S-Bahn-Ansagen

Die Stimme dieses Mannes kennt jeder Berliner

Seit fast 30 Jahren spricht Ingo Ruff die Ansagen der Berliner S-Bahn ein. Ein Gespräch über kuriose Situationen im Zug.

Ingo Ruff an seinem "Heimatbahnhof" in Biesdorf.

Ingo Ruff an seinem "Heimatbahnhof" in Biesdorf.

Foto: Lorenz Vossen

Berlin. Sein inoffizieller Titel lautet "die Stimme der Bahn". Seit fast drei Jahrzehnten spricht Ingo Ruff (53) für die Nahverkehrszüge der Deutschen Bahn die Ansagen ein — und ist damit natürlich auch in den Zügen der Berliner S-Bahn zu hören.

Nicht ohne Stolz merkt er an, dass seine Stimme zu den meist gehörten in Deutschland zählt. Wenn der gebürtige Ost-Berliner nicht gerade im Tonstudio einspricht, als Moderator auftritt oder mit seiner Firma auf Messen unterwegs ist, hält er sich in seinem Biesdorfer Heimatkiez auf, wo er seit 2001 lebt.

Berliner Morgenpost: Herr Ruff, jeden Tag hören rund 1,4 Millionen S-Bahn-Fahrgäste in Berlin Ihre Ansagen. Werden Sie gelegentlich an der Stimme erkannt?

Ingo Ruff: Das kommt vor. Es gibt ja viele Bahn-Fans, die sich für so was interessieren. Auf Messeständen etwa kommen manche und fragen: Woher kenne ich denn Ihre Stimme? Dann spreche ich gern eine Ansage und die Leute wissen Bescheid.

Aber kommt das auch im Zug vor?

Das war nur einmal der Fall, mein Sohn hat mich erkannt, als er noch klein war. Die Mitfahrer dachten, was ist denn mit dem los? Meiner Frau war das etwas peinlich, ich war zum Glück nicht dabei (lacht).

Was ist das für ein Gefühl, sich immer selbst in der Bahn zu hören?

Es gab tatsächlich mal eine kuriose Situation. Ich stand zu nah an der Tür und dann kam die Ansage, die Tür freizumachen. Da habe ich mich quasi selbst ermahnt.

Wie sind Sie zu diesem außergewöhnlichen Job gekommen?

Das hat sich irgendwie so entwickelt. Ich bin gelernter Kommunikationstechniker und habe früher im sogenannten Ton- und Informationsstudio der Bahn gearbeitet, als die Sprachdigitalisierung aufkam, Anfang der 90er-Jahre. Und mein damaliger Chef sagte: Ingo, du hast die Stimme, du machst das jetzt. Da gab es kein Casting, wie das heute wahrscheinlich der Fall sein würde.

Ansagen für Sperrungen, neue Fahrpläne, Sie müssten eigentlich immer etwas zu tun haben.

Für die Ansagen-Produktion bekommen wir zwei Termine pro Jahr von der Bahn. Es gibt im Juni den kleinen und im Dezember den großen Fahrplanwechsel. Die Ansagen bekommen wir dann ein bis zwei Monate vorher für die Produktion zugeschickt. Aber das Gros der Ansagen ist gesprochen, 6000 sind es mittlerweile, die in den Nahverkehrszügen der Bahn zu hören sind. Es gibt aber Ausnahmen: In München wollten die Kollegen eine regional eingefärbte Stimme, sprich mit bayrischem Dialekt. Das konnte ich als Berliner nicht liefern.

Was muss man mitbringen, um die „Stimme der Bahn“ zu werden?

Man sollte keine aufdringliche oder nervige Stimme haben, sondern freundlich und dennoch bestimmend klingen. Aber das ist größtenteils naturgegeben. Es gab bei der Bahn den Fall, dass eine polnische Muttersprachlerin für die Verbindungen von und nach Polen eingesetzt wurde. Sie hatte eine sehr harte Stimme und das kam nicht gut an, deshalb musste sie ersetzt werden. Die Stimmen der anderen Sprachen sollen zu meiner passen, das ist die Vorgabe. Wichtig ist auch, dass die Stimme bei den Nebengeräuschen im Zug gut verständlich ist.

6000 Ansagen, sagten Sie. Gibt es einen Bahnhofsnamen, mit dem Sie Probleme hatten?

Bei den 166 Stationen der Berliner S-Bahn nicht. Aber im Bundesgebiet gibt es viele Stationen, bei denen man nicht weiß, wie sie ausgesprochen werden. Liegt die Betonung auf der ersten oder zweiten Silbe? Das ist aber kein Problem, denn wir bekommen aus den Regionen die Namen vorab geschickt, und dann rufen wir die Bahn-Mitarbeiter vor Ort an und fragen nach – diese Gespräche werden auch aufgezeichnet. Beim sächsischen Potschappel war das zum Beispiel nötig. Manchmal sind die Leute in der Region selbst uneins über die richtige Aussprache. Da nehmen wir dann mehrere Varianten auf und sie können sich später für eine entscheiden.

Die Berliner Verkehrsbetriebe hatten mal eine Aktion, als sie auf der U2 Prominente die Ansagen einsprechen ließ. Was halten Sie davon?

Ich finde das erfrischend, das ist mal was anderes. Aber eher als temporäre Aktion, allgemein sollte es eine einheitliche Stimme geben, damit der Fahrgast nicht verunsichert wird.

Haben Sie einen Lieblingsbahnhof in Berlin?

Ich weiß nicht warum, aber mir fallen sofort Ostkreuz, Alexanderplatz oder der Berliner Hauptbahnhof ein. Wohl weil es stark frequentierte Bahnhöfe sind.

Also nicht Biesdorf. Wieso sind sie hierhergezogen?

Wir haben 2001 eine neue Wohnung gesucht, weil unsere in Pankow zu klein war. Und Biesdorf ist eine schöne Ecke, ich liebe es hier.

Was sind Ihre Lieblingsorte in Marzahn-Hellersdorf?

Ich jogge sehr gerne die Wuhle entlang. Ich halte mich aber auch gerne oben in Hellersdorf auf, die Gärten der Welt sind toll, ich habe sogar eine Dauerkarte. Der Bezirk gibt sich auch viel Mühe, attraktive Angebote zu schaffen, die auch Leute aus anderen Bezirken anziehen, etwa das Classic Open Air.

Ist der Bezirk besser als sein Ruf?

Ich würde sagen schon. Marzahn-Hellersdorf hat unterschiedlichste Seiten, unterschiedlichste Charaktere. Das macht einen Stadtbezirk auch wieder interessant.

Würden Sie in der Seilbahn in den Gärten der Welt gerne die Ansagen machen?

(lacht) Ich kann mich gar nicht erinnern, ob es dort Ansagen gibt, ich war zu ehrfürchtig, als ich damit gefahren bin. Aber klar, warum nicht? Mir wäre auf jeden Fall sehr wichtig, dass die Seilbahn erhalten bleibt. ​