Christa Wolf

Berlin nimmt Abschied von der "Hoffnungsvollen"

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Sören Kittel

Die Schriftstellerin Christa Wolf ist im Beisein von 500 Gästen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt worden. Viele Berliner, Politiker, Verwandte und Kollegen erinnerten auch bei der Gedenkveranstaltung in der Akademie der Künste an ihr wechselvolles Leben.

Kurz nach 13 Uhr, an diesem regnerischen, grauen Dienstagmittag, wirft eine ältere Frau eine Rose auf das Grab von Christa Wolf. Sie hat sich nicht in die Schlange vor dem Grab eingereiht, sie hat mit der Blume in der Hand die ganze Zeit, fast eine Stunde, abseits gestanden und unter ihrem Schirm gewartet. Als sie an das Grab tritt, ist der Sarg schon nicht mehr zu erkennen unter all den Rosen. Die Frau greift tief in den grünen Behälter neben dem Grab, nimmt eine Handvoll Erde in die Hand und wirft den Klumpen hinterher. Noch zwei Mal macht sie das. Dann nickt sie und geht. Hinter ihr beginnen die Herren in Schwarz vom Bestattungsunternehmen dezent zusammenzuräumen.

Die ältere Frau läuft über den Dorotheenstädtischen Friedhof, auf dem auch die Gräber von Bertolt Brecht, Thomas Brasch, Heinrich Mann, Arnold Zweig, Heiner Müller und Anna Seghers sind. Sie sucht den Ausgang. Kannte sie Christa Wolf? „Die letzten 15 Jahre, ja.“ Was ist ihre letzte Erinnerung an die berühmte Schriftstellerin? „Sie hat sich sehr gequält am Ende, es ging ihr nicht gut.“ Was sagt sie zur Trauerfeier? „Es war eine schöne Feier, Christa war ja ihre Familie so wichtig, das hat man heute gemerkt, vor allem bei Janas Rede.“

Viele Schriftstellerkollegen kommen

So wie diese Frau haben das viele der rund 500 Gäste an diesem Vormittag wahrgenommen. Von ganz oben, aus dem 21. Stockwerk der benachbarten Charité, muss der Friedhof sehr seltsam aussehen. Nicht grün wie sonst, sondern schwarz, von all den Regenschirmen, Mänteln und Anzügen. Unter den Gästen sind Schriftstellerkollegen wie Günter Grass und Ingo Schulze sowie Politiker wie Gregor Gysi, Petra Pau und Wolfgang Thierse. Doch es sind vor allem Freunde, Familienmitglieder und viele Berliner, die Abschied nehmen wollen. Wer sie fragt, ob sie Christa Wolf kannten, hört oft: „Nicht persönlich, nein.“ Gekommen seien sie, weil Christa Wolf in Büchern und Filmen Dinge angesprochen hatte, die andere im Osten Deutschlands nur gedacht hätten.

In der Kapelle liegen Kränze vom Berliner Ensemble, vom Abgeordnetenhaus, von ihrem Verlag, aber auch von der Christa Wolfs Familie. „Ein lieber letzter Gruß für Tante Christa“ steht an einem, „Unvergessen“ und „In Liebe und Dankbarkeit“. Entsprechend persönlich und ergreifend sind die Reden, die in der Kapelle gehalten und über Lautsprecher auf den Vorplatz übertragen werden. Gerade, als die Schauspielerin Corinna Harfouch das Gedicht „An sich“ von Paul Fleming verliest, beginnt es, wieder stärker zu regnen.

Das Gedicht beginnt mit zwei Aufrufen, dem im Laufe der Verse noch mehrere folgen: „Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!“ Corinna Harfouch macht jeweils kurze Pausen nach den Ausrufezeichen, was dieses „Dennoch“ plötzlich direkt an die Trauernden gerichtet klingen lässt, obwohl das Gedicht fast 400 Jahre alt ist. Auch Zeilen wie „Nimm Dein Verhängnis an, lass alles unbereut“ oder „Tu, was getan werden muss“ passen gut zu dem wechselvollen Leben der Schriftstellerin, die am 1. Dezember im Alter von 82Jahren gestorben ist.

