Schloss Biesdorf

Der unverstellte Blick auf die Welt im Osten

Melancholie und Hoffnung: In der Ausstellung "Fernwärme" nähern sich Fotografen einem Bezirk, von dem sie vorher fast nichts wussten.

Nachwuchs-Fotografin Tamara Eckhardt widmete sich in ihrer Serie jungen Müttern in Marzahn-Hellersdorf

Nachwuchs-Fotografin Tamara Eckhardt widmete sich in ihrer Serie jungen Müttern in Marzahn-Hellersdorf

Marzahn-Hellersdorf. Ihre rechte Hand steckt in der Hosentasche, die linke ist im Hosenbund eingehakt. Herausfordernd blickt sie in die Kamera. Die Freundin an ihre Rechten schaut eher fragend, fast schon misstrauisch, als wisse sie nicht genau, was sie hier eigentlich solle, während das Mädchen auf der anderen Seite ein Hauch jugendlicher Trotz umgibt. Eng zusammen stehen sie am Ufer, sie müssen Freundinnen sein. Dahinter: Wasser, Bäume, Plattenbauten.

Junge Erwachsene in Marzahn-Hellersdorf. Es war dieses Thema, dem Stefan Weger bei seiner Arbeit auf den Grund gehen wollte. Bis zur Wende war der Bezirk nicht nur vom Gründungsdatum, sondern auch von der Altersstruktur seiner Bewohner her der jüngste. Heute altert die Berliner Bevölkerung nirgendwo schneller, viele der Jungen ziehen weg. Und was ist mit denen, die noch da sind?

Etliche von ihnen bekam Weger für seine Fotoserie „Vom Kommen, Gehen und Bleiben“ vor die Linse. Seine Protagonisten kontaktierte er vorher bei Instagram, traf sie an verschiedensten Orten im Bezirk, nahm sich mehrere Stunden Zeit, um sie kennenzulernen. Und stellte fest, dass es zwar viele gab, die es wegzieht. „Aber dann gab es zum Beispiel auch diese junge Frau, die irgendwann nach ihrem Studium zurückkommen wollte, um in das Haus ihrer Oma zu ziehen“, erinnert sich Weger.

Sofern vorhanden, Vorurteile beseitigen

Die Schwarz-Weiß-Bilder des 32-Jährigen sind Teil der neuen Fotoausstellung „Fernwärme“, die kommenden Sonnabend in Schloss Biesdorf eröffnet. Anlässlich des 40-jährigen Bezirksjubiläums schloss der Bezirk eine Kooperation mit der Ostkreuzschule für Fotografie in Pankow. Die Studierenden sollten einen unverstellten Blick auf den Teil der Stadt werfen, von dem sie vorher kaum etwas wussten – und sofern vorhanden, über ihre Werke nicht nur die eigenen Vorurteile abbauen.

Das Resultat sei ein „ehrliches Portrait vom echten Leben im Bezirk“, wie Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) am Mittwoch bei der Vorstellung des Projekts lobte. „Wir wollten keine Image-Ausstellung, sondern den unverstellten Blick.“ Ein halbes Jahr waren die 20 Nachwuchsfotografen im Bezirk unterwegs. „Keiner von uns wohnt in Marzahn-Hellersdorf“, sagt Weger, der in Neukölln lebt. Umso überraschter waren er und viele seiner Kommilitonen dann vor der Offenheit der Bewohner. Auch vom vielen Grün, den Parks. Und dass nicht alles aus Beton bestand.

Jeder der Studenten musste seinen eigenen Weg finden, sich dem Bezirk im fernen Osten anzunähern. Viele wollten Marzahn-Hellersdorf über seine Bewohner erzählen. Julia Fenske wählt den konträren Weg zu Wegers. Sie besucht den „Pestalozzitreff, wo jeden Mittwoch Senioren zusammenkommen. Zu Kaffee und Kuchen, manchmal auch zum Singen. Eine Dame dort ist 102 Jahre alt. Das Ergebnis sind wunderbare Portraitfotos der „Stars“ im Alter, wie Fenske sagt.

Junge Mütter, Berliner Luft, Pumpernickel

Tamara Eckhardt hingegen fotografierte junge Mütter. Um einen Einblick in die "Herausforderungen des Mutterseins und Erwachsenwerdens" zu geben. Vielleicht auch, weil es nirgendwo so viele alleinerziehende Mütter gibt wie in Marzahn-Hellersdorf. Caroline Heinecke rückte derweil Gegenstände, die in Marzahn-Hellersdorf produziert werden, ins Zentrum ihrer Arbeit: Berliner Luft, Sonnenbrillen, Pumpernickel.

Rund 200 Bilder hängen nun im ersten Stock von Schloss Biesdorf. Ostkreuzschule-Dozent Ludwig Rauch nennt die Ausstellung, die bis zum 29. März läuft, eine „Win-Win-Situation“: Der Bezirk profitiere von der künstlerischen Draufsicht; seine Studierenden hätten eine Chance bekommen, ihre Werke frei und ohne die Zwänge eines Auftraggebers zu schaffen und an einem prominenten Ort zu präsentieren.

Manche der Künstler hatten zunächst Schwierigkeiten. Clara Renner etwa, die früher immer in Marzahn bei ihrer Oma schlafen musste, wenn ihre Mutter außerhalb arbeitete. „In diesen tristen Teil meiner Heimatstadt zu fahren, um dort kreativ zu sein, fesselt mich ans Bett“, schreibt die Fotografin im Fotokatalog der Ausstellung. Doch am Ende kann sie sich davon losmachen, findet ihre Motive, und sei es nur in Form verwelkter Blätter, die sich in ästhetischer Symmetrie auf ein paar Treppenstufen ausbreiten. Der Name ihrer Serie: „Gefundenes Glück“.

Vernissage am 16.2. von 18 bis 23.30 Uhr, Ausstellung vom 17.2. bis 29.3. im Schloss Biesdorf, täglich (außer Dienstag) von 10 - 18 Uhr, Freitag 12 - 21 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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