Freizeitsport

Berliner kämpfen in neuem Kletterzentrum mit der Höhenangst

Der Deutsche Alpenverein hat am Berliner Poststadion ein Kletterzentrum eröffnet. Auf rund 1800 Quadratmetern können sich Sportler hier austoben. Die 15 Meter hohen Wände sind nichts für Angsthasen.

Foto: Massimo Rodari / Massimo Rodari (2)

Es sieht eigentlich ganz leicht aus, wie Esther Sablatnig die 15 Meter hohe Wand erklimmt. Zügig und bedacht zieht sie sich von Griff zu Griff. Bei ihr sieht es einfach aus, ist es aber nicht, denn an der Wand wird physische und psychische Kraft benötigt. "Es ist wie Tanzen, nur dass man dabei eine Wand hochtanzt", sagt die 46 Jahre alte Physiotherapeutin aus Zehlendorf.

Seit elf Jahren klettert sie und hat schon alle Berliner Hallen ausprobiert. Heute ist sie zum ersten Mal im Kletterzentrum des Deutschen Alpenvereins (DAV) Berlin am Poststadion in Moabit. Im Sommer klettert Sablatnig eher auf Berge, doch im Winter sei es immer gut, sich in der Halle in Form zu halten und die Technik zu verbessern.

Gegen die Höhenangst

Höhenangst darf man bei diesen Höhen nicht haben. Zumindest könnte man davon ausgehen, aber genauso hat Sablatnig zu dieser Sportart gefunden: "Ich konnte anfangs noch nicht mal zwei Meter hoch steigen", sagt sie. Doch durch Hartnäckigkeit und die Freude am Klettern ist ihre Höhenangst nach zwei Jahren verschwunden. Jetzt "tanzt" sie geschmeidig die hohen Wände empor, hoch bis zur Decke.

Schon vor einigen Jahren plante der DAV Berlin, eine neue Kletterhalle zu bauen. Mit rund 11.000 Mitgliedern wurde es in der sechs Meter hohen Kletterhalle am Hüttenweg öfter mal etwas zu eng. "Nur eine Gruppe konnte die Halle benutzen, die meistens völlig ausgelastet war", sagt Walter Welzel, stellvertretender Vorsitzender des DAV-Berlin. Sein Ziel sei es, das Klettern als Vereinssport zu etablieren, mit Ausbildungs-, Gruppen-, Familienkursen und Routen für individuelle Kletterer. Zwar war zu Beginn noch nicht klar, wo das neue Zentrum entstehen würde, doch schließlich entschied sich die Sektion Berlin des DAV für das Eckgrundstück an der Lehrter- und Seydlitzstraße nahe Hauptbahnhof. Insgesamt 2,4 Millionen Euro wurden in das Projekt investiert.

Es ist jetzt möglich, auf rund 1800 Quadratmetern Wände hochzusteigen. Betritt man das Gebäude, fällt der Blick auf die 15 Meter hohen Kletterwände. Über eine Tribünentreppe gelangt man in den abgesenkten Kletterhallenbereich mit frei stehendem Turm. Hier gibt es für Freizeit- und Sportkletterer neben grauen Kletterflächen für gemäßigte und mittlere Schwierigkeitsgrade auch einen grünen Wettkampfbereich.

Wer eine Verschnaufpause benötigt oder doch mehr Zeit braucht, sich die Route anzusehen, kann sich auf den orangefarbenen Freizeitflächen ausruhen. Die Steine sind nach Schwierigkeitsgraden nummeriert. Mit drei fängt es an und bei zehn für die erfahrenen Kletterer hört es auf. Damit niemandem langweilig wird, werden die Routen regelmäßig "umgeschraubt". So kann es sein, dass etwa die rote Route in ein paar Wochen eine ganz andere Streckenführung hat.

Auf der linken Seite der Halle gibt es eine dunkelgraue Wand mit weißen Griffen. Diese Strukturwand wurde mit den Eigenheiten und Unebenheiten eines realen Felsens versehen, damit sich auch Outdoor-Kletterer auf die Sommersaison vorbereiten können.

Rechts befindet sich eine hellere Speedkletterwand. Hier geht es nicht um Technik, sondern um Geschwindigkeit. Die 15 Meter werden von den Kletterern hoch "gerannt". Der Rekord eines der Mitglieder des DAV liegt hier bei bei rund 20 Sekunden.

Erfolgserlebnisse sammeln

Die Tribünentreppe und Galerien bieten dabei eine gute Sicht auf das Klettertreiben. Aus dem Hauptkletterbereich erreicht man auf direktem Weg die Außenkletterflächen, die an der Westfassade des Gebäudes entstehen.

Das "Bouldern" bezeichnet das Klettern in einer vier bis fünf Meter Absprunghöhe. Auf rund 550 Quadratmetern bekommt auch diese Form des Sports einen angemessen großen Raum im ersten Obergeschoss. Das Besondere hierbei ist, dass dieser Bereich ehrenamtlich von rund 150 Mitgliedern des DAV gebaut wurde, um Kosten zu sparen. "Es gibt ein starkes Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Kletterer-Gesellschaft", sagt Welzel. Gleich nebenan befindet sich ein abgetrennter Kletterbereich, der der Kletterausbildung und Gruppenarbeit vorbehalten ist. Neben dem Vereinsbistro findet sich für die theoretische Ausbildung im Erdgeschoss ein Seminarraum.

Auch Christoph Linden, ehrenamtlicher Öffentlichkeitsreferent des DAV Berlin, begeistert sich für diese Sportart. Technisch sei der ganze Körper von den Fingerspitzen bis hin zu den Zehen im Einsatz. "Man hat auch ein geniales Erfolgserlebnis, wenn man die Route gelesen und geschafft hat", so Linden. Diese Sportart ist nur zu zweit möglich, denn während einer die Wand emporsteigt, muss der andere den Kletterer absichern. Dafür benötige man auch ein extremes Vertrauen in den Partner.

Das Zentrum unterstützt als Partner für Sozialprojekte des Bezirks Mitte oder des Lands Berlin die sozialpädagogische Kinder- und Jugendarbeit. Diese Sportart fördere nämlich die Zusammenarbeit, das Vertrauen und das Gefühl von Verantwortung unter den Kindern, sagt der DAV.

Die Kletterhalle ist nur für Mitglieder des DAV zugänglich, aber auch Neugierige dürfen bis zu dreimal Schnupperklettern. Das DAV-Kletterzentrum Berlin ist der erste Schritt hin zum DAV Alpinzentrum Berlin, denn perspektivisch soll auch die neue Geschäftsstelle des DAV Sektion Berlin an diesem Ort entstehen.

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