Jugendhilfe

"Deshalb müssen wir an die Eltern ran"

Die Situation vieler Familien mit Kindern in Marzahn-Hellersdorf ist prekär. Stadtrat Gordon Lemm (SPD) über seine neue Strategie.

Jugendstadtrat Gordon Lemm will Eltern in der Jugendhilfe stärker involvieren

Jugendstadtrat Gordon Lemm will Eltern in der Jugendhilfe stärker involvieren

Berliner Morgenpost: Herr Lemm, Marzahn-Hellersdorf gibt immer mehr Geld für Jugendhilfe aus, die sogenannten Hilfen zur Erziehung sind seit 2010 um 85 Prozent gestiegen. Woran liegt das?

Gordon Lemm: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Die Zahlen sind ein Beleg, dass viele unserer Familien Probleme haben. Als Jugendamt müssen wir tätig werden, wenn wir Meldungen bekommen, dass das Kindeswohl gefährdet ist. Wenn Kinder unkonzentriert wirken, ohne Essen oder im Winter mit Sandalen zur Schule kommen. Insgesamt sind es rund 4000 Familien, bei denen wir aktuell tätig sind. Diese Zahl nimmt stetig zu. Bei den Einschulungsuntersuchungen stellen wir zudem fest, dass rund 60 Prozent der Kinder nicht über die Eigenschaften verfügen, die sie verfügen sollten.

Um welche Defizite handelt es sich dabei?

Bei der Einschulungsuntersuchung werden vier Bereiche untersucht. Die Sprachfähigkeit, Feinmotorik, Grobmotorik und die emotional-soziale Entwicklung des Kindes. Daraus werden entsprechende Förderempfehlungen erstellt.

Ist die Situation in Ihrem Bezirk prekärer als woanders?

Ja, wir sind trauriger Spitzenreiter. Wir haben im letzten Jahr 81 Millionen Euro für Hilfen zur Erziehung ausgegeben, danach kommt Lichtenberg mit nur rund 60 Millionen Euro. Das Problem ist, dass wir dafür immer mehr Geld ausgeben mussten als wir vom Land bekommen haben und deshalb als einziger Bezirk verschuldet sind. Das geht nun seit acht Jahren so.Unser Bezirk weist im Berliner Vergleich bei vielen Sozialstrukturindikatoren eine hohe Belastung auf. Über 22 Prozent der Einwohner verfügen nur über einen Hauptschulabschluss, rechnet man die Einwohner ohne Bildungsabschluss ein, so liegt der Anteil sogar bei 37 Prozent der Einwohner. Ganze 41 Prozent der unter Sechsjährigen wachsen in von Sozialhilfe abhängigen Haushalten auf. Auch der Anteil der Minderjährigen, die bei Alleinerziehenden aufwachsen ist mit 41 Prozent der Spitzenwert aller Bezirke. Die dauerhafte schlechte soziale Situation hat nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf die Erziehungsfähigkeit und damit auf die Kinder und Jugendlicher des Bezirks.

Ihre neue Strategie heißt „Eltern aktivieren“, so lautet zumindest der Titel des „Optimierungspakets 2“, kurz „Opti2“, das aktuell anläuft.

Im „Optimierungspaket 1“ ging es darum, wie man das System verbessern kann, ohne zusätzliche Ressourcen aufzuwenden. Zum Beispiel, was die Vernetzung unterschiedlicher Akteure wie Sozialamt und Kitas betrifft. Für die fachliche Arbeit war das ein Fortschritt und hat einigen Familien geholfen. Aber es hat nicht zu einer wesentlichen Verbesserung der Situation insgesamt geführt. Es ist ja so: Wir als Staat wenden bereits viele Ressourcen auf. Zusammen mit der Kitaförderung investieren wir 200 Euro Millionen jährlich in die Unterstützung der Familien. Trotzdem sind die Zahlen schlecht. Staatliche Hilfe allein kann nicht die Lösung sein, die Defizite im Elternhaus können wir auf Dauer nicht ausgleichen. Das Elternhaus hat eine fundamentale Bedeutung für die Entwicklung der Kinder, deshalb müssen wir an die Eltern ran.

Ist es nicht selbstverständlich, dass die Eltern die Hauptverantwortung für das Wohl ihrer Kinder übernehmen?

Für das gute und gesunde Aufwachsen sind natürlich an erster Stelle die Eltern verantwortlich. Aber wenn man in die Kitas und Schulen geht, ist der Eindruck manchmal ein anderer. Angefangen bei den „Problem-Eltern“, die sich nicht immer um ihre Kinder kümmern – was gar nicht immer böser Wille sein muss – bis hin zu den Gutsituierten aus den Siedlungsgebieten (Biesdorf, Mahlsdorf, Kaulsdorf, d. Red.) sehen einige den Erziehungsauftrag primär bei den staatlichen Einrichtungen. Die wollen ihr Kind abgeben wohl erzogen, gut gebildet und fröhlich gestimmt abholen. So darf es nicht sein, also müssen wir die Eltern fit machen.

Häufig handelt es sich auch um generationsübergreifende Missstände. Die Eltern haben es selbst in ihrem Elternhaus nicht anders erfahren. Es gibt neben den „Problem Eltern“ zumeist auch „auffällige Kinder“, die sogenannten Symptomträger. Die Eltern fühlen sich oft nicht in der Lage dazu direkt Einfluss auf das Verhalten ihre Kinder zu nehmen und schreiben den Institutionen Ursache und Verantwortung zu, anstatt selbst tätig zu werden.

