Technik der Zukunft

Wenn der Paketroboter an der Haustür klingelt

Mahlsdorf und Kaulsdorf könnten zum Testfeld für autonomes Fahren und Robotertechnik werden. Städte haben gezeigt, dass das gehen kann.

Der Paketroboter von Starship lässt sich per Smartphone öffnen

Der Paketroboter von Starship lässt sich per Smartphone öffnen

Foto: Starship Technologies

Berlin. Die Bewohner von Mahlsdorf und Kaulsdorf sollten damit rechnen, dass in naher Zukunft futuristisch anmutende Maschinen an ihnen vorbeifahren oder vor ihrer Haustür halten. Sie werden ihnen Pakete liefern und ihre Straßen säubern. Ohne Fahrer, dafür mit Elektroantrieb. Vielleicht werden die High-Tech-Gefährte sogar freundlich grüßen.

Die beiden Ortsteile in Marzahn-Hellersdorf wurden auserkoren, zum Testfeld für Projekte im Bereich des autonomen Fahrens zu werden. Dabei soll zum einen erforscht werden werden, wie die Zustellung von Paketen zeiteffizienter und umweltfreundlicher erfolgen, und wie andererseits die Berliner Stadtreinigung bei ihrer täglichen Arbeit durch neueste Robotertechnik unterstützt werden könnte.

Hintergrund ist eine Studie, die die landeseigene Berliner Agentur für Elektromobilität (Emo) in Auftrag gegeben hat. Thema: „Vernetztes und automatisiertes Fahren im Berliner Wirtschaftsverkehr“. Die Emo wollte wissen, welche Technologien aus diesem Bereich in der Hauptstadt getestet werden könnten. Die Autoren der Studie – die Unternehmungsberatung PricewaterhouseCoopers und das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrt – kamen zu dem Schluss, dass Mahlsdorf und Kaulsdorf dafür am besten geeignet sind.

Lange Anfahrtswege sind schlecht für die Umwelt

Gerade im Bereich Online-Handel. Zusammen mit Biesdorf bilden die beiden Ortsteile die größte zusammenhängende Siedlung von Ein- und Zweifamilienhäusern Europas. Wegen der relativ geringen Bevölkerungsdichte von 2150 Bewohnern pro Quadratkilometer sind die Anfahrtswege für DHL und Co. relativ lang – was die Paketzustellung an die rund 46.500 Einwohner aufwändig und teuer macht und nicht eben umweltfreundlich ist. Auch wegen des geringen Verkehrsaufkommens und der breiten Straßen und Gehwege mit wenigen Hindernisse gilt das Gebiet als geeignet. Zudem werden in der gutbürgerlichen Gegend viele Warten im Internet bestellt.

Die Idee ist, dass fahrerlose Elektro-Shuttles in einem außerhalb gelegenen Depot beladen werden und den Weg ins Zustellungsgebiet selbstständig zurücklegen. Wobei ein Begleiter zur Sicherheit an Bord bleiben muss; Fahren ohne Fahrer im öffentlichen Straßenland ist in Deutschland – wie weltweit auch – noch nicht erlaubt. Vor Ort übernimmt dann der Zusteller die „Feinverteilung“, je nach Lage zu Fuß oder mit dem Lastenrad. Das Lieferfahrzeug folgt ihm dabei dank der sogenannten „follow-me-Funktion“ wie von Geisterhand.

Fahrzeuge, die dafür infrage kommen, werden in Berlin gerade in großem Stil getestet. Auf der Straße des 17. Juni hat etwa die Technische Universität vor mehr als einem Jahr ein Projekt gestartet, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) lassen ihrer fahrerlosen Gefährte unter anderem auf den Campus der Charité rollen. „Bislang gab es keine Unfälle – keine Person oder anderes Fahrzeug wurde von einem unserer Shuttle angefahren“, sagt ein BVG-Sprecher. Die Technik reagiere bei Hindernissen zuverlässig mit einer Reduzierung der Geschwindigkeit oder einem Stopp. Bisher seien sie aber nicht in der Lage, Hindernisse eigenständig zu umfahren, ein Begleiter müsse also weiterhin an Bord bleiben. Ursprünglich wollte die BVG ab diesem Jahr den vollständig autonomen Betrieb starten, diese Pläne wurden verschoben.

Ein Kehrroboter unterstützt die BSR-Mitarbeiter

Doch es gibt es auch andere Möglichkeiten zur fahrerlosen Paketzustellung, die in der Studie ebenfalls genannt werden. Etwa Lieferroboter, wie sie das kalifornische Start-up Starship entwickelte und in Hamburg in Kooperation mit dem Paketdienst Hermes testete. Die getränkekistegroßen Maschinen rollen bis vor die Haustür und lassen sich per Smartphone öffnen. Ihre Lieferung beziehen sie aus einem umliegenden Depot. Die Gefährte gelten nur als halb-autonom. „Sobald sie ein Problem haben, etwa eine ausgefallene Ampel, melden sie dies an einen Operator, der sie dann manuell steuert", sagte ein Starship-Sprecher.

Marzahn-Hellersdorfs Stadträtin für Wirtschaft und Verkehr, Nadja Zivkovic (CDU) ist begeistert: „Mahlsdorf und Kaulsdorf sind prädestiniert dafür. Ich hoffe sehr, dass die Projekte umgesetzt werden“ Das gelte auch für das andere „Leuchtturmprojekt“ der Emo. Hier ist die Idee, dass ein Kehrroboter den Mitarbeitern der Berliner Stadtreinigung (BSR) hinterherfährt und Straßenkanten, Rad- und Gehwege sowie öffentliche Plätze reinigt. Der BSR-Mitarbeiter kann derweil Mülleimer entleeren oder andere Tätigkeiten durchführen, zu denen der Roboter nicht in der Lage ist.

Ausgangspunkt des Konzepts ist ein Recyclinghof, wo der Roboter seinen Müll ablädt, den Wassertank auflädt und über Nacht aufgeladen wird. Auch soll das Gefährt dort gereinigt werden und vor jedem Einsatz die neue Route einprogrammiert werden. Die entsprechende Technik könnte das Berliner Start-up Enway liefern. Ihr „Streetsweeper“ wurde in Darmstadt bereits im öffentlichen Straßenland getestet. Mit Erfolg.

Agentur für Elektromobilität gibt sich pessimistisch

Doch ob Lieferdienst oder Straßenreinigung: Ob und welche dieser Innovationen in Marzahn-Hellersdorf zum Einsatz kommt, ist noch vollkommen unklar. „Das ist ein schwieriges Feld“, sagt Projektmanager Frank Panse von der Emo. Zunächst gelte es, die Gespräche mit dem Bezirk und potenziellen Wirtschaftspartner zu vertiefen. Eine zeitnahe Umsetzung sei aufgrund der noch technisch limitierten Fahrzeuge und der deutschen Rechtslage für autonome Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen nicht zu erwarten. „Das Risiko ist hoch, dass es nichts wird“, so Panse.

Der Abgeordnete Krisitan Ronneburg (Linke) kritisiert das und wünscht sich etwas mehr Elan. Die Projekte in anderen Städten hätten gezeigt, dass Testbetriebe durchaus zu realisieren seien.

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