Berliner Wirtschaft

Marzahner Firma produziert jetzt Corona-Masken

Klima- und Lüftungstechnik ist eigentlich das Geschäft von Zühlsdorf. Wegen Corona stellt die kleine Firma nun auch Masken her.

Für ein kleines Unternehmen ist der Aufbau einer Produktion für Atemschutzmasken nicht einfach: Zühlsdorf-Projektleiter Björn Demme und Geschäftsführer Nico Feichtinger in ihrem Firmensitz in Marzahn-Hellersdorf.

Für ein kleines Unternehmen ist der Aufbau einer Produktion für Atemschutzmasken nicht einfach: Zühlsdorf-Projektleiter Björn Demme und Geschäftsführer Nico Feichtinger in ihrem Firmensitz in Marzahn-Hellersdorf.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Berlin. Gute Luft ist seit 35 Jahren das Geschäft der Firma Zühlsdorf aus Marzahn-Hellersdorf. Der kleine Handwerks- und Dienstleistungsbetrieb hat damit gut zu tun. Mit großen Wohnungsunternehmen hat Zühlsdorf Wartungsverträge, kümmert sich unter anderem um die Klima- und Lüftungsanlagen in den Plattenbauten im Bezirk.

Corona hat das Tätigkeitsfeld für das Unternehmen nun auf unerwartete Weise erweitert. Zühlsdorf stellt seit Anfang September in einer Produktionsstätte im Marzahner Firmensitz zertifizierte Mund-Nasen-Bedeckungen her. Etwa 200.000 Stück Schutzmasken des Typs II R werden jede Woche produziert. „Der Start war eine Herausforderung“, gibt Zühlsdorf-Eigentümer Nico Feichtinger zu. Mittlerweile allerdings sieht der Unternehmer seine Firma in dem noch neuen Geschäftsfeld auf einem guten Weg.

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Mutter des Marzahner Unternehmens nähte Masken zunächst selbst

Rückblick: Im März dieses Jahres will der Geschäftsführer für seine 35 Mitarbeiter Atemschutzmasken besorgen. Viele seiner Beschäftigten sind im Außendienst tätig. Ein Filter vor Mund und Nase soll sie schützen. Doch Nico Feichtinger muss schnell einsehen, dass der Markt wie leer gefegt ist. „Meine Mutter hat dann angefangen, Masken zu Hause selbst zu nähen“, erzählt der Zühlsdorf-Chef.

Feichtinger hat deshalb gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Björn Demme die Idee, selbst eine Fertigung für einen Mund-Nasen-Schutz in seinem Unternehmen aufzubauen. Nahezu alle Produkte dieser Art, die in Deutschland angeboten wurden, seien zu dieser Zeit aus Asien gekommen. Feichtinger ist auch der Aufruf der Bundesregierung im Ohr, die sich für eine vermehrte Produktion medizinischer Schutzausrüstung in Deutschland ausgesprochen hatte.

Preise für Rohstoffe waren für den Betrieb ein Problem

Schnell erhalten Feichtinger und Demme ein Angebot. Der Maschinenhersteller PIA aus Amberg kann für das Berliner Unternehmen eine Produktionslinie zur Maskenfertigung herstellen. Qualität aus Deutschland gespickt mit chinesischem Know-how, denn PIA ist Teil eines chinesischen Konsortiums. Allerdings sei die Auswahl auch nicht sonderlich groß gewesen, erzählt Nico Feichtinger. Auch der Berliner Maschinenbauer Jonas & Redmann hatte früh mit der Entwicklung von Produktionsanlagen für die Fertigung von Mund-Nasen-Schutz begonnen. „Da war für uns kein Rankommen“, sagt der Zühlsdorf-Eigentümer.

Etwa zeitgleich kümmert sich der Berliner Betrieb auch darum, etwaige Rohstoffe für die Fertigung der Atemschutzmasken zu bekommen. Einen Hersteller zu finden, der einen qualitativ hochwertigen Filterstoff anbiete, sei anfangs noch schwieriger gewesen, als den Hersteller der Maschine, sagt Björn Demme. „Die Preise für deutsche Ware gingen durch die Decke“, erzählt er.

Zühlsdorf investiert in den Aufbau der Maskenfertigung mehr als eine halbe Million Euro

Zühlsdorf benötigt für die Masken vor allem das sogenannte Meltblown – das ist ein Spezialvlies, das unter anderem auch in Windeln oder Staubsaugerbeuteln zu finden ist. Vor Corona habe der Preis dafür bei 5 Euro je Kilogramm gelegen, mitten in der Pandemie seien es zum Teil bis zu 45 Euro je Kilogramm gewesen, berichtet Demme, der bei Zühlsdorf Projektleiter für die Maskenfertigung ist.

Anfang August liefert PIA die Produktionslinie. Gleichzeitig hat Zühlsdorf mit dem Anlagenbauer auch einen Wartungsvertrag. PIA könne so über das Internet den Status der Maschinen erkennen und bei Fehlern schneller reagieren, sagt Geschäftsführer Feichtinger. Für die Anlage, den Umbau des Raumes und danach noch anstehende Zertifizierungen beziffert der Zühlsdorf-Chef die Kosten auf etwa 600.000 Euro. Das Geschäft soll sich dennoch lohnen. Jetzt gehe es zunächst darum, die Investitionen wieder einzufahren, sagt er.

Unternehmen sucht weiter nach Abnehmern

Zu den derzeitigen Kunden zählen bereits regionale Apotheken, ein E-Commerce-Unternehmen und ein Großhändler für medizinische Produkte. Weitere Abnehmer können etwa auch zentrale Einkäufe der Kliniken oder der Kassenärztlichen Vereinigung sein, aber auch die produzierende Industrie sei als Kunde möglich. „Es geht vor allem darum jemanden zu finden, der auch größere Mengen abnimmt“, sagt Feichtinger. Wie teuer eine Maske sei, hänge von der Stückzahl ab, die der jeweilige Kunde bestelle. Nach Morgenpost-Informationen liege der Preis je nach bestellte Menge zwischen 18 und 35 Cent je Maske. Einen Teil der Masken hat Zühlsdorf zudem an Hilfsorganisationen gespendet.

Natürlich sei es auch möglich die Produktion weiter hochzufahren, sagt Feichtinger. Derzeit würde der Mund-Nasen-Schutz lediglich im Ein-Schicht-Betrieb hergestellt. Ein höherer Durchlauf sei denkbar, wenn die Nachfrage steige.

Maskenproduktion hat deutliche Umsatzsteigerung zur Folge

Zühlsdorf dürfte das neue Geschäftsfeld in diesem Jahr auch an den eigene Umsatzzahlen bemerken. Noch im vergangenen Jahr erzielte die Firma 3,5 Millionen Euro Umsatz. „Wir rechnen mit einer deutlichen Steigerung“, so Feichtinger. Zuversichtlich stimmt den Unternehmer auch, dass das Kerngeschäft des Marzahner Betriebs nach wie vor gefragt ist. Gute Belüftung ist in Zeiten gefährlicher Aerosole wichtiger denn je. Deswegen erhalte Zühlsdorf derzeit auch viele Anfragen für Luftreinigungsanlagen, die das Unternehmen auch selbst plane, erzählt der Chef.

Auch den Klimawandel sieht die Firma als Geschäftstreiber. „Es war in den letzten Sommern hier wahnsinnig heiß und es besteht keine Aussicht auf Besserung“, sagt Nico Feichtinger. Die Nachfrage nach Klimaanlagen sei deshalb gestiegen.