Gesundheit

So soll der Ärztemangel in Marzahn-Hellesdorf behoben werden

Marzahn-Hellersdorf altert schnell - und die Ärzte im Bezirk gleich mit. Was gegen den Mangel an Medizinern getan wird.

Vor allem Haus-, Frauen- und Augenärzte fehlen in Marzahn-Hellersdorf.

Vor allem Haus-, Frauen- und Augenärzte fehlen in Marzahn-Hellersdorf.

Foto: Ole Spata / dpa

Berlin. Arzttermine sind in Marzahn-Hellersdorf mitunter schwer zu bekommen. Vielerorts fehlen Ärzte, trotz Bevölkerungszuwachs stagniert die Zahl an Medizinern. In den nächsten Jahren dürfte sich die Lage weiter verschlechtern: Mehr als ein Drittel der Ärzte im Bezirk sind über 60 Jahre alt und treten in den nächsten Jahren in den Ruhestand ein. Im Bezirk will man nun handeln.

Knapp 400 Prozent beträgt der Versorgungsgrad bei Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendpsychiatern in Charlottenburg. Zum Vergleich: In Marzahn-Hellersdorf ist man mit etwa 73 Prozent stark unterversorgt. Der Ost-Berliner Stadtrand gehört nicht zu den gefragtesten Lagen bei Ärzten. „Wir haben einfach nicht genügend Bewerber auf die Mediziner-Stellen hier“, sagt Mario Czaja, CDU-Abgeordneter und bis 2016 langjähriger Gesundheitssenator.

Engagierte Ärzte finanziell im Nachteil

Die im Bezirk tätigen Ärzte würden bei Mehrarbeit zudem finanziell benachteiligt. Gerade in schlechter versorgten Bezirken sei es keine Seltenheit, dass Ärzte mehr Patienten behandeln. „Bis zu einer bestimmten Zahl an behandelten Patienten erhält ein Arzt eine feste Vergütung pro Fall“, erklärt Czaja. „Behandelt er jedoch mehr Patienten, reduziert sich die Vergütung schrittweise.“ Diese Budgetnachteile müssten behoben werden, fordert der 44-Jährige. In Brandenburg würden Ärzte weiterhin voll vergütet, auch wenn sie 150 Prozent der vorgesehenen Fälle behandelten.

Um den Bezirk attraktiver für zuziehende Mediziner zu machen, muss auch die räumliche Infrastruktur mitspielen. Die CDU-Fraktion wirbt deswegen in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) dafür, medizinische Versorgungszentren beim Wohnungsneubau mitzuplanen. „Heute wollen sich doch die meisten Ärzte nicht mehr alleine niederlassen“, sagt Czaja. „Wir brauchen daher Gewerbeflächen, die genug Fläche für Gemeinschaftspraxen bieten.“

Gemeinschaftspraxen sollen junge Ärzte anlocken

Gerade für Berufseinsteiger will man attraktiver werden. „Die meisten Ärzte absolvieren ihre Praktika im Krankenhaus“, so Czaja weiter. „Wir brauchen bessere Kooperationen zwischen Arztpraxen und Krankenhäusern, damit die angehenden Ärzte sich schon vorab im Bezirk umschauen können.“

Dem Ärztemangel ist nur mit Nachwuchs beizukommen. „Im Gegensatz zur Einwohnerzahl stagniert bei uns die Zahl der Ärzte, in einigen Bezirken geht sie sogar zurück“, sagt auch Burkhard Ruppert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin. „Leider rückt der Nachwuchs nicht schnell genug nach bzw. bevorzugen viele jungen Ärztinnen und Ärzte das Angestelltenverhältnis.“ Diesen Trend könne auch die KV nicht stoppen, meint der Kinderarzt.

Bezirke sollen selbst mitentscheiden

Den Bezirken mehr Spielraum einzuräumen, fordert die Linke im Bezirk. „Die Entwicklung der Zahlen zeigt, dass die Selbstverwaltung von Krankenkassen und KV die Probleme nicht löst und wir ein Mitspracherecht der Bezirke brauchen“, sagt der Linke-Abgeordnete Kristian Ronneburg. Die Bezirke seien die Experten vor Ort und würden die Versorgungssituation und speziellen Bedarfe am besten kennen. Auch Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Die Linke) fordert bei der KV ständig eine bessere ambulante Versorgung ein, sagte sie im November bei einer Veranstaltung der Berliner Morgenpost. Sie verhandle mit Krankenhäusern, damit diese weitere Versorgungszentren entwickeln.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung will nun reagieren. Aktuell denke man darüber nach, wie die ambulante medizinische Versorgung in unterversorgten Bezirken auch durch andere Versorgungsformen gewährleistet werden kann, heißt es. Genauere Auskünfte will die KV aber noch nicht geben.

Mario Czaja prognostiziert: „Die KV überlegt, medizinische Versorgungszentren (MVZ) in strukturschwachen Regionen zu betreiben.“ Solche Zentren sind den in der DDR üblichen Polikliniken sehr ähnlich: Dort arbeiteten beliebig viele Ärzte verschiedener Fachrichtungen im Angestelltenverhältnis.

Besonders am Herzen liegt dem CDU-Politiker ein weiteres Großprojekt: „Außerhalb der Sprechzeiten müssen Eltern mit ihren erkrankten Kindern meistens das nächste Krankenhaus aufsuchen. Eine eigene Kinder-Notfallpraxis wäre eine tolle Alternative.“ In vier Bezirken ist eine solche Praxis bereits vorhanden. In Marzahn-Hellersdorf wird darüber in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) noch diskutiert.

Neue Arztsitze sind ausgeschrieben: Marzahn-Hellersdorf priorisiert

Abhilfe sollen nun auch neue Arztsitze schaffen. Wie die KV gestern verlauten ließ, sind 96,5 neue Arztsitze in Berlin freigegeben – aufgeteilt auf 62,5 für Hausärzte, 21,5 für Gynäkologen, 12 für Augenärzte und einen halben Sitz für Fachärzte für Innere Medizin und Rheumatologie. Diese Sitze gelten allerdings für ganz Berlin. In welchem Bezirk sie ausgeschrieben werden, entscheidet der Senat.

Marzahn-Hellersdorf hat jedoch gute Chancen: Auch bei den ausgeschriebenen Haus-, Augen- und Frauenärzten gehört der Bezirk zu den drei am schlechtesten versorgten Bezirken. Bewerber, die sich hier niederlassen möchten, dürften daher priorisiert werden, heißt es seitens der KV.