Musik

Der Pianist aus der Platte, der zum Youtube-Star wurde

Gegen das Klischee: Thomas Krüger aus Marzahn erreicht mit seinen Youtube-Videos Millionen. Über einen, der sein Ding durchzieht.

Thomas Krüger am Flügel in Schloss Biesdorf

Thomas Krüger am Flügel in Schloss Biesdorf

Foto: Privat

Marzahn-Hellersdorf.  Er ist mal wieder auf Reisen, und dann steht es da, unauffällig an einer Wand am Flughafen Paris-Orly. Den Rucksack noch auf dem Rücken, setzt sich Thomas Krüger hin – und haut in die Tasten. Ray Charles und ABBA, dazwischen Mozart, Beethoven und Offenbach. Ein fulminanter Mix aus Stilen und Epochen, vier Minuten Piano-Power. Am Ende applaudiert das gute Dutzend Zuschauer, das gebannt gelauscht hat.

Heute hat der Clip bei Youtube fast 24 Millionen Klicks. Er ist die Geburtsstunde von „Mr. Pianoman“, wie Krüger sich inzwischen nennt. Der 28-Jährige sitzt in einem Restaurant am Helene-Weigel-Platz, bestellt Kakao mit Sahne, Kuchen mit Sahne, und schildert diesen Moment gerne noch mal. Denn seit diesem Tag geht es mit der Karriere des Nachwuchs-Pianisten kontinuierlich bergauf. Sein Youtube-Kanal zählt bereits mehr als 170.000 Abonnenten.

Es ist zunächst keine ungewöhnliche Geschichte. Viele nutzen die Plattform, um bekannt zu werden. Youtube-Künstler ist inzwischen eine gängige Berufsbezeichnung. Und es gibt etliche, die erfolgreicher sind als Krüger. Doch es ist trotzdem eine Geschichte, die sich gut erzählen lässt.

Alle denken, er kommt aus Kreuzberg

Denn Krüger kommt aus Marzahn-Hellersdorf, wuchs in Mahlsdorf auf, ist quasi schon seit ganzes Leben im Bezirk verwurzelt und wohnt heute in einer Plattenbauwohnung an der Allee der Kosmonauten. Hat also einen Background, bei dem alle denken, dass das nicht sein kann. „Wenn ich zum Beispiel in Düsseldorf auftrete, denken die Leute natürlich, dass ich aus Kreuzberg oder Friedrichshain komme“, sagt er. Doch tatsächlich blieb er nicht ohne Grund. „Ich wollte Marzahn-Hellersdorf absichtlich nicht den Rücken kehren, sondern zeigen: Hier kommen auch Leute her, die was können. Die nicht dem Marzahn-Klischee entsprechen.“

Krüger kommt in Dresden zu Welt, vier Wochen später ziehen die Eltern nach Mahlsdorf. Krügers Mutter stammt aus Russland, beim Deutschkurs an der Volkshochschule lernt sie einen Musiker kennen, der gerne eine Musikschule gründen würde. Da trifft es sich gut, dass die Familie im Keller noch Platz hat. Die Musik zieht quasi bei Thomas Krüger ein. „Meine Mutter hat gedacht: Wenn das Haus sowieso schon voller Keyboards steht, könnte ich es doch selbst mal probieren“, sagt er. Sein erstes Stück ist „Hänsel und Gretel“. Da ist er sechs Jahre alt.

In der vierten Klasse wechselt er ans Klavier und wird immer besser, immer versierter. 2009 dann der erste Höhepunkt: Krüger tritt beim Classic Open Air in Hellersdorf auf, 5000 Zuschauer, „TV Berlin“ berichtet. Vier Jahre später folgt der Fernsehauftritt auf der ganz großen Bühne: Bei der Sendung „Das Supertalent“ auf RTL ist die Jury in Person von Modedesigner Guido Maria Kretschmer so begeistert, dass sie ihm sofort den Sprung ins Halbfinale gewährt.

Und dann Paris, am Flughafen. Krügers Mutter ist es unangenehm, dass ihr Sohn das jetzt durchziehen will, aber Krüger drückt ihr das Smartphone in die Hand – und ab geht die Post. „Es darf dir nicht peinlich sein, sondern du musst dir klar machen: Das ist was ziemlich Geiles“, sagt er. Die Sache mit dem „Supertalent“ würde durch seine Erfolge auf Youtube längst überschattet. Neben dem „Flashmob-Medley“ von Paris haben drei weitere Videos mittlerweile die Millionen-Klick-Marke geknackt.

Als Musiker den Lebensunterhalt verdienen

So oft wie möglich, wenn irgendwo ein sogenanntes offenes Klavier aufgestellt wird, an einem Bahnhof oder in einem Einkaufszentrum, versucht Krüger, da zu sein. Hat er keine Begleitung, fragt er einfach einen Passanten, ob der für ihn filmen kann. Oft spielt er Pop-Cover, nicht immer furchtbar originell, dafür technisch einwandfrei und mit Leidenschaft.

Und er kann davon leben.

„Sobald ein Video die Millionengrenzen überschreitet, hat man die Kosten locker wieder raus“, sagt er. Die Einnahmen werden über Werbung vor den Videos generiert, Youtube zahlt monatlich. Zusammen mit den Auftritten, für die er entweder gebucht wird oder die er selbst ausrichtet, hat sich Krüger ein Auskommen geschaffen.

Dafür musste er sich entscheiden. Nach dem Lehramtsstudium auf Musik und Geschichte kommt die Frage: Bühne oder Klassenzimmer? Die Antwort findet er, weil ihn sonst eine andere Frage für den Rest seines Lebens gequält hätte: „Lasse ich etwas auf der Strecke, das ich eigentlich gut kann und allen zeigen könnte?“

Krüger weiß aber auch: Er wird auch „durch die Scheiße gehen“ müssen. Immer wieder hat er zu Beginn finanzielle Engpässe, gerade zu Beginn des Jahres, wenn die Auftragslage schlecht ist. Ende März wird es da bei der Miete schnell knapp.

Jetzt aber geht die Professionalisierung weiter: Eine Agentur in Friedrichshain unterstützt ihn bei Planung und Umsetzung von neuen Videos und Auftritten. In den sozialen Netzwerken will Krüger noch präsenter werden, den Fans mehr von privaten „Pianoman“ zeigen. Bald will er seine ersten eigenen Stücke veröffentlichen. Er wäre der nächste Schritt für den Pianisten aus der Platte.