Schloss Biesdorf

Entlang der B1: Reise durch Berliner Unorte

Die neue Ausstellung hat die Bundesstraße B1 zum Thema. Dem Besucher präsentiert sich eine fußgängerfeindliche Welt aus Beton.

Auch in Zehlendorf verläuft die B1 an Häuserfronten aus Beton vorbei.

Auch in Zehlendorf verläuft die B1 an Häuserfronten aus Beton vorbei.

Foto: Peter Thieme

Berlin. Die B1 durchschneidet Berlin einmal in der Mitte. Wer sich auf ihr bewegt, hat nur ein Ziel: Vorwärtskommen. Die so durchkreuzten, an der Schnellstraße liegenden Orte – es sind eigentlich Unorte, denen man beim Fahren keine Beachtung schenkt. Das tut stattdessen jetzt eine Ausstellung im Schloss Biesdorf: „B1 – eine Straße durch Berlin.“

Einkaufscenter, Parkhäuser und Kreuzungen, auf denen man unerträglich lange in der prallen Sonne auf die Ampel wartet. Auf den Bildern der B1 sind ausschließlich Motive zu sehen, die unerfreulich für Auge und Ohr des Fußgängers sind. Über 40 Kilometer führt die Bundesstraße durch Berlin. Während der Autofahrer im besten Fall an diesen Hässlichkeiten aus Beton vorbeirast, ist der Fußgänger zum ständigen Innehalten gezwungen. Er trifft auf scheinbar unüberquerbare Kreuzungen und ist dabei unentwegtem Motorengeräusch ausgesetzt.

Die B1 fährt auch am Schloss Biesdorf vorbei. Keine 300 Meter entfernt liegt eine der fußgängerfeindlichsten Kreuzungen Berlins. 1,30 Sekunden beträgt dort die längste Wartezeit für Fußgänger, hat die Projektgruppe Reinigungsgesellschaft ermittelt. Die kürzeste Grünphase für Fußgänger dauert neun Sekunden an. Die Brutalität großer Kreuzungen ist in den ausgestellten Bildern perfekt eingefangen: Der Fotograf verweilt mit seiner Kamera an Orten, die nicht zum Innehalten gedacht sind. Beim Betrachter stellt sich daher sofort ein Unwohlsein und Gefühl von Langeweile ein. Durch die geöffneten Fenster im Schloss Biesdorf weht dazu deutlich hörbar der Klangteppich aus Verkehrsgeräuschen hinein.

Ost-West-Dualismus ist umgekehrt

„Kein Ort, nirgends“ ist direkt eingangs der Ausstellung ein Foto von Wolf Jobst Siedler überschrieben. Der Romantitel einer der bekanntesten DDR-Schriftstellerinnen, Christa Wolf, über einem Bild aus Steglitz – hier passt es. Überhaupt ist der Ost-West-Dualismus hier nicht ohne Weiteres anwendbar. Zwar zeigt sich auf Fotos aus Lichtenberg oder Marzahn die Trostlosigkeit alter Plattenbauten, die sich mit sozialistischen Relikten zu einem düsteren Bild zusammenfügt.

Doch die Bilder aus Ost-Berlin erzählen Geschichten und werfen Fragen auf. Warum ist der gespenstisch anmutende Kosmetiksalon Babette verlassen? Wer wohnt hinter den zehn Stockwerke hohen Betonfassaden ohne Balkongrün? An den versiegelten Glasfronten im Westen prallt das Auge des Betrachters hingegen ab. Im Westen will man nur eins: Schnell wieder ins Auto steigen und verschwinden, den Blick starr geradeaus gerichtet. Denn alles, was an der Bundesstraße liegt, hat rapide an Schönheit verloren; seien es Kirchen, Brücken oder Gründerzeithäuser.

Die B1 verbindet geschichtsträchtige und das Stadtbild prägende Orte miteinander. Eigentlich könnte man auf der Bundesstraße eine Reise durch die Vergangenheit unternehmen: Von der Weimarer Republik über die Nazi-Zeit bis zur Teilung und Wiedervereinigung der Stadt zeugen etliche anliegende Bauten. Und so hat die Ausstellung im Schloss Biesdorf auch eine politische Komponente. Denn im Angesicht der Schnellstraßenlandschaft lässt es sich nur die Augen verschließen. Vielleicht ist die B1 einfach selbst zu sehr Unort. Die von ihr durchkreuzten Orte verblassen jedenfalls hinter einer Wand aus Lärm und Verkehr.

Die Ausstellung „B1 – eine Straße durch Berlin“ ist noch bis zum 6. November im Schloss Biesdorf, Alt-Biesdorf 55, zu sehen. Geöffnet ist täglich (außer dienstags) von 10 bis 18 Uhr, freitags von 12 bis 21 Uhr. Zeitgleich ist im Obergeschoss die Ausstellung „City (un)limited – der Traum vom eigenen Haus“ über das Leben am Stadtrand zu sehen.