Erschütterndes Buch

Berlin-Marzahn: So lebt es sich wirklich in der Platte

Für ihr neues Buch „Die Schwestern von Marzahn“ zog die Autorin selbst in den Plattenbau und schildert ihre aufrüttelnden Erfahrungen.

Eintönig: Plattenbauten in Marzahn.

Eintönig: Plattenbauten in Marzahn.

Foto: Matthias Balk / picture alliance / dpa

Würde es Michaela und Angelika nicht geben, wäre Christiane Tramitz wohl nie nach Marzahn gekommen. Sie hätte Fabian und Marie nicht kennengelernt und auch nicht Joana, Nela, Plattenhorst und all die anderen Menschen, die ihr ans Herz gewachsen sind. Es gäbe kein Buch und keine Botschaft, keinen Shitstorm und keine Sehnsucht, zurückzukehren nach Marzahn. Ein Wunsch, der Christiane Tramitz vielleicht selbst überrascht.

Fabian, Marie, Joana, Nela und Plattenhorst sind Romanfiguren, anhand von wahren Geschichten erschaffen von der Autorin Christiane Tramitz. Michaela und Angelika: Sie gibt es wirklich. Die beiden Frauen vom katholischen Orden der Missionsärztlichen Schwestern bieten seit Anfang der 1990er-Jahre Lebensberatung in Marzahn-Nord an, mitten in Europas größter Plattenbausiedlung, dort, wo es Armut, Gewalt, Not und Einsamkeit gibt und wo ihre Hilfe dringend nötig ist.

Die Lebensgeschichte der Nonnen, die sich nach der Wende vom Westen in den Osten aufmachten, zu Menschen, von denen die große Mehrheit weder ihren Glauben noch ihre Erfahrungen teilt oder teilen will, faszinierte die Autorin Christiane Tramitz. So sehr, dass sie für ihr Buch „Die Schwestern von Marzahn“ für einige Zeit selbst in einen Plattenbau zog und vor Ort recherchierte. Um zu sehen, wo die Probleme liegen, um zu verstehen, was die Menschen bewegt und wie die Schwestern helfen.

Eine Geschichte zum Mitfühlen

Dank der Schwestern lernte Christiane Tramitz die Bewohner der Platte und ihre Geschichten näher kennen. „Das Vertrauen, das sie zu den Ordensschwestern aufgebaut hatten, brachten sie auch mir entgegen“, sagt die Autorin. Dennoch brauchte sie mehr als vier Monate, um eine Dramaturgie für die Geschichte zu finden, die sie erzählen wollte. Es sollte kein Sachbuch werden, sondern ein emotionaler Roman, der den Leser mitreißt, ihn mitfühlen und mitleiden lässt. So, wie Tramitz selbst mitgefühlt und mitgelitten hat.

Es ist ihr gelungen. Anhand von zwei Handlungssträngen erzählt die Autorin in „Die Schwestern von Marzahn“ die Geschichte von Marie und Fabian, deren Ehe am Tod des gemeinsamen Sohnes und an der Arbeitslosigkeit zerbricht und nicht zuletzt an der Unfähigkeit, miteinander zu sprechen und Gefühle zu zeigen. Erst das Auftauchen eines weiteren Schwesternpaares, Joana und Nela, lässt Fabian wieder Hoffnung schöpfen und Lebenssinn finden, indem er sich um die beiden vernachlässigten Kinder zu kümmern beginnt. Währenddessen gelingt es Marie mithilfe der Ordensschwestern, ihre Schatten der Vergangenheit abzuwerfen. Zaghaft deutet sich am Ende des Buches eine neue Perspektive für die beiden an.

Trailer zu „Die Schwestern von Marzahn“

Es sind keine Kunstfiguren, die Christiane Tramitz da erschaffen hat. Ihre Charaktere hat sie aus dem entwickelt, was sie über die Lebenswege ihrer Nachbarn auf Zeit erfahren und was sie beobachtet hat. Ihre Tragik ist real. Und viele Situationen, die sie in ihrem Roman schildert, hat Tramitz selbst erlebt. So wie die, in der eine junge Frau erstmals bei der „Tafel“ kostenlose Lebensmittel für ihre Familie besorgt und ihr aus Scham und Schmerz über ihre prekäre Lage pausenlos Tränen über das Gesicht rinnen.

Freiwillig hat sich keiner in der Armut eingerichtet

Es gibt viele bittere Situationen wie diese. Da ist Fabian, der am Monatsende Essiggurkenwasser gegen den Hunger trinkt und seine Centstücke zu Türmen stapelt, um zu schauen, ob er sich ein letztes Bier in der Kneipe mit dem bemerkenswerten Namen „Paradies“ leisten kann.

Da ist Punkerin Chantal, gerade mal 16, aber schon verlebt und ohne Illusionen, die es in keinem Job lange aushält und in einem verdreckten Bauwagen landet. Und da ist Paule, der in Wahlwerbung für die AfD sein Heil sucht, wenn er nicht alkoholisiert um die Häuser zieht oder seine Enkelin verprügelt.