Und wie wollen sie das machen? Laut Strategiepapier geht es ihnen um eine „Stärkung ihrer Subjektposition durch Selbstwirksamkeitserleben“. Klingt ein bisschen esoterisch

Es geht darum, den Eltern klar zu machen: Wir nehmen dir nichts ab, aber wir unterstützen dich. Die Eltern sollen sich nicht fragen, wie können die mir helfen, sondern: Wie kann ich etwas tun? Wie kann ich zur Verbesserung beitragen, welche Unterstützung benötige ich dafür? Unser Stichwort lautet hier: Wir arbeiten nicht am oder für die Klienten, sondern nur mit ihnen! Zudem wollen wir auch früher ansetzen und bereits werdende Eltern fit machen.

Was muss man da vermitteln?

Zum Beispiel, dass es zwei Erziehungsberechtigte gibt, die gleichermaßen eine Rolle und Funktion haben, auch wenn die Eltern sich trennen. Dass Väter auch nach einer Trennung eine Verantwortung haben. Aber auch banale Sachen: Dass man seinem Kind abends mal vorliest, gemeinsame Mahlzeiten einnimmt, Zeit ohne Laptop, Handy oder Fernseher verbringt und mal rausgeht. Das sind die Punkte, die wir unter Prävention verstehen, aber da sind wir ganz schwach aufgestellt. Von den 81 Millionen Euro sind nur 400.000 Euro für Präventionsangebote. Da stimmt das Verhältnis nicht.

Wird sich dieses Verhältnis durch „Opti2“ ändern?

Ja wir planen hier knapp fünf Millionen Euro in die Prävention zu investieren. Langfristig kann und wird das auch zu einer Entlastung im Bereich der Hilfen zur Erziehung führen.

Zu Eltern vordringen, die mit sich selbst zu genug zu kämpfen haben, die womöglich Alkohol- oder Drogenprobleme haben: Ist das nicht eine Mammutaufgabe für die Mitarbeiter in den Jugendämtern?

Mammutaufgabe trifft es ganz gut. Am schwierigsten ist es ja, wen Eltern nicht mitmachen wollen oder können. Deswegen die Idee, die Eltern aufzufangen und mitzunehmen, bevor sie aufgeben und keine Lust mehr haben. Deshalb ist es auch wichtig, die vorhin genannten Anforderungen zu formulieren. Wenn das zu gesellschaftlichem Konsens wird, erzeugt das womöglich einen gewissen sozialen Druck. Ich glaube, beide Strategien müssen Hand in Hand gehen: Angebote aufweisen, Kompetenzen früh stärken, aber auch klar machen: Es gehört zu Euren Aufgaben, dass Ihr Eurer Verantwortung nachgeht und Nachbarn und Freunde sehen das auch so.

Wie sehen die Maßnahmen denn konkret aus?

Da stehen wir noch am Anfang. Wir reden ja von Eltern, denen wir nicht einfach einen Flyer in die Hand drücken können. Im Prinzip ist die Idee, sie niedrigschwellig zu erreichen, etwa durch Angebote in den Kitas. So etwas gibt es schon im Bezirk, etwa in den Jugend- und Familienzentren, auch wenn die bei weitem noch nicht so gut ausgestattet sind, dass da alles wunderbar wäre. Aber dort erreichen wir immerhin die Eltern, an die wir sonst schwierig rankommen. Wenn man sie dort schon auf Angebote hinweist, kann das bereits helfen. Zusammenfassend kann man sagen, dass eine Qualifizierung unserer Mitarbeiter im Jugendamt, sowie ein Ausbau der Familienförderung, Schulsozialarbeit und die enge Vernetzung mit Schulen und Kitas im Bezirk eine zentrale Rolle spielen werden.

Im Konzept ist auch von einem „Familienklassenzimmer“ die Rede, was kann man sich darunter vorstellen?

Ein Familienklassenzimmer ist ein an der Schule verortetes Projekt. Vorrangig geht es darum, die Kinder, die Probleme im Schullalltag haben, dabei zu unterstützen wieder Lernerfolge zu erzielen. Eltern nehmen an dem Projekt vor Ort teil und unterstützen ihre Kinder darin, die bestehenden Regeln der Schule einzuhalten und sich Herausforderungen im Schulalltag zu stellen. Eltern und Lehrer arbeiten dabei „Hand in Hand“. Durch die Bildung von Elterngruppen erfahren auch die Eltern Entlastung. Die Elterngruppen werden in der Regel durch multifamilientherapeutische Fachkräfte unterstützt.

Müssen Sie für „Opti2“ personell nachrüsten? Im Jugendamt sind ja jetzt schon nur 75 von 83 Stellen besetzt.

Wir haben in dem Konzept implementiert, dass es genug Kollegen sein müssen, um gute, inhaltliche Arbeit zu gewährleisten. Offiziell darf jede Kraft ja nur maximal 65 Fälle bearbeiten, wobei fraglich ist, ob das nicht zu viel ist. Letzten August konnte ich im Bezirksamt und der Bürgermeisterin, die für Personal verantwortlich ist, 6,4 Stellen erkämpfen. Wenn wir die alle besetzen wären wir bei 67 Fällen pro Stelle. Das heißt wir haben noch Nachholbedarf. Wir kämpfen als Bezirk, dass da auf Landesebene noch Bewegung reinkommt. Das gilt auch für die Bezahlung.

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