jetzigen Ehemann.

Weil da nie Hass oder Wut waren, funktioniert das so gut, sagt Pausder. Und wieder ist da dieser nahezu lupenreine Eindruck: Eine Patchworkfamilie, die es geschafft hat. Ihr neuer Mann ist auch Gründer, auch erfolgreich. Er führt ein Start-up, das deutsches Handwerk vermittelt. Sie leben dort in einer Wohnung, wo sich nicht viele eine leisten können, vor allem nicht mit zwei Kindern. Und trotzdem, sagt Pausder, ist auch nicht alles immer so einwandfrei, wie es scheint.

"Postergirl ist mir zu glatt"

Denn der Preis, den sie zahlen müssen, ist doch hoch: oft fehlt Ruhe. Manchmal am Wochenende sagt Pausders Mann dann: "Komm, wir schauen uns den Horizont an!" Dann setzen sie die Kinder in den Familienvan und fahren ins Umland.

Pausder, das merkt man, will echt wirken. Und das ist nur, wer Kratzer hat. Weil das bedeutet, dass man lebt und mit jeder Schramme stärker wird. Deshalb hat sie auch so ein Problem mit dem Begriff Postergirl, wie sie in der Start-up-Szene oft genannt wird. Wenn Menschen zu einem aufschauen, weil man auf einer Bühne davon erzählt, wie man arbeitet, muss das authentisch sein, sagt sie. "Ein Postergirl ist das nicht – der Hochglanz, der damit suggeriert wird, ist mir zu glatt."

Tatsächlich wirkt sie bodenständig und nicht profillos. Und abgeklärt in allem, was sie über die Berufswelt sagt. Sie ist dabei nicht etwa hart, nur sehr klar. Dass sie aber auch Sinn für das Kleine hat, zeigt sie auf ihrem iPhone. Zwei der Apps, die ihr Unternehmen entwickelt hat. Süße, müde Tiere, die man ins Bett bringen muss. Süße, kranke Tiere, die man verarzten muss.

Was soll das eigentlich? Apps für Kinder? Schlimm, könnte man meinen. "Aber Tablets und Smartphones gehören doch zu unserer Wirklichkeit, dann sollen die Inhalte wenigstens gut sein", fordert Pausder. Und das sind sie. Tatsächlich sehen ihre Apps nach Qualität aus.

Verena Pausder bei "Young Global Leaders"

Für die detailreich gezeichneten Welten darin, die wie ein digitales Bilderbuch wirken, arbeitet sie mit preisgekrönten Illustratoren wie Heidi Wittlinger zusammen. Keine Werbung oder virtuelle Güter, nichts, das blinkt. "Mir geht es darum, was meine Kinder spielen, nicht, dass sie spielen." Sie fragt: "Wieso sollten beim realen und digitalen Spielen verschiedene Synapsen klicken?"

Kinder seien total bei der Sache und nicht so ausgecheckt wie beim Fernsehen. Pausder schnippt mit den Fingern, als würde sie ihre Söhne aus ihrer Trance holen.

Mutter und Unternehmerin. Eine Kombination, die noch immer fasziniert. Oder verstört. Maria Furtwängler hat mal gesagt, erinnert Pausder sich, man würde sich über Pilotinnen wundern, weil einem das Bild nicht bekannt sei. Ähnlich ist es in anderen Führungspositionen.

Von solchen Vorbildern müsse es mehr an der Oberfläche geben, sagt Pausder. Außerdem seien Netzwerke gut, so wie die Ladies Dinner, die sie vor vier Jahren ins Leben gerufen hat, wo sich Frauen Mut machen und gegenseitig die Bälle zuspielen.

"Frausein darf nicht Selbstzweck sein"

"Frauen haben leider schnell das Gefühl, dass wenn sie zu oft darüber reden, was sie tun, anmaßend und selbstdarstellerisch zu wirken", erklärt sie. Und das ist auch ihr Urreflex. Aber wenn sie das nicht machen würden, müssten sie sich nicht wundern, dass Frauen so unterrepräsentiert sind.

Nervt es nicht auch ein wenig, dass man immer auf einen Sockel gestellt wird? "Man muss aufpassen, Frausein nicht als Selbstzweck zu benutzen", sagt Pausder. Also nicht aufwachen und denken: 'Wow, ich bin ja Frau, Mutter und Gründerin!'

"Es darf nicht suggeriert werden, dass man schon alles richtig gemacht hat, wenn man im Jahr 2016 Mutter und Frau ist und auch noch arbeitet – meine Großmutter und Mutter waren das auch schon."

Pausder also ist das alles und sagt über ihre Familie: "Ich kann nicht alles wollen, aber wir haben schon ganz schön viel." Ihre größte Herausforderung übrigens war es nicht, noch mal zu gründen, so wie die Digitalwerkstatt, die sie in diesem Jahr unter Haba in Mitte eröffnet hat.

Manchmal ist ihr Leben auch furchtbar normal

Hier können Kinder im Grundschulalter lernen zu programmieren und verstehen, was Computer alles können. Nein, ihre größte Sorge war es, Mutter zu werden. Schaffe ich das? "Ich hatte nicht das Bild von mir als Mutter von vielen Kindern und dachte darüber nach, ob ich genauso viel Leidenschaft für meine Kinder übrig haben könnte wie für meinen Beruf."

Heute rufe sie immer mal wieder ihre Mutter an und verkünde mit Freude über ihre beiden Jungs: "Mami, die sind richtig gut gelungen!" Sie halten sie davon ab, zu überdrehen und lehren sie, Dinge zu genießen. Wenn sie abends mit ihnen isst, ist ihr Leben ganz furchtbar normal. Es ist ein Moment, der ihr zeigt: Wenn alles nervt, kann ich genau hier hinkommen und alles andere stumm stellen.

Gerade aber ist noch nicht die Zeit für Muße. Wir spazieren kurz zur Digitalwerkstatt, die aussieht wie eine Kita. Ihr Handy klingelt in dieser Stunde nun zum fünften Mal, diesmal geht sie ran. Es ist der Elektriker. Alle Lampen in der neuen Wohnung sind angebracht. Bevor sie die heute Abend anknipsen kann, muss sie aber noch etwas arbeiten. Sie muss jetzt auch los.

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