Gründungsjubiläum

Herzlichen Glückwunsch: Marzahn wird 40 Jahre alt

Vor 40 Jahren wachsen in Ost-Berlin die ersten Plattenbauten aus dem Boden. Ein Rückblick zum Gründungsjubiläum von Marzahn.

Oleg Peters auf einer Skulptur des Bildhauers Rolf Biebl auf dem Helene-Weigel-Platz.

Oleg Peters auf einer Skulptur des Bildhauers Rolf Biebl auf dem Helene-Weigel-Platz.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Marzahn-Hellersdorf. Am 8. Juli 1977 hebt Brigadier Peter Zeise die Hand und gibt dem Kranführer das Zeichen für das Hochziehen der ersten Platte. Zeise steht an der Marchwitzastraße 41–45, wo an diesem Tag der Startschuss für ein Projekt bislang ungekannten Ausmaßes fällt: der Bau der Neubausiedlung Marzahn. In den folgenden nur 15 Jahren entstehen mehr als 100.000 Wohnungen. Die größte zusammenhängende Plattenbausiedlung Europas.

Oleg Peters ziert sich etwas, diesen Begriff zu verwenden, dabei müssten Superlative für ihn derzeit an der Tagesordnung sein. Peters ist für das Standortmarketing von Marzahn-Hellersdorf zuständig, deshalb wird er dieses Jahr vor allem damit beschäftigt sein, das 40-jährige Jubiläum von Marzahn zu organisieren. Das wird in großem Stil gefeiert und soll den mitunter argwöhnisch betrachteten Bezirk von seiner besten Seite präsentieren (siehe Infokasten).

Es beginnt eineinhalb Jahre nach jenem bewölkten Freitag, an dem der Brigadier Zeise den Bau eines zehngeschossigen Wohnhauses dirigiert. Am 5. Januar 1979, am heutigen Sonnabend vor 40 Jahren, wird in Folge des Baus der neuen Großsiedlung der Stadtbezirk Marzahn gegründet, zusammengeschlossen mit den Ortsteilen Biesdorf, Hellersdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf. Zwischenzeitlich geteilt und erst 2001 zum heutigen Marzahn-Hellersdorf wiedervereint, stehen die auf ehemaligen Rieselfeldern und landwirtschaftlichen Flächen gebauten Wohnhäuser bis heute als betongewordenes Symbol für den Ost-Bezirk.

Tausende wohnten unter schlimmen Bedingungen

„Alles hat damit zu tun, dass Berlin nach dem Krieg komplett zerstört war“, sagt Peters. Mit Ende der 60er-Jahre wird der Wohnungsmangel im sozialistischen Ost-Berlin unübersehbar. Hunderttausende Menschen leben beengt und teilweise unter schlimmen hygienischen Bedingungen. Rund 90.000 sind auf Wohnungssuche – die Wohnungsnot im heutigen Berlin wirkt dagegen eher harmlos. Auf ihrem VIII. Parteitag 1971 beschließt die SED unter dem frisch installierten Staatschef Erich Honecker die „Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990“ zu lösen. Jeder Bürger im Arbeiter- und Bauernstaat soll nicht nur eine, sondern seine Wohnung haben.

Und ein Mann soll herausfinden, wie: Günter Peters – der Vater von Oleg Peters. 1966 hatte der Ingenieur den Posten des Stadtbaudirektors von Ost-Berlin angetreten und sich mit dem Aufbau zerstörter Gebäude einen Namen gemacht, etwa beim Kronprinzenpalais oder der Königlichen Bibliothek. Doch schnell wird er zum Verfechter der Plattenbauweise mit vorgefertigten Betonteilen.

Schließlich sollen in Ost-Berlin so schnell wie möglich 35.000 Wohnungen und Hunderte gesellschaftliche Einrichtungen entstehen. In seiner Doktorarbeit stellt Günter Peters fest, dass dieses Ziel mit der Sanierung von Altbauten nicht erreicht werden kann. „Das Plattenbauprojekt war die größte Herausforderung seines Lebens“, sagt Oleg Peters über seinen Vater, der als Marinehelfer im Krieg Zeuge der Zerstörung Hamburgs war. Ein Erlebnis, das ihn prägte.

Massenwohnungsbau gab es bereits seit den 20er-Jahren

Bei den Planungen orientieren sich Günter Peters und seine Kollegen am Massenwohnungsbau, den es mit der Hufeisensiedlung (Britz), der Onkel-Tom-Siedlung (Zehlendorf), der Siemensstadt (Spandau) und der Weißen Stadt (Reinickendorf) in Berlin seit den 20er-Jahren gab. Die Wahl fällt schließlich auf die Gegend rund um das ehemalige Angerdorf Marzahn. Dort hat sich bereits Industrie angesiedelt – und damit die dazugehörige Infrastruktur: Es gibt ein Heizkraftwerk, eine Müllverbrennungsanlage, eine Kläranlage und mit dem Bahnhof Springpfuhl einen S-Bahn-Anschluss.

