Quartiersmanagement

Keine Fördergelder mehr für Marzahn Nord-West

Dieses Jahr endet das Quartiersmanagement in Marzahn Nord-West. Was bleibt von zwei Jahrzehnten Sonderförderung?

Mehr Bewegung für Kinder und Senioren: Das Quartiersmanagement-Team kümmert sich um die Belange der Bewohner.

Mehr Bewegung für Kinder und Senioren: Das Quartiersmanagement-Team kümmert sich um die Belange der Bewohner.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Berlin. Ende dieses Jahres endet das Quartiersmanagement in Marzahn Nord-West. 1999 als eines der ersten Berliner Gebiete in das Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ aufgenommen, ist der Kiez nach über 20 Jahren bald wieder auf sich allein gestellt. Zeit für eine Rückschau und einen Ausblick auf kommende Herausforderungen.

Quartiersmanagement-Teams unterstützen sozial und wirtschaftlich benachteiligte Stadtteile. Ziel ist die Aufwertung öffentlicher Strukturen: Bewohner werden zusammengebracht, soziale Projekte auf die Beine gestellt und die öffentliche Infrastruktur aufgewertet. „’Soziale Stadt’ ist kein Dauerprogramm“, erklärt Anke Hilbrig. „Das Ende des Quartiersmanagement bedeutet nicht, dass es hier keine Probleme mehr gibt.“

Hilbrig ist schon viele Jahre im Quartiersmanagement Marzahn Nord-West tätig und hat im Januar die Büroleitung übernommen. Es gehe darum, längerfristig Strukturen im Gebiet zu schaffen, sagt sie. Gerade am Anfang seien dies vornehmlich bauliche Projekte gewesen, wie das Aufstellen von Bewegungsinseln im Seelgrabenpark oder die Sanierung von Nachbarschaftstreffs.

Leuchtturmprojekte sollen vom Bezirk finanziert werden

„Wir haben es aber auch geschafft, Netzwerke zwischen den Bewohnern zu knüpfen“, meint Hilbrig. So kümmern sich nun Senioren, Kita-Kinder und Schüler gemeinschaftlich um einen Nachbarschafts-Garten, es gibt einen Quartiersrat, der weiterhin tagt, und aus dem Projekt „Gemeinsam statt einsam“ hat sich eine ehrenamtliche Initiative gebildet, die Senioren stärker in das Kiez-Geschehen einbinden möchte.

Überhaupt habe man schon vor zwei Jahren angefangen, wichtige Projekte in die Regelfinanzierung des Bezirks zu überführen. So wird das Kulturhochhaus, indem sich etwa ein „Kinderkeller“, ein Hochhauscafé und die Pension 11. Himmel befinden, künftig vom Jugendamt finanziert. Auch den Leuchtturmprojekten „Bewegtes Leben im Quartier“ für mehr Bewegung bei Kindern und Senioren sowie „AlköR – Alkoholkonsum im öffentlichen Raum“ ist die Weiterfinanzierung sicher.

Tschechow-Theater fehlen künftig Fördergelder

„Natürlich ist eine Folgefinanzierung nicht immer in vollem Umfang möglich“, sagt Anke Hilbrig. So steht etwa das deutsch-russische Tschechow-Theater einer ungewissen Zukunft gegenüber. „Wir haben große finanzielle Sorgen“, berichtet Theaterleiterin Alena Gawron. „Zwar bekommen wir Geld von der Jugendförderung, doch wir bieten ein Programm für alle Altersgruppen an, bis 99 Jahre plus.“ Gastspiele und Kabarett seien im Theater gut etabliert und könnten weiterhin mittels Erlösen aus dem Eintritt finanziert werden. „Bei Lesungen und Konzerten fordern wir aber nur sehr geringe Eintrittsgelder, die nicht ausreichen, um die Künstler zu bezahlen“, sorgt sich Gawron.

Ein schwacher Trost: Viele Mitarbeiter muss das Theater zumindest nicht bezahlen: Gawron ist die einzige Festangestellte, sonst arbeiten im Tschechow-Theater Bundesfreiwilligendienst-Leistende und in Wiedereingliederungsmaßnahmen des Job Centers Beschäftigte.

Bedürftigkeit im Alter weiterhin großes Problem

Bei allem Erfolg der letzten 21 Jahre sei trotzdem einiges nicht ganz gelungen, berichtet Anke Hilbrig. Ein großer Wunsch der Bewohner sei die Schaffung von Arbeitsplätzen und Gewerbe im Kiez gewesen. „Einkaufsflächen und Cafés haben jedoch meistens nicht lange Bestand gehabt“, sagt sie. Die Kaufkraft im äußersten Nordosten sei eben doch eher gering. Doch die Sozialdaten haben sich verbessert im Kiez, meint Hilbrig. Und wirklich ist die Zahl der Menschen, die auf Transferleistungen angewiesen sind, laut dem Sozialbericht Marzahn-Hellersdorf in den letzten Jahren stetig gesunken.

Diese Entwicklung beschränkt sich jedoch nicht nur auf Marzahn Nord-West, im ganzen Bezirk konnten in den letzten Jahren mehr Menschen beschäftigt werden. Gleichzeitig lässt sich auch ein negativer Trend beobachten: Die Zahl der Grundsicherungsempfänger im Rentenalter ist in Marzahn Nord-West stark in die Höhe geschnellt. Um ganze vier Prozentpunkte ist deren Zahl im Westteil des Kiezes in den letzten Jahren gestiegen. Mehr bedürftige Rentner gibt es im Bezirk sonst nur in der Hellen Mitte.

„Die Alterung des Gebiets ist weiterhin ein großes Problem“, bestätigt Hilbrig. Hier leben viele Erstbewohner, die nach Fertigstellung der Marzahner Großsiedlungen in den 80er-Jahren an den Stadtrand zogen. Finanzielle Probleme dieser Art ließen sich mit Mitteln aus der „Sozialen Stadt“ jedoch nicht lösen. „Wir dürfen ja keine Individualförderung leisten, sondern müssen Strukturen aufbauen“, so Hilbrig.

Gebiet in Hellersdorf ab 2021 in Sonderförderung aufgenommen

Hilbrig und ihre Kollegen konzentrieren sich weiterhin darauf, das Erreichte zu sichern. „Verstetigung“ nennt sich dieser Prozess. Die Entscheidung, Marzahn Nord-West aus der Sonderförderung zu entlassen, sei 2017 unter Einbeziehung des Bezirks, des Quartiersmanagement-Teams, dem Quartiersrat sowie dem Träger des Quartiersmanagement „Kiek in“ – Soziale Dienst gGmbH gefallen, sagt Katrin Dietl, Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen. Benötigt Marzahn Nord-West keine Sonderförderung mehr? „Es gibt immer ein Ende“, entgegnet Anke Hilbrig. „Und wir müssen ja auch schauen, welche anderen Gebiete die Mittel nötig haben.“

Ein weiteres Problemgebiet im Bezirk wird nämlich in die Sonderförderung des Quartiersmanagement aufgenommen. Rund um die Alte Hellersdorfer Straße soll künftig verstärkt Familienarbeit geleistet und die Jugendarbeit verbessert werden. Hier besteht das Problem weniger in einer überalterten Nachbarschaft. Im neuen Quartier ist die Kinderarmut sehr hoch: Knapp 50 Prozent der unter 18-Jährigen sind betroffen.