Wohnprojekt

Zeltstadt Teepeeland in Mitte soll einem Uferweg weichen

Das internationale Kulturprojekt Teepeeland steht zum Teil auf Uferareal, für das der Bezirk Mitte ein Bebauungsplanverfahren durchführt. Unklar ist, wie lange die Tipis der Zeltstadt noch bleiben.

Foto: Amin Akhtar

„Keiner von uns lebt hier von Sozialhilfe“, betont Fernand. „Ich zum Beispiel trage Zeitungen aus“, sagt der 57-Jährige, der bereits seit zwei Jahren eines der Tipis in der Zeltstadt an der Spree im Bezirk Mitte bewohnt. Andere der aktuell 20 Bewohner des internationalen Wohn- und Kulturprojektes Teepeeland würden ihren Lebensunterhalt durch das Sammeln von Pfandflaschen oder als Straßenmusiker verdienen, ergänzt der Luxemburger und verweist darauf, dass „alles, was man hier sieht, von uns selbst geschaffen wurde“.

Dieses „Alles“ umfasst ein Dutzend Zelte und Hütten aus Recyclingmaterialien, dazu eine kleine, aus Altholz zusammengezimmerte Bühne. Doch nicht nur der bevorstehende Winter sorgt dafür, dass im Teepeeland die Stimmung derzeit nicht gut ist. Die Bewohner befürchten, dass ihre Kommune kurz vor der Teilräumung steht. Denn die Grundstückseigentümer, der Bezirk Mitte und die TLG Immobilien, haben eigene Pläne für das Areal, die mit dem alternativen Zelt-Projekt kaum zu vereinbaren sind.

Wer in die Zeltstadt will, erreicht das Areal über einen Treppenabgang an der Schillingbrücke. Über einen Trampelpfad geht es hinter der Verdi-Zentrale rund 300 Meter an der Spree entlang, bis die ersten Zelte auf einem schmalen Uferstreifen hinter der verfallenen Eisfabrik auftauchen. „Vorher war hier nur Gestrüpp, den öffentlichen Uferweg, der sich durch unsere Zelte schlängelt, haben wir selbst angelegt“, sagt Fernand. Das alles sei nun in Gefahr, weil die TLG den Dialog mit ihnen abgebrochen habe, und auch der Baustadtrat des Bezirkes auf Anfragen nicht mehr reagiere. Nun stehe der Bau einer Absperrung und damit die Teilräumung des Teepeelandes unmittelbar bevor. „Das bedeutet für uns das Aus“, sagt Fernand.

Keine dauerhafte Bleibemöglichkeit für Teepee-Kommune

„Von einer Räumung oder auch Teilräumung des Areals ist uns nichts bekannt“, sagt Baustadtrat Carsten Spallek (CDU). Fakt sei allerdings, dass Teepeeland sich zum Teil auf dem Uferareal befinde, für das der Bezirk gerade ein Bebauungsplanverfahren durchführe. Eine Bürgerversammlung am 1. Juli, wo über das weitere Verfahren informiert wurde, sei ebenfalls durchgeführt worden. „Für die künftige Gestaltung eines durchgehenden Uferweges wollen wir mit den Bürgern Ideen sammeln. Dazu wird in Kürze eine Internetseite als Debattenforum eingerichtet“, so Spallek weiter.

Eine dauerhafte Bleibemöglichkeit könne er der Teepee-Kommune deshalb nicht versprechen. „Wir können nicht vollendete Tatsachen schaffen, bevor wir wissen, was die Mehrheit der Menschen im Kiez sich hier wünscht“, so Spallek. Die Zeltbewohner hätten das Areal schließlich nicht gepachtet. „Der Bezirk duldet lediglich die Nutzung“, so der Stadtrat. Solange die Planungen nicht abgeschlossen seien und mit der Gestaltung eines zehn bis 20 Meter breiten Uferstreifens begonnen werde, könnten die Zelte auf dem Areal, der dem Bezirk gehört, bleiben. Frühestens 2016 könnte der Uferweg entstehen.

Doch das Teepeeland steht eben zum großen Teil auch auf dem Grundstück, das der TLG gehört. „Wir haben der Nutzung unseres privaten Grundstückes widersprochen und gehen davon aus, dass das auch so eingehalten wird“, sagt dazu TLG-Sprecher Christoph Wilhelm. Damit die Abgrenzung der für Teepeeland zur Verfügung stehenden Flächen vor Ort erkennbar sei, habe die TLG kürzlich beim Bezirk eine Genehmigung zum Setzen eines Zaunes beantragt, so Wilhelm weiter.

Die Genehmigung stehe noch aus. Was das Unternehmen konkret mit dem Areal vorhabe, verrät Wilhelm jedoch nicht. „Wir prüfen derzeit verschiedene Optionen“, sagt er. Teepeeland-Sprecher Fernand hofft jedoch, dass die TLG zumindest für einen Teilbereich noch einlenkt. „Ein Teil des Grundstücks wird doch in absehbarer Zeit von der TLG an das Land Berlin verkauft. Genau dieser Abschnitt soll jetzt aber bereits mit einem Zaun abgesperrt werden, das macht doch keinen Sinn“, sagt er.

„Berühmt für Orte wie diesen“

Am 3. Dezember wird der Stadtentwicklungsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung Mitte vor Ort sein, um über den Entwurf des Bebauungsplanes sowie die Bürgerbeteiligung zu beraten. „Wir befürchten, dass die TLG bis dahin schon Tatsachen geschaffen hat, bevor sich die gewählten Vertreter des Bezirkes vor Ort ein Bild der Situation machen können“, sagt Fernand.

Wie Oliver aus London, der zu den Gründungsmitgliedern der Zeltstadt gehört, hofft er, dass der Besuch die Bezirksverordneten davon überzeugt, dass der Erhalt des Teepeelandes für die Stadt ein Vorteil ist. „Berlin ist doch weltweit berühmt für Orte wie diesen“, sagt der 36 Jahre alte Comedian, der die kostenlosen Stand-up-Comedyshows in englischer Sprache organisiert, die im Winter im beheizbaren Bootsschuppen der benachbarten Wohngenossenschaft Spreefeld stattfinden.

Die Genossenschaft versorgt die Tipibewohner zudem mit Strom und Wasser. „Wir unterstützen Teepeeland, wir sind gute Nachbarn“, sagt Genossenschaftsmitglied Claudia Hirthmann. Deshalb habe man auch den Stadtentwicklungsausschuss eingeladen, im Anschluss an den Besichtigungstermin in der Zeltstadt im Bootsbunker zu tagen.

Dann können sich die Bezirksverordneten auch mit einem weiteren Problem beschäftigen, dass der künftige Uferweg mit sich bringen wird: Der Bootsbunker ist ein Relikt der DDR-Grenztruppen. „Dieses Element der Grenzanlage 25 Jahre nach dem Fall der Mauer für einen Uferweg abzureißen, ist kaum vorstellbar“, sagt Frank Bertermann, Vorsitzender des Stadtentwicklungsausschusses in Mitte. Auch hier müsse noch eine „kreative Lösung“ gefunden werden.