Gebaut wird von der Südspitze an der Marchwitzastraße bis nach Ahrensfelde beziehungsweise Marzahn-West. Und das rund um die Uhr, mit sogenannten Komplexbrigaden. Erst erfolgt der Tiefbau, dann die Montage, am Ende kommen die Innenausbauer wie Tischler, Maler und Elektriker. Mehr als 8000 Arbeiter sind zum Teil auf den Baustellen unterwegs. Das Tempo ist atemberaubend: Für einen Fünf- oder Sechsgeschosser beträgt die durchschnittliche Bauzeit 61 Tage, bei zehn oder elf Stockwerken 100, bei den noch höheren Bauwerken rund 200 Tage.

Die industrielle Hochgeschwindigkeitsbauweise reduziert notwendigerweise die architektonischen Qualität. Die Fassaden sehen alle gleich aus, eine abwechslungsreiche Gestaltung ist die Ausnahme. Und so hat die Plattenbausiedlung bei ihren künftigen Bewohnern schnell ein paar Spitznamen weg: „Arbeiterschließfächer“, „Schnarchsilos“, „Plattenhausen“. Doch erst mal eingezogen, freuen sich die meisten über ihre neuen vier Wände mit Innentoilette und Fernwärme. Dagmar Pohle (Linke), Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf, zieht in dieser Zeit in einen Plattenbau an der Allee der Kosmonauten, wo sie bis heute wohnt. Wenn auch in einer anderen, geräumigeren Wohnung.

In den Bauten sollte Arbeiter neben Professor wohnen

Günter Peters ist der gefeierte Mann, nur beim Namen der neuen Siedlung gibt es Ärger. Auf den Bauplänen steht „Biesdorf-Nord“, da an der dortigen Grenze die Arbeiten begannen. Den SED-Oberen ist das zu wenig Prestige für ihr Vorzeigeprojekt, dieses darf doch nicht „Dorf“ heißen. So fällt die Wahl bei der Gründung des neuen Stadtbezirks auf Marzahn, wobei dieser Name eigentlich auch nicht allzu schmeichelhaft ist: Er leitet sich vom slawischen „marcana“ ab, was so viel bedeutet wie „Siedlung bei einem Sumpfgebiet“, da die Wuhle hier immer wieder Überschwemmungen verursachte, wodurch Sümpfe entstanden.

Die ersten 35.000 Wohnungen sind schon nach wenigen Jahren fertig, auf Marzahner Gebiet folgen 25.000 weitere, dazu 40.000 in Hellersdorf. Dort wird anders geplant, die Gebäude sind niedriger und bekommen ein individuelleres Aussehen. Mit der Wiedervereinigung ist die gesamte Großsiedlung fertig, parallel starten Modernisierung und Umgestaltung. Umgerechnet rund vier Milliarden Euro fließen in den Bau von Fahrstühlen, die Neugestaltung der Fassaden und energetische Sanierung.

Trotz dieser Verbesserungen ziehen die Bewohner Mitte der 90er-Jahre vermehrt in repräsentativere Altbauwohnungen oder Eigenheime, der Leerstand steigt auf bis zu 20 Prozent. „Die Mischung in den Plattenbauten, von denen es einst hieß, dass dort Arbeiter neben Professor wohnt, änderte sich“, sagt Oleg Peters. Im August 2001 beschließt die Bundesregierung das Förderprogramm „Stadtumbau Ost“, in dessen Folge Gebäude abgerissen werden, rund 4500 Wohnungen fallen der Maßnahme zum Opfer. Unter anderem auch ein Doppelhochhaus an der Marchwitzastraße, wo alles begann.

Der Festorganisator zieht zurück in die Großsiedlung

Doch mit dem Wachstum Berlins steigen seit 2010 auch die Bevölkerungszahlen in Marzahn-Hellersdorf wieder. Der Wohnraum, zuvor noch zum Abriss freigegeben, ist wieder sehr begehrt. Insgesamt 39 Neubauprojekte listen die städtischen Wohnungsbaugesellschaften auf, besonders in Biesdorf wird momentan emsig gebaut. Und in Zeiten explodierender Mieten werden auch die Wohnungen in den Plattenbauten wieder begehrter, gerade bei älteren Menschen – der Fahrstühle wegen.

Günter Peters ist bei all dem schon lange nicht mehr im Amt. Nach 14 Jahren als Stadtbaudirektor, mit Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden am Tag und unter dem permanenten Druck des Regimes, geht er 1980 aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand und widmet sich fortan der Bauhistorie Berlins. Seine Verdienste um den Bezirk sind nicht vergessen. Fünf Jahre nach seinem Tod wurde vergangenen Sommer seine Büste in Schloss Biesdorf enthüllt.

Oleg Peters arbeitet mit seinen Brüdern in jungen Jahren in der Freizeit immer wieder auf den Baustellen, die sein Vater betreut. Und immer wieder kommt es später zu Debatten. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass er gar nicht anders konnte, als die DDR zu verteidigen. Er hätte sonst sein gesamtes Tun infrage gestellt“, sagt Peters, der sich als Historiker selbst intensiv mit der Geschichte seines Bezirks beschäftigt. Vor ein paar Jahren ist er aus seinem Haus in Biesdorf nach Marzahn gezogen. In eine Plattenbauwohnung, die sein Vater einst bauen ließ.

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