Graffiti

Marzahner Graffiti-Galerie schützt Geflüchtete vor Lärm

Die Wand entstand als Gemeinschaftsprojekt mit Künstlern und Jugendhäusern. Auch Kinder aus der Gemeinschaftsunterkunft sind beteiligt.

Agentur-Geschäftsführer Jan Schmidt steht vor der fast fertigen 180 Meter langen Grafftiti-Mauer in Marzahn.

Agentur-Geschäftsführer Jan Schmidt steht vor der fast fertigen 180 Meter langen Grafftiti-Mauer in Marzahn.

Foto: Julia Hubernagel

Berlin. Auf über 600 Quadratmetern erstreckt sich in Marzahn nun eine der größten Outdoor-Graffiti-Galerien Berlins direkt an der Märkischen Allee. Dabei ist der Ort nicht zufällig gewählt, denn das Graffiti-Kunstwerk, auch „Schall-Platte“ genannt, ist auf einer Lärmschutzwand aufgetragen.

Über die triste graue Mauer hatten sich Anwohner bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen wiederholt beschwert. Daraufhin sollte die Lärmschutzwand verschönert werden. In Wahrheit sei es aber auch darum gegangen zu verhindern, dass die 180 Meter lange Mauer beschmiert wird, sagt Jan Schmidt, Geschäftsführer der Kreativ-Agentur „0815 Industries“, die mit der Gestaltung der Mauer beauftragt wurde. „0815 Industries“ designt seit Jahren die Kampagnen der bekannten Spirituosenmarke Berliner Luft, ist aber auch oft bei Graffiti-Projekten in der Stadt unterwegs.

„Eine Spezialität von uns sind die Beteiligungsprozesse“, sagt Schmidt. „Uns ist es wichtig, dass die Bürger ihr Wohnumfeld selbst gestalten können.“ Auch bei der „Schall-Platte“ sind Initiativen aus dem Bezirk eingebunden. Fünf Jugendhäuser seien an dem Projekt von Anfang an beteiligt gewesen und haben das Motto der Wand – Musik – festgelegt. Das Kulturhochhaus aus dem Marzahner Norden habe so etwa ein Fotoprojekt begleitend zur Mauergestaltung durchgeführt, der Jugendclub „Klinke“ eine Siebdruckmaschine auf Textilien benutzt, erzählt Schmidt und deutet auf sein T-Shirt. „Schall-Platte“ steht fett darauf gedruckt.

Letzter Abschnitt wird am Wochenende fertig

Gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen aus der Geflüchtetenunterkunft, die hinter der Lärmschutzwand steht, soll nun noch ein Teil der Mauer besprüht werden. Eigentlich sollte die „Schall-Platte“ schon fertig sein, doch Regen hatte den Jugendlichen aus dem Bezirk einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nun startet Schmidt einen neuen Anlauf: Am kommenden Sonnabend soll der letzte 40 Meter lange Abschnitt besprüht werden.

Der Großteil der Mauer ist bereits von internationalen Graffiti-Künstlern gestaltet worden. „Von denen hat jeder seinen eigenen Stil mit eingebracht“, sagt Schmidt und deutet auf eine Frau mit Kopfhörern. „Hier hat zum Beispiel der italienische Künstler Mate seine Schwester fotorealistisch auf die Mauer gebracht.“

Er schreitet die Mauer entlang, bleibt vor einem aufwendigen und detailreichen Abschnitt stehen. „Diese Sprühweise ist typisch für den Künstler RIOT 1394“, meint er. „Streckenweise mit nur ganz wenig Druck zu sprayen, daran erkennt ihn in der Szene jeder.“

Hochwertige Graffitis sollen Vandalismus verhindern

Die Bekanntheit der Graffiti-Künstler soll die Mauer auch vor Vandalismus schützen. In der Graffiti-Szene respektiere man die Kunstwerke anderer Sprayer, sagt Schmidt. „Hätten wir hier einfach ein Heile Welt-Postkartenmotiv angebracht, wäre die Wand in höchstens 14 Tagen beschmiert worden.“ Eine bessere Stelle könne man sich als Graffiti-Künstler ja gar nicht wünschen. Die Mauer ist von der viel befahrenen Kreuzung Märkische Allee und Landsberger Allee gut einsehbar. „Hier kommen doch täglich bestimmt 100.000 Autos vorbei“, mutmaßt Schmidt.

Die „Schall-Platte“ ist das erste Projekt, das „0815 Industries“ mit der Senatsverwaltung durchführt. Normalerweise arbeitet die Agentur eng mit den Bezirksämtern zusammen. In Marzahn-Hellersdorf habe er nur gute Erfahrung gemacht, meint Schmidt. Zwar hat seine Agentur ihren Sitz in Weißensee, der inoffizielle Fokus liegt jedoch auf dem Stadtrandbezirk ganz im Osten. „Das hat den ganz einfachen Grund, dass ich in Marzahn aufgewachsen bin und hier meine ersten Schritte in der Graffiti-Szene gemacht habe“, erzählt Schmidt.

Erste Schritte in der Graffiti-Szene in Marzahn gemacht

Eine kurze Zeit lang habe er sich in der illegalen Szene ausprobiert, habe aber schnell auf legale Weise gesprayt. „Als 16-Jähriger habe ich dann bei Aktionen der Stadt und Land Wohnbauten-Gesellschaft mitgemacht und schnell gemerkt, dass mit Freunden eine große Wand zu gestalten das Coolste ist, was ich an meinen Nachmittagen machen kann.“ Er habe es geschafft, sein Hobby zum Beruf zu machen, sagt Schmidt, der „0815 Industries“ nun schon seit seiner Gründung 2001 gemeinsam mit seinem Bruder und einem alten Schulfreund leitet.

Der Bezirk habe sich in den letzten 20 Jahren stark gewandelt. „Mittlerweile ist Marzahn-Hellersdorf, was Graffitis angeht, wirklich eine Reise wert“, sagt der 42-Jährige. Schmidt dürfte dafür mitverantwortlich sein, immerhin hat seine Agentur zahlreiche Tunnel, Hauswände und Brückenunterführungen verschönert. „Der nächste S-Bahnhof von hier, S Poelchaustraße, ist auch von uns gestaltet“, sagt er stolz. Auch die Tunnel in der S-Bahnstation Raoul-Wallenberg-Straße und in Ahrensfelde haben Künstler auf Initiative von „0815 Industries“ besprüht.

Auch Restaurieren und Überarbeiten gehört dazu

Plattenbau-Siedlungen seien für großflächige Graffiti ideal. Schmidt möchte die Verschönerung seines Heimatbezirks weiter vorantreiben. Als nächstes großes Projekt visiert er jedoch Restaurationsarbeit an. In den vergangenen 20 Jahren hat er neben Tunnel-Murals auch etliche Hochhauszwischenräume gestalten lassen. „Das sind bestimmt 35 Stück“, sagt er. Die gilt es nun, zu restaurieren und zu überarbeiten.

Selbst greift Schmidt übrigens nur noch selten zur Spraydose. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass andere das einfach besser können“, sagt er. „Dafür kann ich gut reden und planen, deswegen bin ich ja jetzt Geschäftsführer.“