Marzahn-Hellersdorf

Sieben Dinge, die Sie über Marzahn-Hellersdorf nicht wussten

Eine Ausstellung im Bezirksmuseum zeigt umfangreich die Besonderheiten des östlichen Bezirks. Vorab eine kleine Auswahl an Besonderheiten.

Von der 20. Etage aus hat man einen weiten Blick auf Marzahn und die Berliner Skyline im Hintergrund.

Von der 20. Etage aus hat man einen weiten Blick auf Marzahn und die Berliner Skyline im Hintergrund.

Foto: Julia Hubernagel

Berlin. Dass Marzahn-Hellersdorf nicht nur aus tristen Plattenbauten und den Gärten der Welt besteht, dürfte auch Berlinern aus dem westlichen Umland klar sein. Doch von der bekanntesten Transsexuellen der DDR, der ersten Frank-Zappa-Straße Deutschlands oder der bewegten Familiengeschichte des Kultgetränk-Fabrikanten „Berliner Luft“ haben die meisten wohl höchstens am Rande gehört. Grund genug für das Bezirksmuseum, eine Ausstellung über die Besonderheiten Marzahn-Hellersdorfs auszurichten: „StadtRandLage. Ein Marzahn-Hellersdorfer ABC.“ Einen spannenden Einblick geben wir Ihnen vorweg: Hier kommen sieben Besonderheiten über Marzahn-Hellersorf, von denen Sie wahrscheinlich noch nie gehört haben.

Nachdem die Familie Schilkin 1921 von dem Zarenregime aus Russland nach Berlin floh, führte Apollon Schilkin hier seine Spirituosenproduktion fort. Zu DDR-Zeiten stieg das russische Familienunternehmen zu einem der namhaftesten Spirituosenhändler des Landes auf. Nach der Wende ging es allerdings steil bergab: 2014 konnte die Insolvenz gerade noch abgewendet werden. Doch ein im Osten allseits bekanntes Getränk entdeckten plötzlich die Studenten für sich. Die „Berliner Luft“ avancierte zum Kultgetränk und Schilkin ist heute zusammen mit Nordbrand der größte Pffefferminzlikör-Hersteller in Deutschland.

Rieselfelder. Noch in den 60er Jahren deutete nichts daraufhin, dass im äußersten Osten Berlins einmal die größte Plattenbau-Siedlung Europas entstehen würde. Hier lagen nämlich riesige Rieselfelder; also Anlagen zur Gewässerreinigung, auf denen teilweise Obst und Gemüse für die Berliner Märkte angebaut wurde. Nach beinahe hundert Jahren Betrieb stießen die Felder jedoch an ihre Grenzen, die Böden waren mit Schadstoffen und Schwermetallen schwer belastet.

Eingemeindete Stadtteile und Orte der Rockmusik

Vergessenes Mahlsdorf. In diesem Jahr wird hundert Jahre Groß-Berlin gefeiert. Auch die Dörfer am östlichen Stadtrand wurden damals eingemeindet. Beinahe wäre Mahlsdorf jedoch nicht Teil von Berlin geworden. Biesdorf, Hellersdorf, Kaulsdorf und Marzahn könnten eingemeindet werden, hieß es, Mahlsdorf liege jedoch zu weit vom Stadtzentrum entfernt: 15 Kilometer betrug die maximal erlaubte Entfernung. Schließlich wurde für Mahlsdorf eine Ausnahme genehmigt. Begründung: Der Ort sei ohnehin nicht mehr landwirtschaftlich geprägt und die meisten Einwohner arbeiteten in Groß-Berlin.

ORWOhaus. Die „lauteste Platte von Berlin“, wie Kulturstadträtin Juliane Witt (Linke) das ORWOhaus in ihrem Grußwort zur Ausstellungseröffnung nennt, beherbergt auf sieben Geschossen Musiker, Bands und Kreative. In dem ehemaligen Farblabor der DDR proben mittlerweile rund 200 Bands, das sind etwa 800 Musiker. Das Haus sollte 2004 durch die Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) geschlossen werden. Kurzerhand gründete sich der ORWOHaus-Verein und kaufte der TLG das Haus ab. Heute ist das ORWOhaus eines der letzten selbstverwalteten Kulturprojekte der Hauptstadt. Und noch eine musikalische Besonderheit liegt gleich nebenan: 2007 wurde die ehemalige Straße 13 in Frank-Zappa-Straße umbenannt. Damals die einzige in Deutschland, 2015 hat Düsseldorf als zweite Stadt ebenfalls eine Straße nach dem US-Musiker benannt.

Nazi-Vergangenheit und transsexuelle Ikonen

Schloss Biesdorf. 1927 kaufte die Stadt Berlin das Schloss Biesdorf samt Gut und Schlosspark der Industriellenfamilie Siemens ab, die das Anwesen vier Jahrzehnte lang als Wohnsitz genutzt hatte. Schon wenige Jahre später erlangte das Anwesen traurige Bekanntheit: In den 30er Jahren ließen die Nationalsozialisten hier Baumblütenfeste und Propagandaveranstaltungen stattfinden. Die von der NSDAP und der Hitlerjugend veranstalteten „Heimatfeste“ zogen tausende Menschen nach Biesdorf. In der DDR als Kulturzentrum genutzt, beherbergt das Schloss heute ein Kunstmuseum. Auf der Parkbühne findet mit „Rock im Grünen“ Berlins größtes Newcomer-Festival statt.

Sinti-Lager. Die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 1936 nahmen die Nationalsozialisten zum Anlass, Berlin und den Rest Deutschlands von unerwünschten Bewohnern zu „säubern“. Fernab der Innenstadt wurde im Juni 1936 in Marzahn ein Zwangslager eingerichtet, in das zunächst rund 600 Sinti und Roma aus Berlin gebracht wurden. In den Folgejahren wurden immer weitere Menschen aus dem Berliner Umland in das Zwangslager verschleppt, sodass dort ständig zwischen 400 und 1000 Menschen interniert waren. Im März 1943 wurden fast alle nach Ausschwitz deportiert, wo die meisten von ihnen ermordet wurden. Heute ist am ehemaligen Standort am Otto-Rosenberg-Platz ein Gedenkort eingerichtet.

Transsexualität in der DDR. Charlotte von Mahlsdorf, geboren als Lothar Berfelde, gründete und leitete jahrelang das Gründerzeitmuseum in Mahlsdorf. Neben ihrer Leidenschaft für Sammlerstücke aus Haushalten integrierte sie auch das gesamte Mobiliar der „Mulackritze“, einer Altberliner Kneipe, die 1964 abgerissen wurde, in das Museum. Hier fand später „Hibaré“, homosexuelles Kabarett, statt. Charlotte von Mahlsdorf war die wohl bekannteste Transperson der DDR und setzte sich jahrzehntelang für die Rechte von Homosexuellen ein. 1928 geboren verbrachte sie einige Zeit in der Psychiatrie und im Jugendgefängnis, nachdem sie als 14-Jährige ihren gewalttätigen Vater mit einem Nudelholz erschlagen hatte.

Die Ausstellung „StadtRandLage: Ein Marzahn-Hellersdorfer ABC“ ist noch bis zum 16. April im Haus 1 des Bezirksmuseums Marzahn-Hellersdorf, Alt-Marzahn 51, zu sehen. Der Eintritt ist kostenlos, geöffnet ist montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr.