Prozess in Berlin

Kinder in Müllwohnung fast verdurstet: Mutter verurteilt

Julia W. ließ ihre Söhne (drei Jahre und elf Monate alt) in einer völlig verdreckten Wohnung zurück. Urteil: ein Jahr auf Bewährung

Polizeiauto (Archivbild)

Polizeiauto (Archivbild)

Foto: Christian Horz / Getty Images/iStockphoto

Berlin. „Just do nothing“, frei übersetzt „Tu einfach gar nichts“ steht auf dem T-Shirt, das Julia W. trägt, als sie am Mittwoch zu ihrer Verhandlung vor dem Amtsgericht Tiergarten erscheint. Der Vorsitzende Richter ist der erste, der bemerkt, dass die Aufschrift irgendwie zu den Vorwürfen passt, wegen der sich die 23-Jährige verantworten muss. Denn wenn es um die Versorgung ihrer beiden Kinder, der Ältere drei Jahre, der Jüngere elf Monate alt oder um den Zustand ihrer Wohnung ging, scheint Julia W. tatsächlich nichts getan zu haben. Verletzung der Fürsorgepflicht wirft ihr die Staatsanwaltschaft vor, das ist ein reichlich dünner und nüchterner Begriff für das Drama, dass in der Verhandlung zutage tritt.

Grundlage der Anklage ist ein Vorfall aus dem Dezember vergangenen Jahres. Bei der Berliner Feuerwehr geht der Anruf einer Bewohnerin eines Hochhauses in Hellersdorf ein. Seit Stunden dringe dort lautstarkes Kindergeschrei aus einer Wohnung, teilt die Frau mit. Rettungskräfte machen sich sofort auf den Weg, einer der Sanitäter schildert am Mittwoch vor Gericht, was die Helfer erwartete. Dass der Fall schon einige Monate zurückliegt, trübt das Erinnerungsvermögen des Feuerwehrmannes kein bisschen, das Erlebte habe sich in sein Bewusstsein regelrecht eingebrannt“, erklärt der Zeuge.

"In 20 Jahren bei der Feuerwehr habe ich so etwas nicht erlebt"

Die Schreie aus der Wohnung seien so extrem gewesen, dass man gar nicht erste geprüft habe, ob drinnen jemand auf Klingeln reagiert. Auch auf den Versuch, über die Hausverwaltung einen Schlüssel zu bekommen, wird verzichtet, stattdessen wird ohne lange zu fackeln mit einer Ramme die Wohnungstür aufgebrochen. In der Wohnung stoßen die Rettungskräfte zunächst auf den elf Monate alten Jungen, der durch Flüssigkeitsmangel bereits in einem kritischen Zustand ist. Beide Kinder sind dem Zeugen zufolge völlig verdreckt, ebenso wie die gesamte Wohnung. „In 20 Jahren bei der Feuerwehr habe ich so etwas nicht erlebt“, beschreibt der Zeuge die Zustände.

Die beiden kleinen Jungen waren genau genommen nicht die einzigen Lebewesen in der Wohnung. Verdreckte Kleidungsstücke, gebrauchte aber nicht entsorgte Windeln und verschimmelte Essensreste hatten den Zeugen zufolge bereits „Legionen von Fliegen2 und anderes Getier angelockt. Ebenso rührend wie traurig ist das, was der Feuerwehrmann über den Dreijährigen erzählt. Von der Mutter allein gelassen hatte er offenbar versucht, seinen kleinen Bruder mit dem Inhalt aus einer geöffneten Packung mit Backmischung zu füttern. Dass dieser Inhalt ebenfalls bereits verschimmelt war, kann ein Dreijähriger nicht wissen.

Weitere Details zu dem, was die Einsatzkräfte in der Wohnung vorfanden, lassen sich kaum wiedergeben. Und die Fotos in den Akten müssen noch schockierender sein. Immer bevor Prozessbeteiligte oder Zeugen die Bilder in Augenschein nehmen müssen, warnt der Vorsitzende sie vor dem, was sie gleich zu sehen bekommen.

Mutter: "Ich hatte viel Stress"

Die Einsatzkräfte der Feuerwehr teilen ihre Aufgaben auf, einer kümmert sich um die beiden Kinder, einer durchsucht die Wohnung. „Wir dachten, womöglich schreien die Jungen aus Angst um ihre Mutter, aber von der fehlte jede Spur“, berichtet ein Zeuge. Über einen Hausbewohner, der die junge Frau näher kennt, gelingt es, Kontakt zu der 23-Jährigen herzustellen. Die lässt ausrichten, sie sei beim Arzt gewesen, befinde sich auf dem Rückweg und treffe jeden Moment zuhause ein. Die Rettungskräfte warten, zwei Stunden, dann brechen sie ab, ohne das die Mutter aufgetaucht wäre. Nachdem die Kinder gesäubert und ärztlich versorgt wurden, werden sie erst einmal den Großeltern übergeben.

Eine klassische Kriminelle ist die 23-Jährige nicht, auch wenn ihr eine Straftat vorgeworfen wird. Wie in vielen dieser Fälle liegt bei ihr vor allem eine hoffnungslose Überforderung, gepaart mit einer gewissen Gleichgültigkeit vor. Das wird auch in der Verhandlung deutlich. Der Richter gibt sich viel Mühe, der Frau ein paar Angaben zu ihrem Verhalten und ihrem Leben zu entlocken. Viel mehr als „Ich hatte viel Stress“ kommt dabei nicht heraus. Am Ende der Verhandlung verurteilt das Schöffengericht die 23-Jährige zu einer einjährigen Bewährungsstrafe. Was mit den Kindern geschieht, das muss ein anderes Gericht entscheiden.

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