Kultur

Marzahner Jugendhaus organisiert musikalischen Austausch

Jugendliche aus drei Nationen gründen eine Big Band. Ihr selbst komponiertes Stück spielen sie heute im Berliner Abgeordnetenhaus vor.

Das Marzahner Jugendhaus hat Besuch: 39 Jugendliche aus Israel, Portugal und Deutschland.

Das Marzahner Jugendhaus hat Besuch: 39 Jugendliche aus Israel, Portugal und Deutschland.

Foto: Stephan Behrndt / Roter Baum Berlin

Das Marzahner Jugendhaus „Anna Landsberger“ hat musikalischen Besuch: 39 Jugendliche aus Israel, Portugal und Deutschland schreiben und arrangieren zusammen ihr eigenes Big Band-Stück – und das in nur einer Woche. Im großen Saal im Prötzeler Ring erreicht die Lautstärke auch für ein Jugendhaus unbekannte Höhen.

Ein Cellist fiedelt wild, Saxofonisten überbieten sich gegenseitig mit hohen Tönen, derweil die Finger eines E-Bass-Spielers dumpf und rhythmisch die Skalen hoch und runter klettern. Dazwischen sind immer wieder hebräische Sprachfetzen und englische Zurufe zu hören.

Zusammengebracht hat die Jugendlichen Martin Kleinfelder. Der 44-Jährige ist Gründer des Jugendvereins Roter Baum e. V. und hat das Jugendprojekt „Music for Human Rights“ auf die Beine gestellt. Seit 2011 konnte er zahlreiche Musikprojekte in verschiedenen Ländern verwirklichen. „Wir kooperieren mit Bosnien, Serbien, Italien, Slowenien, Polen, ...“, zählt Kleinfelder auf. „Allerdings nicht ausschließlich mit Musikern. Wir führen auch Foto-, Tanz- und Geschichtsprojekte durch.“

Holocaust im Stück verarbeitet

Gerade ist nun wieder ein musikalischer Austausch an der Reihe. Diesmal geht es jedoch nicht nur um den Spaß an der Musik, denn das Stück beschäftigt sich mit dem Holocaust. In elf Minuten empfinden die Jugendlichen die ganze Shoa-Erfahrung nach – in englischer, deutscher, portugiesischer und hebräischer Sprache. „Es beginnt traurig mit Erinnerungen und mündet in einen Wutausbruch“, erklärt Kleinfelder. „Schließlich kommt die Aufforderung, wie wir es in Zukunft besser machen können.“

Die Botschaft findet Lily Göttel wichtig. Die 16-Jährige besucht das Sartre-Gymnasium und ist Sängerin im Arrangement. „Wir spielen hier gegen das Vergessen an“, sagt sie. Raissa Bhering nickt. „Auch Portugal hatte eine faschistische Regierung, die Verbrechen begangen hat“, erzählt die portugiesische Sängerin.

Interessiert sind beide vor allem am kulturellen Austausch. „Man hat immer Vorurteile und die bewahrheiten sich nie, wenn man die Menschen vor Ort trifft“, sagt Raissa. „Ich bin sehr interessiert an sozialen Situationen und daran, Barrieren zu durchbrechen.“ Und was halten sie von Berlin-Marzahn bisher? „Nice“, sagt Adam Tsvaygov aus Jerusalem, „very chill.“

Für 50 Euro nach Israel – EU und Bezirksamt fördern das Projekt

Viel Zeit für Sightseeing hatten die Jugendlichen ohnehin nicht. „Wir haben uns natürlich Mitte und die jüdischen Sehenswürdigkeiten angesehen“, sagt Projektleiter Kleinfelder. „Aber vor allem sollten sich die Jugendlichen untereinander kennenlernen.“

Musiker könne man ohnehin nicht einen ganzen Tag lang von ihren Instrumenten trennen. „Da müssen schon auch die Kennenlernspiele etwas mit Musik zu tun haben“, lacht er.

Kleinfelder liegt das Projekt sichtlich am Herzen. Unermüdlich plant und organisiert er alles Wichtige und bietet den Jugendlichen ein offenes Ohr. „Mir gibt das Projekt wirklich Kraft“, erklärt er seinen Einsatz. „Ansonsten sind meine Tage ja eher von Büroarbeit erfüllt.“

Die jungen Portugiesen und Israelis fliegen in wenigen Tagen zwar wieder in ihre Heimatländer zurück. Vorbei ist das multikulturelle Band-Projekt damit jedoch nicht. Im April reisen die Jugendlichen gemeinsam nach Israel und nehmen ihre Big Band wieder auf. „Israel zu sehen ist schon eine tolle Möglichkeit für die Jugendlichen aus der Gegend“, sagt Martin Kleinfelder.

50 Euro Teilnahmegebühr ermöglichen den Musikern die Reise. Gefördert wird das Projekt durch EU-Gelder. „Diesmal hat auch das Bezirksamt Geld dazugegeben, wegen des neuen Jugendförderungsgesetzes“, erzählt er. Seit 2020 steht den Bezirken durch das von Jugendsenatorin Sandra Scheeres im letzten Jahr initiierte Gesetz zur Stärkung der Jugendförderung 25 Millionen Euro mehr zur Verfügung.

Konzert wird online live übertragen

Überhaupt interessiert man sich im Roten Haus für das Projekt aus Marzahn. Zum Jugendforum „denk!mal“, das diese Woche anlässlich des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus’ veranstaltet wird, sind die Jugendlichen als Gastmusiker eingeladen.

Vor dem gesammelten Berliner Abgeordnetenhaus geben sie am 22. Januar, um 18 Uhr ein Konzert. Externen Zuschauern bleibt der Eintritt zwar verwehrt, doch der TV-Sender ALEX Berlin überträgt den Song im Livestream. „Wir spielen zudem am Freitag um 20 Uhr im Eastend Berlin“, eröffnet Kleinfelder.

Wer sich selbst davon überzeugen möchte, wie die Jugendlichen in einer Woche ein elfminütiges Stück auf die Beine gestellt haben, dem bietet sich dazu in der Tangermünder Straße 127 am 24. Januar die einmalige Gelegenheit. Das nächste Live-Konzert wird erst wieder in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem zu hören sein.