Stadtentwicklung

Neubau-Verdichtung bringt Biesdorfer auf die Barrikaden

Weil sie sich Sorgen wegen eines neuen Plattenbaus machen, wenden sich die Anwohner im Cecilienviertel an Bausenatorin Lompscher.

Auf dem Grundstück an der Wuhlestraße fanden bereits Probebohrungen statt. Im Oktober soll es mit den Bauarbeiten losgehen

Auf dem Grundstück an der Wuhlestraße fanden bereits Probebohrungen statt. Im Oktober soll es mit den Bauarbeiten losgehen

Es sollte ihr Ruhesitz im Alter werden. Viel Geld hatten Dagmar Lenz und ihr Mann in ihre Wohnung gesteckt, als sie vor vier Jahren herzogen. Sie lieben den Blick vom Balkon auf den großen grünen Hof, der etwas von einem Park hat. Doch mit der Idylle wird es wohl bald vorbei sein. Die Bewohner im Cecilienviertel sind aufgeschreckt.

Denn die Wohnungsbaugesellschaft Degewo will in der Wohnsiedlung im Norden Biesdorf einen neuen Plattenbauriegel bauen. Das Gebäude auf dem Grundstück an der Wuhlestraße 2-8 schließt die U-förmige Struktur, die mit dem Abriss eines Gebäudes an selber Stelle entstanden war. Für Dagmar Lenz und ihre Nachbarn ein Horrorszenario. „Alle 2000 Anwohner sind entsetzt“, sagt sie.

Der neue Achtgeschosser, so ihre Sorge, wird ihnen die Wohnqualität rauben. Baulärm, weniger Sonnenlicht, weniger Sicht und außerdem ein Kippen der sozialen Mischung – die Hälfte der 142 Wohnungen sind Sozialwohnungen. Vor allem stört Dagmar Lenz, die eine Bürgerinitiative gegründet hat, dass das Gebäude einen Knick Richtung Innenhof macht, was die Anwohner noch mehr einschränken würde.

Atmosphäre "ziemlich aggressiv und herablassend"

Lenz und ihre Mitstreiter haben das Gespräch mit dem Bezirk und der Degewo gesucht. Es wurden Gegenvorschläge gemacht, etwa das Gebäude nicht ganz so hoch zu bauen oder die Gärten im Erdgeschoss Richtung Straße, und nicht Richtung Hof anzulegen. Oder das Projekt im besten Fall einfach ganz abzublasen.

Doch für Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) scheint es kaum vermittelbar, warum man dort, wo früher schon Wohnhäuser standen, nicht neue errichten sollte. Vor zehn Jahren, als Leerstand im Bezirk noch ein Problem war, wurde an der Wuhlestraße im Rahmen des Programms Stadtumbau Ost ein elfgeschossiger Plattenbau abgerissen. Inzwischen wird Marzahn-Hellersdorf im Allgemeinen und Biesdorf im Speziellen als Wohnort immer attraktiver. Aktuell entstehen nördlich der Wuhlestraße in der Ringelnatz-Siedlung 300 weitere Wohnungen, die bald bezugsfertig sind.

Zwei Mal traf sich die Initiative mit Pohle und ihrem Amtsleiter, einmal waren auch Vertreter der Degewo dabei. Die Atmosphäre empfanden die Anwohner nach eigener Aussage als „ziemlich aggressiv und herablassend“. Per Brief haben sich Lenze und Co. nun an Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) gewandt. Ob die Senatorin wegen der Verdichtung nicht noch etwas unternehmen könne? Aus dem Hause Lompscher erfolgte bislang keine Rückmeldung, auch eine Morgenpost-Anfrage blieb unbeantwortet.

Baubeginn bereits im Oktober

Am Donnerstag brachte Lenz ihr Anliegen in der Bezirksverordnetenversammlung noch mal zur Sprache und überreichte eine Petition, die von rund 600 Anwohnern unterschrieben wurde. Bezirksbürgermeisterin Pohle erinnerte daran, dass es sich bei dem Grundstück planungsrechtlich nun mal ein Bebauungsgrundstück handele und die Degewo nur ihr Auftrag nachkomme, dort Wohnungen zu errichten. Und: „Ich weiß, es ist nicht einfach hinzunehmen, was man nicht gewohnt ist, aber man muss der wachsenden Stadt manchmal Rechnung tragen.“

Gleichwohl halte sie ein Anwohnergespräch mit der Degewo für sinnvoll. Doch dazu wird es wohl nicht kommen. Einerseits wird in Kürze die Baugenehmigung erteilt, die Degewo will dann bereits im Oktober mit den Arbeiten gewinnen. Andererseits hält die Wohnungsbaugesellschaft eine Veranstaltung nicht für notwendig. Es habe bereits Gespräche mit Anwohnern, Mieterrat und auch Vertretern der Bürgerinitiative Cecilienviertel gegeben.

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