Stadtentwicklung

Neue Wohnungen werden auf Stadtgut Hellersdorf gebaut

Auf dem Stadtgut Hellersdorf sollen gut 1000 neue Wohnungen entstehen. Ansässige Gewerbetreibende sorgen sich um ihre Zukunft.

Berlin.  In Hellersdorf baut und plant die Gesobau momentan insgesamt 2785 Wohnungen. Etwa die Hälfte davon entfällt auf das Areal rund um das Stadtgut Hellersdorf. Das Gelände wird seit dem Mittelalter genutzt, ist aber in den letzten Jahrzehnten zunehmend verfallen. Die Gesobau plant, das Areal bis 2022 in ein neues Quartier zu verwandeln, auf dem Wohnungen und Gewerbe sowie Kulturangebote Platz finden. Dazu muss das historische Stadtgut umfassend saniert und nicht-denkmalgeschützte Bauten abgerissen werden. In denen arbeiten seit vielen Jahren aber Gewerbetreibende. Die fürchten nun um ihre Existenz.

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„Wir sind gerade dabei, Gewerbe, die vom Abriss betroffen sind, umzusiedeln“, sagt Daniel Kautz von der Gesobau. Wann konkret die Geschäftsleute mit einem Abriss zu rechnen haben, kann er nicht sagen. Im Frühjahr wolle man wieder auf sie zugehen, wenn baurechtliche Fragen geklärt seien. Geschäftsinhaber und Mitarbeiter stehen somit vor einer ungewissen Zukunft.

Mietpreis wird sich nach einem Neubau stark erhöhen

„Wir fühlen uns allein gelassen“, sagt Mike Dummer. Dummer betreibt seit 27 Jahren eine Selbsthilfewerkstatt auf dem Gelände des Stadtguts. „Viele von uns sind schon in zweiter Generation hier tätig.“ Zwar stünde nach einem Neubau sogar mehr Gewerbefläche zur Verfügung als vorher. Der dem maroden Zustand der Gebäude angemessene Mietpreis werde sich nach einem Neubau jedoch stark erhöhen.

„Damit sich das für uns rechnet, müssten wir nachher 15 bis 20 Euro Gewerbemiete pro Quadratmeter verlangen“, sagt Ingmar Bethke, Kundencentenleiter der Gesobau. „Allerdings sind wir hier in Hellersdorf, sodass wir wahrscheinlich einen Quadratmeterpreis von 7 bis 15 Euro haben werden.“ Für Mike Dummer ist auch dieser Preis zu hoch. Der Mahlsdorfer beteiligt sich mit seiner Werkstatt an sozialen Projekten, arbeitet etwa mit dem Fortbildungsinstitut für pädagogische Praxis (FiPP) zusammen. „Ich habe seit 2002 meine Preise nicht erhöht“, sagt Dummer. „Das müsste ich nach einer Mieterhöhung tun. Ist das dann noch sozial verträglich?“

Grünflächen werden dem Bauvorhaben zum Opfer fallen

Hermann Wollner findet das Vorgehen der Gesobau unverantwortlich. „Es kann nicht sein, dass hier keine Rücksicht auf Gewerbetreibende genommen wird“, sagt der Anwohner. „Wir müssen in Hellersdorf Arbeitsplätze erhalten!“ Und noch etwas stößt dem Agraringenieur auf: Dem Neubau werden wohl einige Grünflächen zum Opfer fallen. Bei so vielen neuen Bewohnern müssten mehr Bäume gepflanzt werden, um für eine ausgeglichene Sauerstoffbilanz zu sorgen, meint Wollner. „Zweieinhalb Menschen leben von einem Baum. Dieses Verhältnis wird hier definitiv nicht eingehalten.“

Die Gesobau räumt ein, dass durch die Baumaßnahmen Grünflächen verloren gingen, will jedoch Ersatzpflanzungen veranlassen und Gründächer auf den neuen Gebäuden anlegen. Überhaupt berücksichtige man die geäußerten Wünsche der Hellersdorfer sehr wohl. „Wir bieten Wohnen für alle an“, verspricht Daniel Kautz. Gut 30 Prozent der rund 1250 Wohnungen würden zu einem Kaltmietpreis von 6,50 Euro pro Quadratmeter vermietet.

Kleinere Wohneinheiten für Studenten der Salomon-Hochschule

Zudem soll etwa an der Zossener Straße 138 ein Gebäudekomplex entstehen, in dem 160 Einheiten für seniorengerechtes Wohnen geplant sind. Westlich der Kastanienallee, an der Grenze des neuen Quartiers, sollen Studierende der benachbarten Alice-Salomon-Hochschule die Möglichkeit bekommen, in 80 kleinere Wohneinheiten einzuziehen.

Rund um das historische Stadtgut entsteht das Zentrum des neuen Quartiers. Anwohner hatten sich gewünscht, den alten Dorfkern wiederzubeleben, Künstler und kleine Handwerksbetriebe mit einzubinden. Auch Veranstaltungen werde es in dem „modernen Dorf“ geben, stellt Daniel Kautz in Aussicht. Daneben sollen Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie und eine Kita für die neuen Bewohner bereit stehen. Die Kleingartenanlage wird vergrößert und bekommt obendrein mit den Prinzessinnengärten, einem Gemeinschaftsgarten-Projekt, neue Nachbarn.

Skateranlage muss aus dem Wohngebiet verschwinden

Schwieriger gestaltet sich die Umsiedlung der Skateranlage. Momentan skaten die Kinder und Jugendlichen im Libertypark, doch das müsse aufhören, wenn die angrenzenden Wohnungen bezogen werden, sagt Sascha Richter, Leiter des Stadtentwicklungsamtes. „Das Skaten ist zu laut, wenn direkt daneben Leute wohnen“, sagt er. Das Stadtentwicklungsamt lege Wert darauf, eine geeignete Ersatzfläche zu finden. „Wir haben Workshops mit den Jugendlichen durchgeführt, um herauszufinden, wie eine gute Skateranlage aussehen muss und wo sie verwirklicht werden könnte.“

Überhaupt soll im neuen Wohngebiet wenig gefahren werden. Am Straßenrand entstehen zwar einige Kurzzeit-Parkplätze, sonst können Autofahrer im Quartier jedoch nur auf gemieteten Parkplätzen in einem der zwei Quartiersgaragen parken. „Wir wollen das ganze Quartier so autofrei wie möglich halten“, sagt Kautz. Ob das klappt? Mike Dummer ist da skeptisch. „Am Stadtrand brauchen die Menschen nun mal ein Auto“, sagt er. Damit sich das ändert, müsse erst einmal der öffentliche Nahverkehr ausgebaut werden.