Interview

Warum Stararchitekt Libeskind zu Hochhäusern in Berlin rät

Daniel Libeskind will, dass sich auch Normalverdiener das Berliner Zentrum leisten können, und arbeitet bereits an einem Projekt.

Daniel Liebeskind rät zu mehr Hochhäusern in Berlin

Daniel Liebeskind rät zu mehr Hochhäusern in Berlin

Foto: Reto Klar

Neue Wohnungen in Berlin sollten nicht nur den Reichen vorbehalten sein, sagt US-Stararchitekt Daniel Libeskind. Der 69-Jährige will deshalb nach seinem aktuellen Berliner Luxus-Projekt Sapphire auch bezahlbaren Wohnraum in der Stadt realisieren. Details kann der Planer derzeit noch nicht benennen. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost beklagte Libes-kind Berlins zeitgenössische „immergleiche langweilige Architektur“ und verriet, unter welchen Voraussetzungen er sich am Wettbewerb für das Neue Museum am Kulturforum beteiligen würde.

Berliner Morgenpost: Herr Libeskind, Sie haben vor 26 Jahren den Wettbewerb für das Jüdische Museum in Berlin gewonnen und diesen Entwurf gegen die damals starken Widerstände der Politik erfolgreich realisiert. Werden Sie sich auch am Wettbewerb für das geplante neue Museum der Moderne auf dem Kulturforum beteiligen?

Daniel Libeskind: Wenn Berlin wirklich neue und radikale Ideen will und mich dann zu diesem Wettbewerb auch einlädt, werde ich mich natürlich sehr gern daran beteiligen.

Der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) eigenmächtig festgelegte und von einigen Architekten kritisierte, weil einzige Standort zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie, ist für Sie also kein Problem?

Nein, denn es kommt doch darauf an, was für eine Architektur an dieser Stelle entsteht. Ein hässliches Museum zerstört natürlich das Areal zwischen Mies van der Rohes Nationalgalerie und Scharouns Philharmonie. Aber ein schönes Gebäude von dem Niveau der dort bereits realisierten Architektur kann durchaus eine Bereicherung sein.

Auch angesichts der durch das Raumprogramm erforderlichen Größe?

Ach, wissen Sie, das hängt doch im Endeffekt davon ab, wie und wo das Museum konkret platziert wird. Also unter anderem auch davon, ob das Gebäude beispielsweise komplett in die Höhe gebaut wird oder ob man auch in die Tiefe geht.

Was ja nicht zuletzt eine Kostenfrage ist. Sie betonen immer wieder, dass Architektur für die Menschen und deshalb auch eine soziale Disziplin ist. Wie passt das damit zusammen, dass Ihr aktuelles Projekt in Berlin, das Wohnhaus Sapphire an der Charlottenstraße in Mitte, luxuriösen, heißt teuren Wohnraum schafft und damit Teil der Gentrifizierung ist?

Nun, für die Preise bin ich nicht verantwortlich, das müssen Sie mit anderen besprechen.

Haben Sie denn eine Idee, was passieren muss, damit in Berlin nicht nur Luxuswohnungen, sondern mehr bezahlbarer Wohnraum in der Stadt entsteht?

Natürlich. Zu allererst muss Berlin damit aufhören, Gebäude nur noch horizontal zu bauen. Die Stadt braucht mehr Hochhäuser, es müssen ja nicht gleich 200-Meter-Türme sein, aber insgesamt muss höher gebaut werden. Wir brauchen mehr höhere und bezahlbare Häuser. Dabei ist mir sehr wichtig, dass bezahlbarer Wohnraum nicht gleichbedeutend ist mit langweiligen Wohnboxen, sondern auch hier gute Architektur gefragt ist.

Das hört sich ja alles gut an, aber wie soll das finanziert werden?

Das ist durchaus machbar. Ich habe bereits günstigen Wohnraum an verschiedenen Orten entwickelt und arbeite auch an einem entsprechenden Projekt für Berlin. Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ist eine der wichtigsten Aufgaben. Und es gibt auch mittlerweile in Berlin Unternehmen, die ernsthaft darüber nachdenken, wie wir das in der Stadt realisieren können. Es ist schließlich von großer Bedeutung, dass das Zentrum Berlins nicht nur den Reichen vorbehalten wird, und die Berliner es sich leisten können, in der City zu leben.

Mit wem arbeiten Sie da zusammen?

Das kann ich Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht verraten. Aber ich kann Ihnen sagen, dass ich schon seit geraumer Zeit an Zeichnungen sitze für sehr viele entsprechende Wohnungen und dass es dafür noch ausreichend Flächen in Berlin gibt.

Denken Sie da an das Areal in Tegel?

Möglicherweise. Ich kann dazu noch nicht mehr sagen.

Dann lassen Sie uns doch noch kurz über Berlins aktuelle Architektur sprechen. Wie viele Ihrer Kollegen kritisieren auch Sie mangelnde Kreativität in der zeitgenössischen Architektur. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ich kann das nicht erklären und will da auch niemanden beschuldigen, aber ich glaube, da liegt ein Schatten über der Regierung von Berlin. Es ist unakzeptabel, dass gerade in einer so spannenden und kreativen Metropole, wo so viele Künstler, Philosophen, Architekten und Musiker leben, die Architektur meist eine langweilige und banale Reduktion ist.

Die Erklärung ist doch ebenso banal, weil diese Architektur bei den Wettbewerben Preise gewinnt.

Ja, aber es sind ja nicht die Architekten, die entscheiden, was gebaut wird, das ist Aufgabe der Jurys. Und für mich übrigens auch ein Grund, weshalb ich noch nie in Berlin in eine Jury berufen wurde.

Das kann ich mir nicht vorstellen.

Doch, das stimmt tatsächlich. Denn ich würde nie solche Entwürfe auswählen mit den immergleichen langweiligen vertikalen Fenstern.

Aber warum sind die Architekten denn nicht mutig und befreien sich mit ihren Entwürfen von dem von Ihnen erwähnten administrativen Schatten?

Weil Architekten abhängig und ängstlich sind. Wenn sie etwas Kritisches sagen, müssen sie befürchten, dass sie keine Aufträge mehr bekommen, da werden Sie ganz schnell zur persona non grata. Verstehen Sie?

Das trifft ja auf Sie nicht zu. Themenwechsel: In Ihrer Biographie (Breaking Ground, 2004) schreiben Sie, dass Sie sich zwar als Berliner, aber auch fremd fühlen in Deutschland. Hat sich das unterdessen ein wenig verändert?

Natürlich. Berlin ist für mich ein ganz wichtiger Ort, nicht nur weil mein Sohn Noam mit seiner Familie hier lebt. Ich habe das Fremdfühlen verloren, ich weiß zu viel über Berlin. Und ich liebe Berlin.

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