Stadtplanung

Zurück auf Los - Der Alexanderplatz wird zurechtgestutzt

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher verwirft die alten Hochhaus-Pläne von Architekt Kollhoff und will ein neues Konzept. Statt die DDR-Bauten abzureißen, sollen sie miteinbezogen werden.

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Die Realisierung der 20 Jahre alten Hochhauspläne am Alexanderplatz rücken in weite Ferne. Am Mittwoch erhielt der Vorschlag der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, zumindest auf einen Teil der geplanten zehn Hochhäuser zu verzichten, im Berliner Abgeordnetenhaus breite Unterstützung.

Die Parlamentarier hatten Experten zu einer Anhörung geladen und nahezu einmütig unterstützen die Geladenen die Forderung nach einer Revision des Masterplans Alexanderplatz.

„Es geht nicht darum, den Plan infrage zu stellen, sondern da, wo die Hürden zu groß sind, Bewegung hineinzubringen“, begründete Lüscher ihren Vorstoß. Auch nach 20 Jahren sei keines der geplanten Hochhäuser realisiert, sodass sich die Frage nach einer realistischen Umsetzung stelle. Zudem sei in den vergangenen Jahren am Alexanderplatz viel geschehen. Häuser seien saniert, andere Gebäude einer neuen Nutzung zugeführt worden.

Am Park Inn Hotel scheiden sich die Geister

„Es ist ein Konzept nötig, dass auch den Bestand sichert“, sagte Lüscher vor den Abgeordneten. Bislang nahm der Masterplan auf Bestandsbauten wie das Park Inn Hotel keine Rücksicht. Es sollte einem 150-Meter-Turm weichen.

Die Berliner Architektenkammer unterstützte am Donnerstag den Vorstoß der Senatsbaudirektorin. „Es ist aus heutiger Sicht unmöglich, ganze Stadtviertel abzureißen, um die eigenen Visionen zu verwirklichen“, sagte Christine Edmaier von der Architektenkammer. „Deshalb unterstützen wir die Pläne.“

Vor allem das in der Vergangenheit sanierte und umgebaute Park Inn Hotel steht den Neubauplänen des Architekten Hans Kollhoff aus dem Jahr 1993 im Weg. Ein neues Konzept müsste daher den Erhalt des Gebäudes miteinbeziehen, waren sich die Experten einig.

Wertschätzung der DDR-Moderne

Auch der ehemalige Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei) forderte eine Korrektur der Kollhoff-Pläne. „Es besteht eine Sehnsucht, die bestehenden Hochhäuser aus der DDR zu übertrumpfen“, sagte Flierl. Stattdessen sollten sie in das Bebauungskonzept für den Alexanderplatz einfließen. Die Höhe der Neubauten sollte sich an dem Park Inn Hotel orientieren.

So sieht es auch Theresa Keilhacker vom Architekturbüro Urban Design Architektur. „Es geht auch um eine Wertschätzung der DDR-Moderne“, sagte die Architektin und Vizepräsidentin der Berliner Architektenkammer.

Der vor 20 Jahren entstandene Masterplan für den Alexanderplatz sieht den Abriss zahlreicher Gebäude aus DDR-Zeiten vor – um Platz zu schaffen für zehn bis zu 150 Meter hohe Türme. Jetzt sei es an der Zeit, die Pläne zu überdenken, erklärte Lüscher. Die Investoren hätten nach Ablauf der Sieben-Jahres-Frist zumeist keinen Anspruch mehr auf Schadenersatz.

Prädestiniert für eine Hochhausbebauung

Doch gerade die Orientierung am Bestand ist unter Stadtplanern umstritten. Während Lüscher die Abkehr von den kollhoffschen Hochhausplänen mit der Anpassung an die Realität begründet, werfen Kritiker wie der Berliner Architekt und Mitverfasser des Planwerks Innenstadt, Bernd Albers, der Baudirektorin vor, durch diese „Bestandslogik“ Mängel zu zementieren, die noch aus dem DDR-Städtebau herrührten.

Auch beim Koalitionspartner CDU stößt Lüschers Vorstoß nicht auf Gegenliebe. In der Union ist man verärgert, dass die Senatsbaudirektorin mit unabgesprochenen Plänen an die Öffentlichkeit ging. Inhaltlich sehe man die Zukunft des Alexanderplatzes jedenfalls deutlich anders. Der Platz sei prädestiniert für eine Hochhausbebauung. Die Christdemokraten sprachen sich gegen eine „baupolitische Banalisierung“ des Platzes aus.

Erste konkrete Pläne für Hochhäuser

Allen Reformplänen zum Trotz nehmen unterdessen die ersten konkreten Pläne zum Bau der ersten Hochhäuser Form an. So will der US-amerikanische Projektentwickler Hines noch in diesem Jahr mit einem Wettbewerb für ein Hochhaus hinter dem Saturn-Markt starten, und die IVG Immobilien Verwaltungsgesellschaft plant ebenfalls zwei Bauprojekte rund um den Alexanderplatz. Beide Bauprojekte sehen auch vor, Wohnungen in den Gebäuden zu schaffen. Nach Angaben Lüschers plant auch Architekt Kollhoff, sich am Wettbewerb eines der neuen Hochhäuser mit einem eigenen Entwurf zu beteiligen.

Nachdem bereits wenige Jahre nach der Jahrtausendwende absehbar geworden war, dass die Investoren mehr Zeit für die Realisierung der Hochhauspläne benötigen würden, schloss der damalige Senatsbaudirektor Peter Strieder (SPD) mit ihnen städtebauliche Verträge ab. In ihnen wurden Jahreszahlen genannt, bis zu denen die Häuser stehen sollten. So sollten etwa die Sockelbauten an den „Füßen“ der Türme bis 2006 errichtet sein. Allerdings nur, wenn dies die „wirtschaftliche Lage“ erlaube. Bislang wurden nur die Sockelbauten von Hines mit dem Saturn-Markt sowie jener mit dem Alexa-Shoppingcenter errichtet.