Corona-Krise

Empfehlungen: Bücher, Filme und mehr aus Marzahn-Hellersdorf

In Zeiten der Corona-Krise verbringen wir viel Zeit zu Hause. Hier kommen Empfehlungen, um die Quarantäne-Zeit zu überbrücken.

„Die Friseuse“ (2010).

„Die Friseuse“ (2010).

Foto: Fortissimo World Sales/Courtesy Everett Collection / picture alliance / Everett Colle

Berlin.  Zur Zeit finden sich etliche Berliner unfreiwillig in den eigenen vier Wänden wieder. Um der Langeweile entgegenzuwirken, haben Kulturinstitutionen, Künstler, Musiker und sogar Nachtclubs mittlerweile Streaming-Angebote eingerichtet.

Wer sonst gerne im eigenen Kiez unterwegs ist, kommt momentan allerdings zu kurz. Doch hier können wir Abhilfe schaffen: Die Berliner Morgenpost präsentiert empfehlenswerte Bücher, Filme und mehr. Schauplatz: Marzahn-Hellersdorf.

Filme: Kritische DEFA-Produktionen und ostalgische Handelsvertreter

„Der Zimmerspringbrunnen“ könnte genauso gut in einer anderen Kategorie auftauchen: Der Film von 2001 basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jens Sparschuh. Darin tritt der bislang arbeitslose Hinrich Lobek seine Stelle als Handelsvertreter an. Verkaufen soll er Zimmerspringbrunnen. „Wir alle wollen weg von der Plätscherecke, hin zum Ereignisspringbrunnen“, verkündet sein Arbeitgeber, die Firma Panta Rhein. Im Berliner Osten, in den Marzahner Plattenbauten, reagiert man jedoch skeptisch bis ablehnend auf die Brunnen – bis Lobek ein Modell nach eigenen Vorstellungen fertigt. Aus dem Zimmerspringbrunnen „Atlantis“ spritzt der Fernsehturm Wasser auf die Umrisse der ehemaligen DDR – die „ostalgischen“ Berliner kaufen Lobek den Brunnen reihenweise ab. Eine absurd-komische Geschichte rund um einen Ostdeutschen mit plötzlich gewecktem Geschäftssinn – lustig, mit Bastian Pastewka in der Nebenrolle.

„Der Zimmerspringbrunnen“ (2001) unter der Regie von Peter Timm ist online zwar nicht streambar, DVDs können jedoch bestellt werden.

Authentische Aufnahmen von den Anfängen der Marzahner Hochhaussiedlung sind in „Insel der Schwäne“ zu sehen. Der 1983 von der DEFA produzierte Film thematisiert erstaunlich kritisch die DDR-Wohnungsbaupolitik im Berliner Osten. Der 14-jährige Stefan verlässt sein Heimatdorf, um mit seiner Familie in eine Neubauwohnung nach Marzahn zu ziehen. Stefans Vater ist Bauarbeiter und bewegt sich tagtäglich über die schlammige Großbaustelle der entstehenden Hochhäuser. Den Kindern der Siedlung gefällt der Rohzustand der Baustelle, auf versiegelte Flächen legen sie keinen Wert. Als die Erwachsenen ihr Versprechen brechen, den Kindern Freiraum und Abenteuer-Tunnel zu ermöglichen, begehren die Kinder auf: Mit bunten Plakaten kämpfen sie für Spielwiesen. Die Erwachsenen lassen jedoch nicht mit sich reden. Man könne nicht immer alles haben, mahnt Stefans Vater, sondern müsse sich in Geduld üben. Auf ihre schöne Neubauwohnung hätte die Familie ja auch viele Jahre warten müssen.

„Insel der Schwäne“ (1983) unter der Regie von Herrmann Zschoche ist online, zum Beispiel über Amazon, verfügbar.

Wer sich mehr für Comedy interessiert oder an Cindy aus Marzahn Gefallen findet, dürfte auch „Die Friseuse“ lustig finden. Die Komödie aus dem Jahr 2010 spielt in den Plattenbausiedlungen Marzahns. Eher unfreiwillig sind die Friseuse Kathi König und ihre Tochter nach der Scheidung an den östlichen Stadtrand gezogen. Als Kathi einen Job als Friseuse in einem Salon im Marzahner Einkaufszentrum Eastgate aufgrund ihrer Figur nicht bekommt, macht sie kurzerhand selbst einen Salon auf. Um das Geld für die Geschäftseröffnung zu verdienen, tourt Kathi als mobiles Friseurstudio durch die umliegenden Altersheime. Übrigens: Im Drehbuch vorgesehen war ein Einkaufszentrum mit vielen Leerständen. Da das Marzahner Eastgate mit seinen 150 Geschäften und Restaurants jedoch kaum Leerstände aufwies, wurde die Shoppingmall nur bei Außenaufnahmen gezeigt. Die Innenaufnahmen wurden in den Neukölln Arcaden gedreht. Ein schönes Beispiel dafür, wie wenig das Marzahn-Klischee manchmal mit dem Original gemein hat.

„Die Friseuse“ (2010) unter der Regie von Doris Dörrie ist online, zum Beispiel über Amazon, verfügbar.

