Moabit

Ein Kulturhaus für Moabit

Das neue Zentrum soll offen sein für Künstler, Galerien, Produzenten und Bildungsträger aus dem Ortsteil

Das Haus in der Turmstraße 75 soll ein neuer Ankerpunkt für das Viertel werden

Das Haus in der Turmstraße 75 soll ein neuer Ankerpunkt für das Viertel werden

Foto: Ricarda Spiegel

Es war einmal ein Haus in der Turmstraße in Moabit, das war groß, hell, einladend – ein Ort zum Lesen und sich Wohlfühlen. Dann kam die Wende und mit ihr der Niedergang. Das Geld floss in die Ostbezirke, Moabit verelendete regelrecht. Die Geschäfte verschwanden, die Markthalle blutete aus, die Bibliothek in dem Haus musste geschlossen werden. Als der Prenzlauer Berg fertig und voll war, entdeckte man, dass Moabit mitten in Berlin liegt, eine sehr gute Altbausubstanz und viele Parks hat. Es folgten Förderprogramme.

Eine Galerie zog wieder in das Haus an der Turmstraße ein. Doch noch immer wirkt das Gebäude von der Straßenfront zurückgesetzt, dunkel, ungepflegt und verschlossen. Es lädt nicht ein zum Entdecken, was sich hinter der Fassade verbirgt. Und das soll sich jetzt ändern.

Der Ortsteil ist dabei, sich zum Positiven zu verändern

So in etwa würde Sabine Weißler (Grüne) Kulturstadträtin in Mitte, die Geschichte von dem Haus, das einfach nur "Turmstraße 75" genannt wird, erzählen. Früher war dort die Brüder-Grimm-Bibliothek, "für manches Kind, das ohne Bücher in beengten Wohnverhältnissen aufwuchs, ein Ort zum Hausaufgaben machen", sagt die Bezirksstadträtin. Heute sind 15 Mieter in dem ehemaligen Schulgebäude untergebracht, darunter das Berlin-Kolleg, die Musikschule, die kommunale Galerie Nord und der Verein Gangway. Ihre Räume in dem Gebäudekomplex zwischen Aufgang A und Aufgang D, im Hinterhof und den Seitenflügeln zu finden, ist eine echte Herausforderung. Sabine Weißler will, dass der Standort wieder "zum Entdecken der Kunst und Kulturangebote" einlädt.. Ihr Plan: Das Haus muss ein Kristallisationspunkt nicht nur für die kommunalen Kulturinstitutionen sein, sondern für alle Kulturereignisse und -produzenten Moabits. "Im Moment leistet das Haus für Moabit nicht das, was es leisten könnte", sagt die Kulturstadträtin. Der Ortsteil sei im Begriff sich zu verändern, vor allem zum Positiven. Dieser Entwicklung wolle sie nicht hinterherlaufen, sondern vorgreifen.

Die Turmstraße ist im Aufwind, dass sieht auch der Bezirksbürgermeister so. "Wir sind dabei, die Turmstraße wieder als wirtschaftliches Zentrum und attraktive Einkaufsstraße zu entwickeln", sagt Christian Hanke (SPD). Damit solle die Bedeutung, die diese Straße in den 60er-Jahren hatte und in den vergangenen 40 Jahren verloren hat, wieder reaktiviert werden. Das Programm "Aktive Zen­tren" habe für diese Entwicklung eine große Bedeutung.

Dass die Turmstraße im Wandel ist, ist schon an den vielen Baustellen zu sehen. Zwischen dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) und dem Rathaus bis hin zur Turmstraße 75 sind unzählige Bagger und Kräne im Einsatz. Das beginnt am Kleinen Tiergarten, der gerade eingezäunt ist, damit im siebten Bauabschnitt noch neue Wege und Eingänge geschaffen werden. Auch auf dem Gelände der alten Schultheiß-Brauerei dröhnen die Bagger – dort wird gerade die Baugrube für ein 200 Millionen Euro teures Einkaufs- und Dienstleistungszentrum mit mehr 150 Geschäften, einem Hotel mit 300 Betten und 8000 Quadratmetern Bürofläche ausgehoben. Im Herbst 2017 soll die neue Shoppingmall eröffnen. Und rund um die Arminiusmarkthalle, die bereits modernisiert ist, werden die Straßen neu gestaltet. In der belebten Einkaufsstraße gibt es kaum Leerstand. Neben dem türkischen Supermarkt ist der Biomarkt, neben dem Falafelstand die Currywurstbude. Zur Mittagszeit ist es überall voll. Moabit profitiere vom Zuzug nach Berlin und Mitte, von einer steigenden Geburtenrate und der Nähe zum Zen­trum und zum Hauptbahnhof, sagt Bezirksbürgermeister Hanke. Daher gebe es auch Verdrängungsängste bei den angestammten Bewohnern. Sein Ziel sei es, "auch finanziell ärmere Bevölkerungsgruppen in der Innenstadt zu halten, damit eine gute soziale Mischung der Stadtteile nicht verloren geht".

Geplant ist ein offenes und flexibles Haus für viele Projekte

Bereits jetzt macht sich eine Veränderung bemerkbar. Im Vergleich zum Jahr 2011 hat sich die Zahl der Moabiter, die Arbeitslosengeld II erhalten, deutlich reduziert. So sind es zwar zum Beispiel in der Lübecker Straße noch 32,7 Prozent, aber immerhin fast sechs Prozent weniger als vor vier Jahren. Auch in der Emdener Straße und der Zwinglistraße sei deutlich der Trend zur Reduzierung der ALG-II-Empfänger erkennbar, sagt Petra Patz-Drüke, Leiterin der Arbeitsgruppe Sozialraumorientierung im Bezirksamt. Heute gebe es für die Turmstraße ein Geschäftsstraßenmanagement und ein Zentrenkonzept sowie ein Verkehrskonzept.

Und jetzt auch das Konzept für das neue Bildungs- und Kulturzentrum an der Turmstraße 75. Eine Machbarkeitsstudie der Humboldt-Universität Berlin kommt zu dem Schluss, dass das Gebäude eine "Landmarke" in Moabit werden und verschiedene Aktivitäten und Initiativen bündeln könnte. Um das zu erreichen, ist neben verschiedenen Umbauten vor allem eins notwendig: die Schaffung eines gemeinsames Foyers, das bereits von außen zu sehen ist. "Dort muss es einen gemeinsamen Auftritt und ein gemeinsames Marketing geben", sagt Sabine Weißler. Alle Angebote im Gebäude sollten auf einen Blick zu sehen sein.

"Offen und flexibel" – so beschreibt das Team um Bernd Käpplinger vom Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität sein neues Konzept für das Zentrum. Es gehe darum, auf viele Ideen und Projekte reagieren zu können und außerdem Freiraum für Workshops und zeitlich begrenzte Aktionen zu schaffen.

Das neue Bildungs- und Kulturzen- trum würde die Turmstraße mitprägen und ihr "eine Balance zurückgeben, die sie manchmal mit reichlich Imbissbuden, kleinen Technikläden und erstaunlich vielen Apotheken zu verlieren droht", sagt Bezirksstadträtin Weißler. Die Turmstraße habe ihren eigenen, sehr spröden Charme. Sie habe aber auch eine raue, meist ehrliche Seele. Doch sie brauche einen Kopf, der den Menschen sagt, was sie außer Pizza to go noch bräuchten: Einen Ort, an dem sie sich selbst wiederfinden und sich weiterentwickeln können.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.