Nachbarschaftsstreit

Streit um Sanierung: Bäume treiben Nachbarn auseinander

Die Lemkestraße in Mahlsdorf soll saniert werden. Doch der Streit um Bäume und Pflaster verhindert dies.

Die Anwohner der Lemkestraße fürchten um ihre alten Bäume.

Die Anwohner der Lemkestraße fürchten um ihre alten Bäume.

Foto: MichaEl Katsch

Berlin. Die Lemkestraße in Mahlsdorf ist über 100 Jahre alt, Feldsteinpflaster und alte Linden prägen das Bild. Doch mittlerweile bröckelt das Pflaster, die Wurzeln der Bäume haben die Gehwege hochgehoben und immer wieder leiden die Anwohner unter Rohrbrüchen. Die Lemkestraße muss saniert werden. Die Frage nach dem Wie teilt die Straße jedoch in zwei Lager. So uneinig ist man sich in Mahlsdorf, dass das Abgeordnetenhaus die bereits freigegebenen Gelder zur Sanierung der Straße vor wenigen Wochen kurzerhand sperrte. Erst müssten Bürger und Bezirk zusammenfinden, dann dürften die Arbeiten beginnen.

Hauptproblem sind die Bäume. Die Bürgerinitiative „Lemkestraße Feldsteinpflaster“ kämpft mit allen Mitteln um deren Erhaltung. „Vorgesehen ist, dass alle Bäume gefällt und durch neue ersetzt werden“, sagt ein Sprecher der Initiative. „Das macht doch keinen Sinn. Bis die kleinen Bäume so groß sind wie die bestehenden, vergehen Jahre.“ Doch die Bäume der Lemkestraße sind bereits 80 bis 100 Jahre alt. Die Standzeit von Straßenbäumen beträgt in Berlin durchschnittlich etwa 90 Jahre. Auch das Pflaster will man in seinem ursprünglichen Zustand bewahren. „Unser Ziel ist es, die Straße, so wie sie jetzt ist, auch für unsere Kinder zu erhalten“, so der Sprecher weiter. „Vielleicht könnte man die Straße unter Denkmalschutz stellen.“

BVG droht mit Einstellung der Buslinie

Nur wenige Häuser weiter ist man ganz anderer Meinung. „Jeder Autofahrer, der die Straße kennt, meidet sie wegen des unebenen Pflasters“, sagt Michael Katsch. „Kein Mensch kann auf den Gehwegen laufen, wenn überhaupt welche vorhanden sind, weil die Baumwurzeln die Steine hochgehoben haben.“ Katsch ist ebenfalls Mitglied einer Bürgerinitiative. Deren Mitglieder setzen sich jedoch für die Sanierung der Straße ein. Wasserrohrbrüche, der Ausfall von Straßenbeleuchtung und die fehlende Barrierefreiheit machen einen Neubau der Straße unvermeidbar. Nun bangt man auch noch um den 395er-Bus, der auf der Lemkestraße fährt. Der Grund: Die BVG will die Straße nicht mehr befahren, wenn das Pflaster nicht neu gestaltet wird. „Wir haben hier dauernd Unfälle und die Vibration der Busse auf den Straßen spürt man in den Häusern“, erzählt Katsch.

Doch Katschs Gegner haben mittlerweile einflussreiche Verbündete. Auch der MdA Iris Spranger (SPD) ist es zu verdanken, dass der Umbau vorerst gestoppt ist. „In anderen Straßen hat man es auch geschafft, die alten Bäume zu erhalten“, sagt die Abgeordnete. „Auch für das Pflaster muss es Möglichkeiten geben, es an den Rändern zu erhalten.“ Das Bezirksamt will den Anwohnern in diesem Punkt entgegen kommen. Die Zufahrten zu den Grundstücken sowie die Parktaschen sollen als Reminiszenz an das alte Straßenbild mit Pflaster gestaltet werden, kündigt Nadja Zivkovic, Bezirksstadträtin für Wirtschaft, Straßen und Grünflächen (CDU), an. Die Zahl der Baumstandorte soll sogar auf 120 erhöht werden. Zivkovic hat schriftlich umfangreich auf die Forderungen der Anwohner geantwortet. Damit hofft sie, den Hauptausschuss dazu zu bringen, die eingefrorenen Gelder zur Sanierung wieder freizugeben.

Gerüchte machen die Runde

Um die alten Bäume gehe es den Initiatoren von „Lemkestraße Feldsteinpflaster“ gar nicht, vermutet indes Michael Katsch. „Die befürchten nur, dass nach einer Sanierung mehr Autos durch die Straße fahren“, meint er. „Da ist viel Angstmacherei dabei. Es kursiert auch das Gerücht, dass die Straße im Rahmen der Verkehrslösung Mahlsdorf ausgebaut werden soll.“ Hintergrund: Die Lemkestraße verläuft parallel zur Hönower Straße, auf der als Hauptverkehrsstraße im Bezirk tagtäglich Autos im Stau stehen. Im Gegensatz zu weiteren Parallelstraßen verfügt die Lemkestraße über einen Bahnübergang. Das mache sie für einen Ausbau zur Hauptstraße attraktiv, sagt der Sprecher der „Lemkestraße Feldsteinpflaster“-Initiative.

Nachbarschaftlicher Frieden in Gefahr

„Das ist Quatsch“, meint Katsch. „Die Bahn will doch die Bahnübergänge schließen lassen, damit die Züge schneller fahren können.“ Die Bahnschranke sei ohnehin ständig geschlossen, sodass sich Autofahrer lieber alternative Wege suchten. Es werde viel Lärm um nichts gemacht, beklagt Katsch. „Verschwörungstheorien, wonach der Baumgutachter gekauft wäre, wurden auch schon ins Spiel gebracht.“ Katsch sorgt sich mittlerweile um den Frieden in der Straße. „Eigentlich wollen wir doch alle eine sanierte Straße. Wenn Bäume stehen bleiben können, freuen wir uns natürlich auch“, meinte er. „Aber ich frage mich wirklich, ob wir in der Nachbarschaft nach dem Ganzen noch miteinander leben können.“