Marzahn literarisch erzählen: Elend in Plattenbauten und eine Kindheit in der DDR

Selten schafft es Marzahn-Hellersdorf in die Spiegel-Bestsellerliste. Mit Katja Oskamps Erfolgsroman „Marzahn, mon amour“ war der Stadtteil plötzlich in aller Munde. Sogar im Literarischen Quartett wurde das Buch um die Erlebnisse einer Fußpflegerin in Marzahn besprochen. Oskamp selbst hatte sich nach literarischen Fehlversuchen einen Berufswechsel verschrieben und als Fußpflegerin in einem Studio in Marzahn angefangen. Dabei reicht ihre Faszination mit Berlins östlichstem Bezirk schon länger zurück: Bereits 2010 ließ sie in ihrem Roman „Hellersdorfer Perle“ eine Mutter aus der bürgerlichen Schickeria ausbrechen, um mit der Tramlinie M6 bis zur Endstation „Riesaer Straße“ zu fahren. Dort trifft sie auf einen gänzlich anderen Menschenschlag, als sie es aus ihrem Umfeld im Prenzlauer Berg gewöhnt ist. Einen Hellersdorfer lernt Oskamps Protagonistin schließlich genauer kennen. Mitunter etwas klischeebehaftet erzählt die Autorin vom Leben der Bewohner im Bezirk. Trotzdem sind die Geschichten über mürrische wie herzliche Marzahner auch für Innenstadt-Bewohner mit Gewinn zu lesen.

„Marzahn, mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin“ (2019) ist zu 16 Euro bestellbar. Das Hörbuch ist bei Spotify kostenlos verfügbar.

Vom Leben ganz unten erzählt Christiane Tramitz in ihrem Roman „Die Schwestern von Marzahn“. Fabian und Marie, Nela, Joana und Plattenhorst wohnen in Marzahn-Nord und bestreiten ihr Leben zwischen den Hochhäusern. Tramitz, gebürtige Bayerin, lebt seit zwölf Jahren in Berlin und hat zu Recherchezwecken selbst einige Zeit lang in Europas größter Plattenbausiedlung gewohnt. Dort hat sie die Hoffnungslosigkeit vieler Bewohner hautnah miterlebt. Herausgekommen ist dabei eine Geschichte über Vertrauen, Trauer und Chancen: Die Ehe von Marie und Fabian liegt nach dem Tod des gemeinsamen Sohns am Boden. Als zwei vernachlässigte Schwestern auftauchen, schöpft Fabian plötzlich wieder Hoffnung: Langsam findet er seinen Lebensmut wieder, indem er sich um die beiden Mädchen kümmert. Marie kämpft sich unterdessen mithilfe von zwei Ordensschwestern ins Leben zurück. Christiane Tramitz hat für ihren Roman nicht nur Lob erhalten: Ein Shitstorm habe sich nach Veröffentlichung im letzten Jahr über sie ergossen, erzählt die 61-Jährige. Sie sei eine „Upper Class Westlady“, die über die Marzahner herziehe, hieß es. Dabei will die Autorin mit ihrer Geschichte vor allem alte und tiefe Gräben zwischen Ost und West überwinden. Ob ihr das gelingt, entscheidet der Leser selbst.

„Die Schwestern von Marzahn: Vom Leben ganz unten“ (2019) ist zu 20 Euro erhältlich.

Eine Reise in das Marzahn der Anfangstage unternimmt Stefanie Röfke in „Risse im Asphalt. Eine Kindheit im Sozialismus“. An einem Sommertag im Jahr 2017 kehrt die Autorin an den Ort ihrer Kindheit zurück: Die Plattenbausiedlung in Marzahn. Langsam lässt sie ihre Kindheit und Jugend Revue passieren, wandert zwischen den Hochhäusern umher und wühlt dabei immer weiter in ihren Erinnerungen: Pioniernachmittage, Ferienlager, Krippe und Schultage in einem verschwundenen Staat tauchen vor ihrem geistigen Auge wieder auf. Wer in der DDR aufgewachsen ist und wie Röfke selbst den Mauerfall fassungslos auf dem Combi-Vision-Fernseher mitverfolgt hat, dem wird bei der Lektüre sicherlich ein Stück Alltagsgeschichte des sozialistischen Deutschlands ins Gedächtnis gerufen.

„Risse im Asphalt. Eine Kindheit im Sozialismus“ ist zu 14,95 Euro erhältlich.

Auch interessant: Ein Roman über das Marzahner Jugendamt.

Sonstiges: Straßenkämpfe und Neonazis

Wer sich für die harten Marzahner Nachwendejahre interessiert, kann sich auf einen Rundgang mit Hagen Stoll machen. Stoll ist Frontmann der Deutschrock-Band Haudegen und in Marzahn zwischen Rechtsextremen aufgewachsen. Dem Promi-Tättoowierer Max Cameo erzählt Stoll anhand von Schauplätzen im Kiez seine Lebensgeschichte: Davon, wie er sich mit seinem heutigen Bandkollegen anfreundete, nachdem er ihn gewaltsam aus den Fängen von Rechtsradikalen auf dem Helene-Weigl-Platz befreite, oder eines Tages einen ermordeten Vietnamesen am Straßenrand entdeckte. Politisch nicht immer korrekt erzählt Stoll von seinen Erlebnissen zwischen Zigarettenschmuggel und Straßenkämpfen. Stoll war in seiner Jugend Hooligan und Mitglied einer Graffiti-Crew und stand unter dem Pseudonym Joe Rilla bei dem HipHop-Label Aggro Berlin als Rapper unter Vertrag. Über seine Jugend in Marzahn hat er 2013 mit „So fühlt sich Leben an“ ein Buch geschrieben.

Hagen Stolls Tour durch Marzahn ist kostenfrei auf Youtube anzusehen.