Der 13. Bezirk

Marzahn-Hellersdorf, eine Stadt aus dem Nichts

Mit Marzahn-Hellersdorf wurde Ende der 70er-Jahre ein komplett neuer Bezirk errichtet. Was Berlin heute davon lernen kann.

Kennt sich mit Großsiedlungen aus: Ingenieur Ralf Protz auf dem Kienberg in Hellersdorf.

Kennt sich mit Großsiedlungen aus: Ingenieur Ralf Protz auf dem Kienberg in Hellersdorf.

Foto: David Heerde

Berlin. Die erbsengrüne Sofagarnitur sticht sofort ins Auge, gegenüber prangt die obligatorische Schrankwand aus dunklem Holz. Blümchenmuster auf der Tapete, auch Lichtschalter, Türgriffe und sogar die Eierbecher in der Küche sind original. Eine Dreiraumwohnung mit 61 Quadratmetern, 109 Mark Miete. Bauzeit: etwa 18 Stunden. „Willkommen in der DDR“, sagt Ralf Protz und lacht.

Wohnungen wie diese wurden ab Ende der 70er-Jahre zu Tausenden in Marzahn und später auch Hellersdorf gebaut. Innerhalb weniger Jahre wurde ein komplett neuer Bezirk aus dem Boden gestampft. Regelmäßig führt Protz, Bauingenieur und Leiter des Vereins „Kompetenzzentrum Großsiedlungen“, Besucher aus aller Welt durch die Kieze, auch in die DDR-Musterwohnung in dem fünfgeschossigen Plattenbau an der Hellersdorfer Straße.

Die Delegationen wollen von dem Bezirk lernen, in dem innerhalb von 15 Jahren mehr als 100.000 Wohnungen mit der dazugehörigen In­frastruktur entstanden. Und auch für das heutige Berlin stellt sich in Zeiten einer rasant wachsenden Bevölkerung die Frage, ob es nicht einen neuen, einen 13. Bezirk für die Hauptstadt brauchte. Marzahn-Hellersdorf liefert dafür einige Blaupausen, aber auch Beispiele, wie man es besser nicht machen sollte.

DDR: 90.000 Menschen suchten eine Wohnung

Die Ausgangssituation heute wie damals ist ähnlich. Rund 30 Jahre nach Kriegsende waren etwa 90.000 Menschen in Ost-Berlin auf Wohnungssuche. Der neue Staatschef Erich Honecker suchte einen Weg, sich zu profilieren, und fand ihn mit seinem sozialen Wohnungsbauprogramm für die DDR. Anders als in der Gegenwart hatten die Planer einen immensen Vorteil: Um das Dorf Marzahn herum gab es riesige Flächen, die nur aus etwas Landwirtschaft und Rieselfeldern bestanden. Ein Goldschatz, auf den man im heutigen Berlin so gar nicht mehr stoßen würde.

Trotzdem lässt sich aus der Herangehensweise der DDR-Planer etwas abgucken. „Sie haben geschaut, wo es bereits die passende verkehrliche Infrastruktur gibt, und diese gleich mit entwickelt“, sagt Protz. So gab es mit der S-Bahn-Linie 5 im Süden bereits eine Anbindung Richtung Osten. Da, wo die neue Großsiedlung weiter Richtung Norden gebaut wurde, wurde parallel auch eine neue Trasse angelegt – die heutige S7 Richtung Ahrensfelde.

Die Zugverbindung war zudem nötig, um die Masse an Betonteilen für die Plattenbauten anzuliefern. Sich bei der Planung eines 13. Bezirks auf bestehende Schienenwege im Umland zu fokussieren, ist auch etwas, was der ehemalige Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer (CDU) fordert. „Die vorhandene Infrastruktur muss zudem ausgebaut werden, um die steigenden Passagierzahlen stemmen zu können“, so Hassemer.

Grundstücke gehörten - anders als heute - dem Staat

Auch die Planung der sozialen In­frastruktur halten Experten für vorbildlich. Für jedes Bauprojekt gab es eine sogenannte Aufgabenstellung. Es wurde definiert, wie viele Menschen dort einmal wohnen, welchen Bedarf an Kita- und Schulplätzen, Krankenhäusern und Altersheimen dies bedeuten würde. „Das war die ,Bibel‘ für den jeweiligen Standort“, sagt Protz. Die DDR hatte sich vorgenommen, vor allem für Familien mit Kindern zu bauen. Bei Kitas und Schulen wurde ein System installiert, wonach Kita- in Schulplätze und umgekehrt umgewandelt werden konnten – je nach Stärke des Geburtenjahrganges.

Zwar gibt es auch heute in Berlin einen Schlüssel, wonach so und so viele Kita- und Schulplätze pro so und so viele Einwohner geschaffen werden müssen. Doch anders als in Ost-Berlin basiert dieser auf keiner gesetzlichen Grundlage beziehungsweise ist eine Einforderung bei Nichteinhaltung nur schwer durchsetzbar – siehe den rechtlichen Anspruch auf einen Kitaplatz.

Am beeindruckendsten waren aber wohl die Menge an Wohnungen und die Geschwindigkeit, in der sie gebaut wurden. Für einen Fünf- oder Sechsgeschosser dauerte es vom Spatenstich bis zum Einzug durchschnittlich nur 60 Tage. Und die Menschen waren bescheidener. Stehen jedem Berliner heute durchschnittlich 38 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung, waren es damals 27. Doch ließe sich das System Wohnungsbau in Ost-Berlin auf einen 13. Bezirk von heute übertragen? Wohl kaum. So hatten die DDR-Planer schon bei der Inanspruchnahme der Flächten leichtes Spiel: Es gehörte ja sowieso alles dem Staat. Grundstücke mussten nicht in aufwendigen Verfahren per Vorkaufsrecht oder zu hohen Preisen von privaten Eigentümern gekauft werden.

Schnell und modern gebaut: "Platte 2.0"

Und von der Produktion der Platte bis zum Bau – alles wurde von oben kontrolliert. „Das gibt es ja heute nicht mehr, dass sich der Staat in die Produktion eines Ziegelsteins oder Wasserhahns einmischt“, sagt Protz. Klar beschleunigte das den Bau, aber heute selbstverständliche Prozesse wie Bürgerbeteiligungen und Ausschreibungen waren Fremdworte. Auch die Qualität der Bauten ließ zu wünschen übrig, nach der Wende flossen umgerechnet rund vier Milliarden Euro in die energetische Sanierung.

Trotzdem gibt es Tendenzen, sich an der Schnellbauweise von damals zu orientieren. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land etwa, für die Protz arbeitet, hat ein Typenhaus entwickelt, das sich schnell errichten lässt und modernen Anforderungen entspricht. Spitzname: „Platte 2.0“.

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