Berlin-Moabit

Arminius-Halle bietet Feinkost abseits der Bioladen-Idylle

Ruppig, bodenständig, gut: Die Arminius-Markthalle in Moabit bietet Delikatessen ohne hippes Image. Einige Produkte kosten gar die Hälfte des Ladenpreises. Das hat Folgen für die Verkäufer.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Hier weiß ein Mann, was sich gehört. Kein Leberwurstbrötchen verlässt den Tresen ohne saures Gürkchen, aufs Mett kommt eine anständige Portion Zwiebeln, und die Kartoffelpuffer sind mit einer unverschämt glänzenden Fettschicht überzogen. Wer sich auf einen der Hocker von „Brutzel-Werner“ setzt, erfährt täglich, wo Volkes Hammer hängt, dieser Stand ist einer der Altberliner Originale in der Arminius-Markthalle in Moabit. Während es scheint, als würden alle Berliner regelmäßig zum angesagten „Street-Food-Thursday“ in die Halle 9 nach Kreuzberg rennen, versteckt sich der rote Backsteinbau etwas scheu hinter der rauen Turmstraße. Die Arminius-Markthalle ist eine von drei alten Berliner Markthallen, die noch heute in Betrieb sind. Neben der Marheineke-Halle im Kreuzberger Bergmann-Kiez und der Markthalle 9 in der Nähe des Mariannenplatzes.

Am 1. Dezember 1891 öffnete die Moabiter Markthalle erstmals ihre Türen – und blieb bis auf eine kurze Zeit während des Zweiten Weltkriegs durchgängig geöffnet. Hier wird das Auge noch nicht mit perfekt drapierter Bioladen-Idylle zugeballert – kein Brandenburger Bauer, der jede Karotte per Hand verliest und in selbst geflochtenen Körben dem wohlbetuchten Kunden zum Kauf präsentiert. In dieser Markthalle steht auf dem Herkunftsland-Schild von Obst und Gemüse auch mal Holland. Prenzlauer Berg liegt eben ein paar Luftlinienkilometer weiter östlich. Nein, hier sind die einzelnen Marktstände entweder Ur-Berlin – ruppig, bodenständig, gut – oder von einer so liebenswürdigen Unfertigkeit, dass die Auswahl noch klein, aber dafür schon lecker ist.

„Wir wollen ein Angebot für Menschen machen, die täglich kommen, um ihre Einkäufe zu erledigen und keine Event-Markthalle sein“, sagt Yiannis Kaufmann, Manager der Arminius-Halle. Kaufmann trägt Tweedsakko und Karoschal, er kennt jeden Händler, der in der Halle arbeitet, inklusive Lebensgeschichte und dem täglichen Befinden. Beim Rundgang wird jeder Stand von ihm mit einem Superlativ bedacht. Da gibt es „Berlins besten“ Geflügelverkäufer, Bäcker, Stand für selbst gemachte Marmeladen – „Berlins bester“, die Liste ließe sich fortsetzen. Dabei würde man auch so merken, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht.

Namhafte Lieferanten und kleine Preise in der Arminius-Markthalle

Ein namhafter Produzent beliefert zwei der Stände mit Brot- und Käsewaren. Dort werden die Produkte zur Hälfte des Preises angeboten, die in Feinkostgeschäften in Mitte üblich sind. Ein italienischer Delikatessenstand bietet köstlichen Rucola-Pecorino für unter zwei Euro je 100 Gramm. Die günstigen Preise haben aber auch Folgen. „Es ist nicht so leicht, Händler zu finden, die hier sechs Tage die Woche verkaufen wollen“, sagt Kaufmann. Viel Arbeit für eher wenig Ertrag.

Ursprünglich wurde das Markthallenkonzept vor der Jahrhundertwende entwickelt, um für hygienischere Zustände beim Lebensmittelverkauf zu sorgen – weg vom schmuddeligen Straßenverkauf. Mehr als 400 Stände hatten darin Platz, heute gibt es nur noch rund 30 Verkaufstheken. Geöffnet ist die Halle täglich außer sonntags, von 7 bis 19 Uhr. Jeden Sonnabend findet im Mittelgang ein Gourmetmarkt statt, mit Tartes, Suppen, frischem abgefülltem Olivenöl aus Italien und Pannacotta. Wer noch nicht gefrühstückt hat, kann sich den Magen allein beim Durchprobieren vollschlagen.

Aus Griechenland in die Moabiter Markthalle

Täglich geöffnet haben Eleni Boskou und Anastios Kampisios. Die Krise Griechenlands und Unternehmergeist führte die beiden nach Berlin. Jetzt betreiben sie den griechischen Stand in der Arminius-Halle. Sie wollen erst in Deutschland Fuß fassen, bevor sie in ihren eigentlichen Berufen arbeiten. Eleni Boskou hat kürzlich ihren Master in Wirtschaftsrecht an der FU abgeschlossen, Anastios ist Architekt.

Etwas abseits der Stände steht im hinteren Teil der Halle eine lange Holztafel. Betrieben durch ein österreichisches Restaurant, findet dort jeden Sonnabendvormittag ein Brunch statt. Wer möchte, kann auch auf Strohballen an einzelnen Tischen sitzen. Ein Pianospieler spielt dazu am Steinway-Flügel. Jeden Sonnabend wird der Hallenbummel von einem kleinen Konzert begleitet. Wie der Flügel die Zugluft im Eingangsbereich aushält, ist eines der Phänomene hier. Angeblich ist der Stimmer jedes Mal wieder erstaunt, dass er nahezu nicht verstimmt ist.

Das neue Konzept der Arminius-Markthalle

„Wir haben viel Stammpublikum in der Halle“, sagt Kaufmann. Er ist stolz, dass sich die Halle so gut entwickelt hat, seit er sie im Jahr 2010 übernommen und das Konzept erneuert hat. Das denkmalgeschützte Gebäude wirkt filigran. Getragen durch eine schmiedeeiserne Konstruktion aus 72 Säulen fällt viel Licht hinein.

Für Hallenmanager Kaufmann ist auch der soziale Aspekt der Halle wichtig. „Wir bringen hier Menschen aus dem Kiez zusammen. Schon öfter konnten wir welchen Jobs anbieten und damit einen neue Lebensaufgabe“, sagt er. Gegen Mittag hat sich die Halle gut gefüllt. Familien mit Kindern, hier und dort hört man englische und dänische Wortfetzen durch die Luft wabern. In den ein oder anderen Reiseführer und Blog hat die Halle schon ihren Weg gefunden.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

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