Gnadenhochzeit

"Ein Ehepaar hat zwei Köpfe immer - und das ist schlimmer"

Elga und Ulrich Jahnke aus Hellersdorf haben ihr 70-jähriges Hochzeitsjubiläum gefeiert. Wie hält man es so lange aus?

Seit fast 40 Jahren wohnen Elga und Ulrich Jahnke in Hellersdorf

Seit fast 40 Jahren wohnen Elga und Ulrich Jahnke in Hellersdorf

Ein junger Mann kommt aus der Kriegsgefangenschaft, er kehrt in seine Heimatstadt zurück, trifft ein Mädchen, sie tanzen Foxtrott, obwohl doch eigentlich Walzer läuft. Sie verlieben sich, heiraten, ziehen nach Berlin, zwei Kinder, vier Enkel, vier Urenkel. Ihr Leben: ein Auf und Ab mit Hochs und Tiefs, doch heute, 70 Jahre, nachdem ein griesgrämiger alter Herr sie im Standesamt von Pasewalk zu Mann und Frau machte, sind Ulrich und Elga Jahnke immer noch verheiratet. Das ist die Kurzfassung.

Nein, natürlich nicht, sagt Elga Jahnke, während sie im neunten Stock ihrer Plattenbauwohnung in Hellersdorf Sprudel serviert. Vom Balkon aus reicht der Blick bis zu den Gärten der Welt, darüber drehen die Gondeln der Seilbahn ihre Runden. Nein, sagte Helga Jahnke also, natürlich habe sie nicht gedacht, dass sie und ihr Uli, den sie nur Ulrich nennt, wenn er etwas angestellt hat, so lange zusammen seien würden. Allein, dass sie so alt werden würden, sie 90, er 91 Jahre, das dachte keiner nach dem Krieg.

Es passiert beim Tanzen, auf dem „Tanzboden“, wie man Discos damals nennt. Viel gibt es nicht im komplett zerbombten Pasewalk im Osten Mecklenburg-Vorpommerns. „Selbst elektrisches Licht hatten nur die Russen“, sagt Ulrich Jahnke, der sich im Juni 1946 mit einem Freund amüsieren will. Elga ist mit einer Freundin unterwegs. Und weil Ulis Freund nur Augen für Elgas Freundin hat, müssen die beiden Übriggebliebenen schließlich „abklatschen“. Beide sind in Pasewalk aufgewachsen, sich aber nie zuvor begegnet. Viel gesprochen wird nicht.

Beide gehen mit 14 Jahren von Zuhause weg

Es geht dann immer wieder zum Tanzen, irgendwann darf Uli seine Elga nach Hause bringen, sie backt ihm Kuchen, und irgendwann bemerken sie, dass es ein Thema gibt, das sie verbindet. Beide hatten mit 14 Jahren ihre Heimat verlassen. Uli, um in Rostock eine Lehre zum Metallflugzeugbauer zu absolvieren, dem „Job der Zukunft“. Elga ging zur Lehrerbildungsanstalt nach Havelberg. „Und schon hatten wir etwas, worüber wir sprechen konnten“, sagt Uli Jahnke.

Zwei Jahre später wird geheiratet, zum Standesamt muss Elgas Vater sie begleiten, mit 20 Jahren ist sie noch nicht alt genug. Das alles überragende Thema bei der Feier: Essen. „Es gab keine Hochzeitsreden“, erinnert sich Uli Jahnke. "Wer 1948 mit Essen beschäftigt war, hatte keine Zeit zum Reden.“ Dank Freunden und Verwandten gelingt es, genug für die 33 Gäste zusammenzuhamstern: Kaninchen, Gans, Fisch, Schinken, zum Nachtisch Pflaumenkuchen. Das einzig nicht essbare Geschenk – ein Kupferteller.

Es sollten keine leichten Jahre folgen. Uli ging zum Studieren nach Wismar, Maschinenbau. Für Flugzeugbauer gab es keine Jobs, Deutschland hatte keine Luftwaffe mehr. Seine Frau sah er nur alle fünf bis sechs Wochen. Elga lebt mit der gesamten Großfamilie in beengten Verhältnissen, teilweise ohne Licht und Heizung. „Wir haben die Zeit überstanden, aber ich würde sie keinem anderen wünschen.

Irgendwann hat Uli ein Jobangebot in Berlin und das junge Paar und zum ersten Mal die Möglichkeit, zusammenzuziehen. Doch Elga hat keine Zuzugserlaubnis, sie hält sich schwarz in Berlin auf. 1952 wohnen sie vorübergehend sogar in einer Laube von Verwandten, später dann in einem kleinen Zimmer. Und dann ist da noch Töchterchen Sylvia, dass sie bei der Familie in Pasewalk lassen müssen, es ist eine schwere Zeit. „Wir musste uns ja auch komplett neu kennenlernen, wir hatten uns ja vier Jahre kaum gesehen“, sagt Elga Jahnke.

Bei einem Jobangebot im Westen muss Uli sich entscheiden

Doch irgendwann kehrt das Glück ein. Sie finden eine Wohnung, 90 Quadratmeter in Prenzlauer Berg, und Uli einen sicheren Job bei der Berliner Wärmeanlagenbau GmbH. Elga arbeitet als Bibliothekarin, zehn Jahre nach Geburt der Tochter kommt Sohn Christian auf die Welt. Sie legen sich einen Schrebergarten in Heinersdorf zu und reisen viel, einmal mit dem Trabi bis nach Ungarn und weiter, fast bis zur türkischen Grenze. Nur einmal muss Uli sich entscheiden: Als er ein Jobangebot aus dem Westen hat, macht Elga ihm klar, dass sie nicht mitgehen wird. Uli bleibt.

70 Jahre Ehe, wie hält man das so lange aus? „Man muss schon einiges schlucken und mit den Marotten des anderen klarkommen können“, sagt Elga Jahnke und guckt ihren Mann an, lächelt, streicht ihm über den Arm: „Vor allem, wenn der anderen immer auf seinen Kopf bestehen will.“ Uli Jahnke hat sich seinen Konter schon zurechtgelegt, er zitiert Wilhelm Busch: „Ein Ehepaar hat meist vier Arme und vier Beine. Zwei Köpfe immer – und das ist schlimmer.“

70 Jahre Hochzeit, für dieses Jubiläum gibt es das unschöne Wort Gnadenhochzeit, das verdeutlichen soll, dass man an diesem Tag Gnade und Dankbarkeit verspüren soll ob der langen Zeit, die man gemeinsam hatte. Vom Bezirksamt wurden Elga und Uli Jahnke am Montag dafür geehrt. Allzu viel haben sie sich daraus nicht gemacht, Tamtam ist ihre Sache nicht. Sie wollen einfach noch ein bisschen zusammen bleiben.

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