Fotoausstellung

Die Welt von unten: Perspektiven eines Fußfotografen

Sven Kocar ist Fotograf und lichtet seine Motive wegen einer Behinderung mit den Füßen ab. In Marzahn werden seine Bilder ausgestellt.

Verborgene Welten: Auch in Wohnzimmern steckt Schönheit.

Verborgene Welten: Auch in Wohnzimmern steckt Schönheit.

Foto: Sven Kocar

Berlin. Wenn Sven Kocar fotografieren will, geht alles sehr schnell. Mit wenigen Handgriffen nimmt er die Kamera aus der Tasche und bringt sie in Stellung. Nur – seine Hände benutzt er dafür gar nicht. Kocar ist Fußfotograf, das heißt, er bedient die Kamera mit seinen Füßen. Grund dafür sind Spastiken, also Zuckungen der Gliedmaßen, unter denen Kocar seit seiner Geburt leidet. Wobei leiden hoffnungslos übertrieben sei, sagt der 40-Jährige.

Kocar redet langsam, ist mitunter schwer zu verstehen, wenn sein Gesicht unkontrolliert zuckt. Aber: „Das Sprechen ist nicht anstrengend, das sieht nur so aus“, sagt er und grinst. Kocar nimmt seine Behinderung mit Humor. Das erfährt man auch auf seinem Blog „Fußfotografie und mehr“, auf dem er seine Fotos, aber auch Infos zu sich und seiner Behinderung veröffentlicht. Besonders eindrücklich: Unter „Kurioses“ beschreibt er Begegnungen, die er im Alltag mit nicht-behinderten Menschen erlebt hat. „Eine der bittersten Erfahrungen eines behinderten Menschen ist die, dass man ihm wichtige Dinge einfach abnimmt“, schreibt Kocar. „Entscheidungen zum Beispiel werden zum Teil über seinen Kopf hinweg getroffen, weil er ja angeblich zu doof dafür ist, diese für sich selbst zu treffen.“

Mitmenschen urteilen zu vorschnell

Immer wieder käme es vor, dass Menschen von seiner körperlichen Einschränkung auf eine geistige schließen würden. Kocar erzählt von Situationen, in denen er wie ein Kind behandelt oder schlichtweg ignoriert wurde, wenn er Passanten nach der Uhrzeit gefragt hat. Über diese Ignoranz ärgert er sich zwar, versucht sie den Menschen aber nicht vorzuwerfen. „Humor ist eine tolle Sache“, schreibt Kocar auf seinem Blog. „Er erspart einem viele graue Haare und schont die Nerven.“

Kocar will mit seinen Geschichten Denkanstöße geben und Unsicherheiten bei seinen Mitmenschen beseitigen. Momentan arbeitet er daher an einem eigenen Buch, in dem er von seinen mitunter sonderbaren Begegnungen im Alltag erzählt. „Lach-Haft“ wird es heißen und gängige Vorurteile entkräften, so hofft er.

Denn Kocar will auch aufklären, als Vermittler zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen fungieren. Vor drei Jahren hat er daher eine Weiterbildung zum Berater für Inklusion absolviert. „Anschließend habe ich mich gefragt; was macht man jetzt damit?“, erzählt Kocar. Gemeinsam mit anderen Interessierten gründete er daher den Verein „IN-Gesellschaft“, der über Inklusion aufklärt. In Anspruch genommen werden die Dienste des Vereins etwa von Firmen, die ihre Räumlichkeiten barrierefrei gestalten wollen. „Konkret sieht das dann oft so aus, dass wir mit einer durchmischten Truppe vorbeikommen und schauen, welche Hindernisse uns auffallen“, sagt Kocar.

Alltägliches in anderem Licht sehen

Gelernt hat Kocar eigentlich etwas anderes. Nach dem Abitur hat der gebürtige Marzahner eine Ausbildung zum Mediengestalter absolviert. In der Zeit ist auch die Leidenschaft für Fotografie entstanden. Die Kamera, erzählt er, habe er eigentlich benutzt, um Tafelbilder abzufotografieren. Irgendwann habe er dann angefangen, scheinbar Alltägliches abzulichten. „Mein erstes Foto war ein heruntergefallener Salzstreuer“, erinnert sich Kocar. Kurze Zeit später hat er den Fotoapparat auch auf Streifzüge durch die Natur mitgenommen.

„Alltägliches mit anderen Augen sehen“ heißt eine Foto-Rubrik auf Kocars Seite. Und wirklich macht der Fotograf mit seiner Kamera Dinge sichtbar, an denen der Betrachter sonst achtlos vorbeiläuft. Wie anmutig Möbelstücke sich auf blank geputztem Boden in der Abendsonne spiegeln, wie feingliedrig Vogelfedern sind und welche mysteriöse Schönheit in Heizkörpern stecken kann, ist einem selten bewusst. Bei Kocars Fotografien ist der Blickwinkel anders. Seine Füße fotografieren stets auf Bodenhöhe, den Blick nach oben gerichtet. So ergeben sich ganz neue Perspektiven. Unzählige Fotos sind schon von sonnigen Blumenwiesen gemacht worden – aber von unten? Von dort wirken Gänseblümchen wie Wälder, kleinste Lebewesen von der Sonne abschirmend. „Ich habe die Blumen auf Augenhöhe fotografiert“, meint Kocar.

Mit seinen Bildern auf Reisen

Seine Fotos stellt der heute in Friedrichshain lebende Fotograf seit fast zehn Jahren aus, meist in Berlin und im Umland. In Kocars Heimatbezirk ist in der Bibliothek „Ehm Welk“, Alte Hellersdorfer Straße 125, 12629 Berlin, nun eine neue Fotoausstellung von ihm zu sehen. Geöffnet ist dort montags und dienstags von 13 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags von 11 bis 15 Uhr sowie freitags von 10 bis 13 Uhr. Am 7. Oktober findet zudem eine Vernissage im Rahmen des „Literarischen Kaffeeplauschs“ um 15 Uhr statt. Wer daran teilnehmen möchte, wird gebeten, sich telefonisch unter (030) 54 704 142 anzumelden. In Marzahn wird die Ausstellung „Lichtblicke eines Fußfotografen“ bis zum 27. November zu sehen sein.

Ein Highlight in seiner bisherigen Fotografen-Laufbahn war die Ausstellung in der Schweiz. Die Fachhochschule St. Gallen – Hochschule für Angewandte Wissenschaften hatte Kocar 2016 eingeladen, seine Bilder zu zeigen und an einem Podiumsgespräch teilzunehmen. Was er auch getan hat. Überhaupt ist Kocar nämlich ein reisefreudiger Mensch. In verschiedenste Länder ist er schon gereist und hat dort immer wieder seine Grenzen ausgetestet. Es sei ihm wichtig, auch mal selbst steile Treppen zu laufen, um sich und anderen zu zeigen, dass es sich lohnt, immer wieder neue Dinge zu versuchen. Sogar von einem Berg ist Kocar so schon einmal mit dem Fallschirm gesprungen. Das Gefühl und der Blick von dort oben sei einmalig, erzählt er. Perspektivwechsel scheinen Kocar nicht nur in der Fotografie wichtig zu sein.