Christa Wolf wurde in Landsberg an der Warthe, dem heutigen Gorzów Wielkopolski, geboren und zog nach ihrem Studium in Leipzig nach Berlin. Seit 1961 schrieb sie Bücher („Medea: Stimmen“, „Der geteilte Himmel“, „Nachdenken über Christa T.“) die zum Teil in 40Sprachen übersetzt wurden. Der Dresdner Schriftsteller Volker Braun zeichnet in seiner Rede das Leben Christa Wolfs nach. Er nennt sie „die Hoffnungsvolle, die Zweifelnde, die sich nicht einschränken ließ in einem gebremsten Leben“. Immer habe sie wieder danach gefragt, wer sie eigentlich sei. Das „Hierbleiben“, das Nicht-Ausreisen aus der DDR, sei ihr immer vorgeworfen worden, vor allem 1990 nach ihrer Erzählung „Was bleibt“. Volker Braun sagt in der Kapelle: „Sie ging bis an die Grenze, an der man sich selbst als Fremder entgegen kommt.“

Noch persönlicher, fast privat, ist die Rede von Christa Wolfs Enkelin Jana Simon, die wie ein Brief formuliert ist. Gleich zu Beginn sagt sie, dass das überernste Bild aus der Öffentlichkeit nur unzureichend wiedergebe, wie ihre Familie sie erlebt habe. Jana Simon beschreibt ihre Großmutter als selbstironische Frau, die triviale Fernsehserien genauso mochte wie „eine gut gemixte Margarita“. Abends vor dem Schlafengehen habe Christa Wolf an jeden ihrer Verwandten gedacht. „Wenn es einem von uns einmal nicht so gut ging, hast du ihm deine Strahlen gesendet.“ Jana Simons dreijährige Tochter Nora habe noch nicht verstanden, dass ihre Uroma jetzt tot sei. „Das haben wir alle noch nicht. Wie auch? Du fehlst.“

Gedenkveranstaltung in der Akademie der Künste

Als am Abend die Akademie der Künste zu einer Gedenkveranstaltung für Christa Wolf lädt, hat der Regen schon etwas nachgelassen. Die Gäste hören ergreifende Worte von Christa Wolfs Weggefährten: Christoph Hein, Ulla Unseld-Berkéwicz, Katja Lange-Müller, Friedrich Schorlemmer und Christa Wolfs Ehemann Gerhard. Wieder offenbaren viele, wie Christa Wolf ihr Leben beeinflusst habe. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat schon als 14-Jähriger ihre Bücher gelesen. „Berlin verneigt sich vor dieser großen Berlinerin.“

Literaturnobelpreisträger Günter Grass nutzt diesen Abend noch einmal zu einem finalen Rundumschlag im Literaturstreit um Christa Wolfs Erzählung „Was bleibt“. Schließlich habe sich der Vorwurf mehrerer Journalisten, Christa Wolf hätte die regimekritische Geschichte vor dem Mauerfall veröffentlichen und in den Westen auswandern können, bis in die Nachrufe hinein gehalten. Grass hält wiederum diese Haltung der „Westjournalisten“ – er nennt Ulrich Greiner (ZEIT) und Frank Schirrmacher (FAZ) – seinerseits für feige, da sie aus sicherer Distanz diese Behauptungen aufstellen. Günter Grass wird laut und spricht von „Verleumdung“ und „versuchtem Rufmord“.

Da passt es, dass Christa Wolf selbst den Abend mit ihrer Stimme beendet. Über eine Aufzeichnung einer Lesung aus dem Jahr 2010 in eben diesem Saal der Akademie der Künste. Es ist die letzte Passage ihres letzten Buches „Stadt der Engel“. Darin beschreibt die bis zum Ende atheistische Autorin ein Gespräch mit einem Engel. Es endet mit der Frage: „Wohin sind wir unterwegs?“ Die Antwort des Engels: „Das weiß ich nicht.“