Musterhaus

High-Tech-Haus für Senioren in Biesdorf

Ein Musterhaus in Biesdorf zeigt, mit welchen technischen Möglichkeiten Senioren ihre vier Wände ausstatten können.

Der Altersdurchschnitt von Marzahn-Hellersdorf steigt im Vergleich zu anderen Bezirken besonders stark. Das hat auch mit den Großsiedlungen zu tun.

Der Altersdurchschnitt von Marzahn-Hellersdorf steigt im Vergleich zu anderen Bezirken besonders stark. Das hat auch mit den Großsiedlungen zu tun.

Foto: dpa Picture-Alliance / Paul Zinken / picture alliance / dpa

Biesdorf. Beim Öffnen der Tür schrillt auf einmal ein Alarmton. Das war so nicht beabsichtigt. „Es funktioniert noch nicht alles einwandfrei“, sagt Ute Brach und lacht. Aber so ist das nun mal bei Pionierprojekten.

Der Arbeitsplatz von Ute Brach ist in Deutschland einzigartig. Das Haus liegt etwas versteckt in einer unscheinbaren Seitenstraße im Marzahn-Hellersdorfer Ortsteil Biesdorf. Drei Stockwerke, weiß gestrichen, auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich in diesem Teil des Bezirks, wo sich ein Einfamilienhäuschen neben das andere reiht. Nur dass hier keine Familie wohnt – es ist überhaupt nicht bewohnt.

Sondern das neue Beratungszentrum „Grundstück und Pflege“ des Verbands Deutscher Grundstücksnutzer (VDGN). Die Organisation will in dem Gebäude anhand praktischer Beispiele zeigen, was in Zukunft mehr und mehr Menschen beschäftigen wird: Wie kann ich im Alter sicherer und selbstständiger wohnen? Und nicht in einem Pflegeheim?

Kochfelder in einer Reihe helfen Rollstuhlfahrern

Ute Brach, die als Diplom-Pflegepräsidentin und VDGN-Vizepräsidentin Hauptverantwortliche in dem Musterhaus, führt in einen Raum im Untergeschoss, der mit einer Küche ausgestattet wurde. Sofort fällt das Cerankochfeld auf. Die Platten sind nicht wie üblich in einem Quadrat angeordnet, sondern in einer Reihe nebeneinander. Das soll Menschen helfen, die im Rollstuhl sitzen.

„Wenn die Kochfelder zu weit entfernt sind, besteht die Gefahr, dass sie sich verbrennen“, erklärt Brach. Auch der Ofen ist speziell: Die Halterung für das Blech ist in der Tür eingehängt, damit Rollstuhlfahrer von der Seite an das Gerät heranfahren und das Blech belegen können. „Das sind Kleinigkeiten, die eine Menge ausmachen können.“

Das gilt auch für die Hängeschränke. Sie lassen sich per Knopfdruck herunterfahren. „Davon profitieren auch Menschen, die unter Arthrose leiden und ihre Arme nicht mehr komplett nach oben strecken können“, sagt Brach und holt einen Löffel aus der Schublade, um dessen Rand eine Art Gummizug gestülpt wurde – eine Hilfe für Parkinsonkranke, damit Flüssigkeiten auf dem Löffel nicht verschüttet werden.

Der Bezirk altert, die Pflegekapazitäten sind beschränkt

Das Thema Alter gewinnt in Marzahn-Hellersdorf zunehmend an Bedeutung. In keinem Bezirk altert die Bevölkerung so schnell. In einer Umfrage unter Bewohnern ab 50 Jahren gaben 49 Prozent der Befragten vor drei Jahren an, mit ihren Wohnbedingungen zufrieden zu sein. 2010 waren es noch 54 Prozent gewesen. Und weil die Pflegekapazitäten jetzt schon begrenzt sind, nimmt das selbstständige Wohnen im Alter eine wachsende Bedeutung ein. Wohnungsbauunternehmen achten zunehmend darauf, bei Neubauprojekten einen Teil der Wohnungen seniorengerecht zu gestalten.

Die Wohnungsbaugesellschaft Gesobau etwa baut an der Tangermünder Straße in Hellersdorf aktuell 423 Einheiten, von denen mehr als ein Drittel barrierefrei sind. Ebenfalls geplant sind zwei Hobbyräume und ein Raum für eine mobile Betreuungs- oder Pflegestation für einen externen Dienstleister.

Beim VDGN gründeten sie vor zwei Jahren den neuen Bereich „Leben, Wohnen und Pflege im Alter“. Das Musterhaus in Biesdorf, das rund 800.000 Euro kostete – wovon der Bezirk 150.000 Euro beisteuerte – wurde im Juni nach nur zehn Monaten Bauzeit eröffnet. Seither steigt die Zahl der Interessenten, die eine Führung oder ein Beratungsgespräch vor Ort haben wollen. „Es sind entweder Verwandte, die sich über die technischen Möglichkeiten für ihre Angehörigen erkundigen, oder Senioren, die sich auf die Zeit im höheren Alter vorbereiten wollen“, sagt Brach.

"Das Haus kann nie ganz fertig sein"

Beratungsgespräche sind auch ohne Mitgliedschaft gegen Spende möglich, für intensivere Leistungen ist allerdings der Eintritt in den Verein erforderlich, etwa wenn es darum geht, zum Thema staatliche Hilfe bei der Finanzierung für Technik oder Umbau der Wohnung beraten zu werden.

Die Möglichkeiten sind immens. „In diesem Sektor entwickelt sich so viel, dass das Haus nie ganz fertig sein kann“, sagt Brach. So gibt es diverse Badewannen, Mobiliar wie den „Aufstehstuhl“, der seinen Nutzer sanft aus dem Sitz gleiten lässt, Treppenlifte, Blindenleitsysteme und spezielle Toiletten. Viel Mobiliar ist mit roter Farbe markiert, es gibt auch eine rot blinkende Lichterkette an der Wand. „Das ist eine Hilfe für Demenzkranke“, sagt Ute Brach. „Rot wird am längsten im Gehirn wahrgenommen.“

Und natürlich auch richtig anspruchsvolle Technik. Ute Brach erklärt, was es mit dem ungewollten Alarmton zu Beginn auf sich hatte. Auf einem Regal in der Küche befindet sich ein Tablet, über das ein Bewegungsmelder gesteuert werden kann, der sich an beliebigen Orten im Haus platzieren lässt. Er kann so programmiert werden, dass er sogar alarmiert, wenn eben keine Bewegung ausgelöst wird. Geht ein Patient etwa für gewöhnlich mindestens alle zwei Stunden auf die Toilette, sendet das Gerät ein Signal an die Verwandten oder den Pfleger, wenn er dies nicht tut.

Mehr Informationen finden Sie unter vdgn.de. Anmeldungen für Beratungstermine oder Führungen unter 030/514 88 80.

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