In Tramitz’ Roman zeigt der Bezirk nicht seine schönen, gepflegten, bunten Ecken. Marzahn-Nord, wo die Geschichte spielt, ist das Marzahn der heruntergekommenen Plattenbauten. Es ist ein Ort, wo Arbeitslosigkeit, Armut, Kriminalität und soziale Verwahrlosung um sich gegriffen haben und die Realität eine andere und viel härtere ist, als Ilka Bessin als „Cindy aus Marzahn“ im rosa Jogginganzug glauben machen wollte. Wohlig hat es sich dort, ganz unten, keiner eingerichtet, freiwillig schon gar nicht. Keiner ist stolz darauf, von staatlicher Unterstützung zu leben.

Anfangs kannte auch Christiane Tramitz nur die Klischees über den Bezirk. Zwölf Jahre lang lebte die gebürtige Bayerin in Berlin, noch heute pendelt sie zwischen den Bergen und der Hauptstadt, wo ihr Lebensgefährte und ihre Söhne wohnen. Einen Grund, nach Marzahn zu fahren, hatte sie bis zu ihrem Buchprojekt nie.

Mit dem Blick hinter die Kulissen ist in ihr auch ein Wunsch gewachsen. „Ich will mit meinem Buch die Mittelschicht wachrütteln. Die Menschen, die in ihren schönen Häusern sitzen und denken, da in Marzahn, das sind doch nur nutzlose Kreaturen“, sagt sie. Das sei umso wichtiger, weil die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter auseinandergehe und es nicht nur in Berlin Viertel gebe, wo sich vermehrt das soziale Elend balle.

Auch die Sprache zeigt, wie die Menschen ticken

Tramitz will Verständnis wecken und helfen, gesellschaftliche Gräben zu schließen, auch zwischen Ost und West. Dass es diese Gräben noch gibt, hat sie selbst erfahren, als sich als Reaktion auf ihren im März erschienenen Roman ein Shitstorm über sie ergoss und sie als „Upper Class Westlady“ beschimpft wurde, die nun über die Marzahner herziehe. „Dabei haben die, die mich beschimpfen, mein Buch gar nicht gelesen.“ Auch seien die Ordensschwestern wegen des Buches bedroht worden.

Aber es gibt auch viele positive Reaktionen auf Tramitz’ berührende Schilderungen, die sie sprachlich kunstvoll verstärkt. Fabians negative Gedanken quellen aus ihm hervor wie eine endlose Litanei. Marie spricht, wenn sie spricht, kraftlos und stockend. Die munteren Sätze einer Chantal zerfasern, als sie im Drogenrausch versinkt.

Die 60-Jährige ist nicht nur eine erfahrene Autorin, sie ist auch studierte Verhaltensforscherin. Sie hat gelernt zu hinterfragen, warum und vor allem wie Menschen etwas tun. Das macht ihre Charaktere glaubwürdig. So ist die erste Reaktion ihres verzweifelten Protagonisten Fabian auf das junge, hilfsbedürftige Schwesternpaar Joana und Nela eben nicht freundlich und fürsorglich, sondern mürrisch und ablehnend. Und um einen Ausweg aus einer schier ausweglosen Lage zu finden, braucht es mehr, als dass Fabian einen alten Drachen aus dem Keller holt und mit den Kindern hoch in die Luft steigen lässt. Er verheddert sich, so wie viele zwischenmenschliche Beziehungen in und zwischen den Hochhäusern.

Das Beste aus dem Leben machen

Hoffnung keimt immer dann auf, wenn die Menschen über ihren Schatten springen und ihr Miteinander pflegen. Christiane Tramitz’ liebste Romanfigur ist denn auch Plattenhorst, ein Hobbymaler im Rollstuhl, der die Entwicklung der Siedlung seit 13 Jahren mit dem Pinsel festhält. Der empathische ehemalige Lehrer hat trotz des vielen Elends vor seinen Augen das Träumen nicht verlernt.

„Er ist der Philosoph unter den Plattenbau-Bewohnern“, sagt Tramitz. Er habe Frieden geschlossen mit der Situation und versuche, das Beste aus seinem Leben zu machen. Anderen zu helfen und sich helfen zu lassen, spielt dabei eine große Rolle. „Wenn du das Suchen und Kämpfen aufgibst, versinkst du im Schlamm“, sagt Horst einmal zu Fabian. „Ganz einfach, dann gehst du unter, und niemand hilft dir da raus. Nur die Menschen um dich herum. Aber die musst du erst mal erkennen, anschauen und lieb haben.“

Christiane Tramitz hat die Menschen in Marzahn angeschaut - und sie hat sie lieb gewonnen. Zu gern würde sie mit ihrem Buch in der Hand in die Räume der „Tafel“ zurückkehren, daraus vorlesen und mit ihrem Publikum die Hoffnungen von Plattenhorst teilen. Wobei dieser am Ende nicht mehr der Einzige ist, der hofft, träumt und eine Perspektive für sich entdeckt. In jedem Kapitel überrascht der Roman mit neuen Wendungen, das macht ihn spannend bis zum Schluss.

Das Buch: Christiane Tramitz: Die Schwestern von Marzahn. Vom Leben ganz unten. Ludwig Verlag, 20 Euro.